Süchtelns Rathaus kapitulierte vor der geballten Narrenschar

Es war einer dieser Morgen, an denen der Himmel grau ist – und trotzdem alles leuchtet. Während der Regen in feinen Fäden vom Himmel fiel, mischte sich das Trommeln der Dudelsäcke mit dem Klatschen nasser Schuhe auf Kopfsteinpflaster. Und mitten in diesem klangvollen Prasseln wurde klar: In Soetele beginnt kein gewöhnlicher Tag. Es ist der Tag, an dem die Narren die jecke Herrschaft übernehmen. 
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Rita Stertz

Soetele – Schon früh sammelte sich die jecke Schar. Federhüte wippten, Orden blitzten im fahlen Licht, und bunte Schirme verwandelten den Platz in ein bewegtes Farbenmeer. Angeführt von den White Hackle Pipes and Drums e. V. setzte sich der närrische Zug in Bewegung. Die Dudelsäcke heulten stolz gegen den Wind an, Trommelschläge hallten zwischen den Häuserfassaden wider – und mit jedem Takt wuchs die Gewissheit: Heute fällt das Rathaus.
„Ab jetzt gehört Soetele dem Frohsinn!“, rief ein Jeck, während neben ihm Konfetti im Regen klebte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Kinder hüpften durch Pfützen, Prinzenkappen wurden festgehalten, und selbst der Himmel schien vor Rührung ein paar Tränen zu vergießen – vielleicht, weil diese Session so besonders war und sich ihr Höhepunkt nun unaufhaltsam näherte.

Im Rathaus hatten sich die Verteidiger postiert. Ortsbürgermeister Wolfgang Genenger und der Viersener Beigeordnete Ertunç Deniz stellten sich tapfer der närrischen Übermacht entgegen. In ihren Gesichtern lag ein entschlossenes Lächeln – doch wer genau hinsah, konnte schon das Funkeln der bevorstehenden Kapitulation erkennen. Gegen Dreigestirn, Kinderprinzenpaar, den Bacchus der Friedensstraße und ein ausgelassenes Gefolge war kein Kraut gewachsen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Mit donnerndem „Sö-tel-sche Muuh-re-soat“ brandete der Ruf entlang der Tönisvorster Straße, doch der Regen hielt ebenso stand wie die Verteidigung im Rathaus. „Hier herrscht Gesetz, Paragraf und Pflicht – doch leider hilft das heute nicht“, hallte es heraus.

Helau, Alaaf, ihr Narren all,
ich grüße euch hier aus dem Saal!
Als Hausherr steh ich nun vor Euch,
Dieses Rathaus hier
gehört der Ordnung, nicht dem Bier!

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Hier herrscht Gesetz, Paragraf und Pflicht –
doch leider hilft das heute nicht.
Ich droh mit Akten, dick und schwer,
mit Haushaltsplan und Formular-Meer.
Der Prinz ruft laut: „Jetzt ist es aus!“
Der Bauer rüttelt schon am Haus.

Die Jungfrau sagt mit süßem Ton:
„Es nützt nichts – komm runter vom Thron“
Ich seh es ein, es hat keinen Zweck,
Konfetti klebt schon am Jackett.
Der Schlüssel zittert in meiner Hand,
der Widerstand ist abgebrannt.

Drum geb ich auf mit Würd’ und Stil,
denn gegen Frohsinn gibt’s kein Ziel.
Ich übergeb – ganz offiziell –
das Rathaus Euch, doch merkt Euch schnell:
Regiert mit Herz, mit Witz, mit Maß,
mit Freude, Frohsinn und auch Spaß.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Denn eines gilt – das ist doch klar:
Nach Aschermittwoch… bin ICH wieder da!
In diesem Sinn: Helau und Alaaf!
Das Dreigestirn regiert ab heut –
das Rathaus lebt – in Narren-Freud!
Darauf lasst uns ausrufen ein Dreifaches:
Soe-tel-sche Muuh-re-soat

Mit der Schlüsselübergabe war das Rathaus offiziell zur närrischen Hochburg erklärt. Die Verwaltung hatte Pause – zumindest symbolisch. Statt Amtsstuben-Atmosphäre zog ausgelassene Feierlaune ein. Die Karnevalisten setzten ihren Triumphzug fort zum Lindenplatz, wo bereits Bühne, Lautsprecher und erwartungsvolle Gesichter auf sie warteten.
Dort zeigte sich Süchteln von seiner feierfreudigsten Seite.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Tanzgarden wirbelten über die Bühne, Uniformen funkelten und trotz des Regens, der sich glücklicherweise langsam zurückzog, klatschten Hunderte im Takt. Die Musik ließ selbst klamme Finger vergessen, dass es eigentlich ein grauer Wintertag war. Stattdessen vibrierte der Platz vor Lebensfreude.
Eine junge Tänzerin, noch außer Atem vom Auftritt, sagte mit leuchtenden Augen: „Das ist unser Moment im Jahr. Egal, ob’s regnet – wir bringen die Sonne einfach selbst mit.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Machtübernahme markierte den offiziellen Auftakt in die heiße Phase der fünften Jahreszeit. In Süchteln heißt es nun: feiern, lachen, tanzen – bevor am Aschermittwoch die Welt wieder ein Stück ernster wird und der Schlüssel an seinen angestammten Platz zurückkehrt.
Bis dahin aber regiert das Lachen. Und irgendwo zwischen Dudelsackklängen, Regentropfen und Konfetti liegt dieser besondere Zauber, der Süchteln Jahr für Jahr in eine Hochburg des Frohsinns verwandelt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Soe-tel-sche Muuh-re-soat.
Soe-tel-sche Muuuuh-re-soat.
Soehoe-tehel-schehe Muuh-re-soat. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz