Schunkeln bis nach Mitternacht und ein Ruf: „Käfer fleech!“

Mit drei Zeltveranstaltungen auf dem Matthias-Hoeren-Platz und einem Karnevalsumzug am Tulpensonntag hat die IG Käfer fleech! e. V. in der Session 2026 erneut ein umfangreiches Programm in Korschenbroich organisiert. Höhepunkt des Karnevalssamstags war das Bühnenprogramm mit der Jürgen Möller Allstar Band, den Dröpkes und DJ Glasi.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker, Maris Rietrums und Inge Kroese

Korschenbroich – Es war dieser eine Moment, als das Licht im Festzelt auf dem Matthias-Hoeren-Platz flackerte, die ersten Takte durch die Lautsprecher schossen und sich eine Welle aus Glitzer, Konfetti und Vorfreude in Bewegung setzte – da wusste jeder im prall gefüllten Rund: Koschebrook kann wieder Karneval. Und wie!

Foto: Rheinischer Spiegel/Maris Rietrums

Nach dem gefeierten Premierenjahr setzte die frisch gegründete IG Käfer fleech! e. V. auch 2026 auf ihr Erfolgsrezept: drei große Zeltveranstaltungen und der närrische Umzug am Tulpensonntag durch Neersbroich und die Korschenbroicher Innenstadt. Karnevalssamstag wurde dabei zum brodelnden Herzstück der Session. Schon früh strömten die Jecken in fantasievollen Kostümen auf den Platz – Bierflaschen mit blinkenden Lichterketten, Hühner mit Federboa, ein erstaunlich bewegliches Reh, Panzerknacker mit prall gefüllten Jutesäcken, Nonnen mit Sonnenbrillen. Und alle hatten nur ein Ziel: feiern, singen, tanzen – bis das Zelt wackelt.

Als die Jürgen Möller Allstar Band die Bühne enterte, sprang der Funke sofort über. Frontmann Jürgen Möller, mit charismatischer Stimme und verschmitztem Lächeln, riss die Menge mit dem ersten Refrain von „Poppe, Kaate, Danze“ von den Bänken. Gitarrist Gerd Strasdas ließ seine Saiten glühen, während Jonas Loth am Schlagzeug den Takt wie ein närrisches Uhrwerk drosch. Wolfgang Hommers wirbelte an der Perkussion, als gäbe es kein Morgen, Josef Thomas legte mit Bass und Gesang ein sattes Fundament, Andreas Fortenbacher schichtete Keyboardteppiche darüber und Manuel Schiffer setzte mit Gitarre und Gesang rockige Akzente.

Foto: Rheinischer Spiegel/Maris Rietrums

„Sünderlein“ wurde zur lautstarken Liebeserklärung an das Leben, „Su lang mer noch am Lääve sin“ verwandelte das Zelt in einen einzigen schunkelnden Organismus. Die Texte? Saßen. Jede Zeile wurde von einem textsicheren Publikum mitgesungen, als hätte man wochenlang im Proberaum geübt. Und als später in der Nacht plötzlich Rocksongs die Regie übernahmen, schwenkten selbst die Nonnen ihre Arme im Takt, während das Reh auf der Bierbank headbangte. Karneval traf Konzert, Mitsing-Show traf Party – und niemand wollte, dass dieser Rausch endet.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war der Auftritt der Dröpkes – einer Formation mit Geschichte, Herzblut und einer ordentlichen Portion rheinischem Temperament. Ihre Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1996, als sie noch als „Dahler Dröpkes“ erstmals in Mönchengladbach auftraten – damals mit Akkordeon, Gitarre und Schellenkranz, mit Liedern der Bläck Fööss und Höhner im Gepäck. Was als einmaliger Auftritt gedacht war, entwickelte sich zur Dauerliebe an den Karneval.

Foto: Rheinischer Spiegel/Maris Rietrums

Über die Jahre wuchs die Band, veränderte sich, wurde rockiger, vielseitiger, tourte durch Nordrhein-Westfalen, Belgien und die Niederlande, spielte auf Stadt- und Betriebsfesten – sogar auf Mallorca. Mit Eigenkompositionen wie „Et kütt wie et kütt“ und „Kumm Mädche danz“ gewannen sie gleich zweimal die närrische Hitparade von Radio 90.1. Und auch ihrer Heimat setzten sie mit „Mönchengladbach – meine Stadt am Niederrhein“ ein musikalisches Denkmal.

Im Festzelt von Korschenbroich zeigten die Dröpkes eindrucksvoll, warum sie seit Jahrzehnten zur festen Größe im rheinischen Karneval zählen. Die Gitarrenriffs kamen knackig, das Schlagzeug – seit November 2022 von Simon Heinen getaktet – trieb die Menge nach vorn. Der Sound war kölsch, schlagerverliebt und doch immer wieder mit rockiger Kante. Als der Refrain von „Kumm Mädche danz“ erklang, verwandelte sich der Matthias-Hoeren-Platz endgültig in ein Meer aus hüpfenden Jecken. Arme in der Luft, Stimmen am Limit, Lachen überall.

Später übernahm DJ Glasi das Kommando und ließ die Nacht mit einem Mix aus Karnevalsschlagern, Partyhits und kölschen Klassikern weiterglühen. Die Tanzfläche blieb dicht gefüllt, die Kostüme wurden mit jeder Stunde ein wenig schiefer, aber die Stimmung? Ungebrochen euphorisch.

Foto: Rheinischer Spiegel/Inge Kroese

Dass dieses Spektakel wieder möglich wurde, ist der IG Käfer fleech! e. V. zu verdanken. Die Wurzeln reichen tief in die Neersbroicher Tradition. Jahrzehntelang hatten die Sportfreunde Neersbroich den legendären Zug organisiert – ein ganz eigener, ungewöhnlicher Lindwurm ohne Prinzenpaar, ohne große Wagen, ohne „Helau“ oder „Alaaf“. Stattdessen zogen die Jecken mit Bollerwagen und Handkarren los und riefen ein langgezogenes „Käfer fleech!“ in die Menge.

1987 war die Idee geboren worden, vom Sportplatz an der Bruchstraße zu starten und anschließend gemeinsam weiterzufeiern. Diese besondere Form des Feierns wurde bis 2020 gepflegt – nur im Jahr des Golfkrieges fiel der Zug aus. 2020 stoppte dann ein Sturm den geplanten „Neersbroich for future“-Zug kurzfristig, nachdem am Vorabend noch über 2.000 Besucher in der Bolten-Brauerei mit drei Live-Bands gefeiert hatten. Süßigkeiten und Wurfmaterial, bereits gestapelt in Kisten, wurden später der örtlichen Tafel gespendet.

Corona brachte 2021 und 2022 eine weitere Zwangspause. 2023 wurde klar: Die alten Strukturen ließen sich nicht einfach wiederbeleben. Also setzte man sich zusammen. Vertreter der Stadt, der Bruderschaften St. Sebastianus und St. Katharina Junggesellen sowie der Sportfreunde Neersbroich gründeten Ende 2023 die IG Käfer fleech! e. V. – mit dem erklärten Ziel, das närrische Brauchtum ab 2025 neu aufzustellen, finanziell solide und organisatorisch tragfähig.

Das Konzept: Drei Zeltveranstaltungen – Altweiber, Karnevalssamstag und eine After-Zoch-Party am Sonntag – im Großzelt auf dem Matthias-Hoeren-Platz. Erlöse aus den Feiern sollen langfristig den Umzug sichern. Ein Plan, der aufging.

Als gegen Mitternacht noch immer geschunkelt, gesungen und getanzt wurde, als „Koschebrook – do schläät mi Hätz“ aus hunderten Kehlen dröhnte und sich Fremde in den Armen lagen wie alte Freunde, war klar: Hier wurde nicht nur gefeiert. Hier wurde ein Stück Identität neu entfacht. Und draußen, über dem Matthias-Hoeren-Platz, schien es fast so, als würde selbst der Winterhimmel im Takt des rheinischen Frohsinns pulsieren. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Inge Kroese