Wenn ADHS den Alltag bestimmt – Selbsthilfevereine werden für Betroffene unverzichtbar

Im Kreis Viersen leben nach Schätzungen tausende Menschen, die von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, betroffen sind. Während eine exakte Zahl für die Region nicht vorliegt, lassen sich anhand bundesweiter Prävalenzraten annähernde Zahlen ableiten.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Kreis Viersen – In Deutschland zeigen Studien, dass etwa 4,7 bis 7,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 2,5 bis 5 Prozent der Erwachsenen von ADHS betroffen sind. Übertragen auf die rund 298.000 Einwohner des Kreises Viersen könnten dies mehr als 11.900 Menschen sein – die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen, da viele Fälle bisher nicht diagnostiziert wurden. Besonders auffällig ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Laut einem Gesundheitsbericht hat nicht nur der Kreis Viersen lange Wartezeiten für eine ADHS-Therapie.

Kinder mit ADHS zeigen häufig Symptome wie motorische Unruhe, Impulsivität und Schwierigkeiten, sich über längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren. Diese Auffälligkeiten wirken sich nicht nur auf Schule und Freizeit, sondern auch auf die familiären Strukturen aus. Bei Erwachsenen verläuft ADHS oft weniger offensichtlich. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, ihren Alltag zu organisieren, Termine einzuhalten oder Aufgaben systematisch zu bearbeiten. Impulsivität zeigt sich im zwischenmenschlichen Bereich: Erwachsene unterbrechen häufig andere beim Sprechen, handeln spontan und treffen Entscheidungen ohne ausreichende Planung. Probleme im Beruf, schnelle Jobwechsel, voreilige Kündigungen oder Konflikte im Straßenverkehr sind nicht selten. Hinzu kommt eine niedrige Frustrationstoleranz, emotionale Labilität und häufig ein geringes Selbstbewusstsein. Manche entwickeln Depressionen oder greifen auf Alkohol und Drogen zurück, um mit den Symptomen zurechtzukommen.

Ein Erfahrungsbericht verdeutlicht, wie ADHS den Alltag prägt: Ein 32-jähriger Mann aus Viersen, der lieber unerkannt bleiben möchte, berichtet von ständigen Schwierigkeiten bei der Arbeit: „Ich vergesse oft Termine oder wichtige E-Mails. Selbst kleine Aufgaben dauern bei mir Stunden, weil ich mich kaum konzentrieren kann. Privat ist es ähnlich – ich vergesse Geburtstage oder verplane Wochenenden. Ohne die Selbsthilfegruppe hätte ich das Gefühl, völlig allein zu sein.“ Er beschreibt, dass die regelmäßigen Treffen einer lokalen Selbsthilfegruppe ihm helfen, Strategien zu entwickeln, den Alltag besser zu strukturieren und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. „Zu wissen, dass andere ähnliche Probleme haben, nimmt den Druck enorm“, sagt er.

Die Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter stellt eine besondere Herausforderung dar. Sie basiert auf den gleichen Kriterien wie bei Kindern: Symptome müssen bereits in der Kindheit bestanden haben, mindestens sechs charakteristische Anzeichen von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität müssen vorliegen, und die Beeinträchtigungen müssen in mehreren Lebensbereichen spürbar sein. Rückblickend helfen spezielle Fragebögen wie die „Wender-Utah-Rating-Scale“, um die Diagnose bei bisher unerkannten Fällen zu bestätigen. Ein sorgfältiges Ausschließen anderer psychischer Erkrankungen, etwa Borderline- oder bipolare Störungen, ist dabei entscheidend.

Oft treten Begleiterkrankungen auf. Viele Erwachsene mit ADHS leiden zusätzlich unter Depressionen, sozialen Verhaltensstörungen, Tic-Störungen oder Suchterkrankungen. Diese Begleitprobleme sind teilweise direkte Folgen der ADHS und erschweren die Bewältigung des Alltags. Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie, psychosomatische Medizin, Neurologie sowie psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind die zentralen Ansprechpartner für Erwachsene. Junge Menschen, die mit ADHS volljährig werden, müssen häufig frühzeitig nach neuen Behandlungsmöglichkeiten suchen, da die Wartezeiten lang sein können.

Neben der medizinischen Versorgung spielt die Selbsthilfe eine entscheidende Rolle – allen voran der Verein ADHS Deutschland e. V., der sich seit vielen Jahren für Betroffene und deren Familien engagiert. Der gemeinnützige Verein ist auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene aktiv und bietet umfassende Unterstützung in über 200 Selbsthilfegruppen, sowohl vor Ort als auch virtuell. Betroffene erhalten hier die Möglichkeit zum Austausch, zur Vernetzung und zur gegenseitigen Beratung. Darüber hinaus informiert ADHS Deutschland regelmäßig über ADHS, Begleiterkrankungen, Therapieformen und aktuelle Forschungsergebnisse – sowohl online über die Website und Social-Media-Kanäle als auch in gedruckter Form. Fortbildungen für Gruppenleitungen, Ehrenamtliche, Fachkräfte, Angehörige und Betroffene sichern die Qualität der Arbeit und sorgen für fachlich fundiertes Wissen. Der Verein initiiert außerdem regionale und überregionale Projekte, arbeitet in Arbeitskreisen und Netzwerken mit, veranstaltet Vorträge und ist auf politischen und wissenschaftlichen Ebenen aktiv, um die Interessen von Menschen mit ADHS zu vertreten. Besonders wichtig ist auch das Engagement in der Forschung: ADHS Deutschland unterstützt Studien zu Ursachen, Diagnostik und Therapie von ADHS in jedem Lebensalter und bei den damit verbundenen Begleitstörungen. Durch die Kombination von Selbsthilfe, Fachwissen und politischem Engagement leistet der Verein einen unverzichtbaren Beitrag zur Verbesserung der Versorgung und Lebensqualität von Betroffenen – auch im Kreis Viersen.

Die steigende Zahl an Diagnosen verdeutlicht nicht nur ein wachsendes Bewusstsein, sondern auch den hohen Bedarf an spezialisierten Therapieangeboten. Betroffene, Angehörige und Fachkräfte stehen vor der Aufgabe, geeignete Strukturen für Diagnostik, Therapie und Unterstützung aufzubauen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu sichern. (cs)

Foto: Chen/Pixabay