Mit einem Blick zurück auf mehr als ein Jahrhundert deutscher Wirtschafts- und Alltagsgeschichte hat das Niederrheinische Freilichtmuseum des Kreises Viersen gestern eine Ausstellung eröffnet, die weit über die Geschichte eines Unternehmens hinausweist.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Leo Dillikrath
Grefrath – Im Goltziussaal der Dorenburg wird bis zum 14. Juni eine Auswahl aus über 1.800 Archivalien präsentiert, die die Entwicklung von „Kaiser’s Kaffee Geschäft“ dokumentieren – eines Unternehmens, das die Region am Niederrhein nachhaltig prägte und zugleich Teil der gesamtdeutschen Wirtschaftsgeschichte wurde.
Der Rundgang beginnt nicht mit den glanzvollen Jahren des expandierenden Filialnetzes, sondern mit den unscheinbaren Anfängen: Als der 18-jährige Josef Kaiser im Jahr 1880 in das elterliche Kolonialwarengeschäft im Viersener Ortsteil Hoser eintrat, war Kaffee noch ein Produkt, das häufig roh verkauft wurde. Hausierer zogen mit Karren durch die Straßen, boten grüne Bohnen an, die in den Küchen der Käuferinnen selbst geröstet werden mussten – ein Verfahren, das häufig misslang. Dass Kaiser früh erkannte, welches Potenzial in einer verlässlichen Rösttechnik lag, markiert einen der entscheidenden Wendepunkte der Unternehmensgeschichte. Die Entwicklung eines Geräts, das eine gleichmäßige Röstung ermöglichte, traf auf eine wachsende Nachfrage: In den wirtschaftlichen Aufbruchsjahren nach 1871 konnten sich immer mehr Menschen kleine Luxusgüter leisten.

Die Ausstellung arbeitet diesen Zusammenhang sorgfältig heraus und verbindet technische Innovation mit gesellschaftlichem Wandel. Sie zeigt, wie aus einer lokalen Rösterei binnen weniger Jahre ein expandierendes Unternehmen wurde. Bereits in den 1880er Jahren setzte eine Mechanisierung ein, Filialen entstanden in Städten wie Duisburg, Essen und Bochum, später auch in Berlin. Der unternehmerische Ansatz war ebenso einfach wie wirkungsvoll: ein standardisiertes Sortiment, einheitliche Ladengestaltung, zentrale Produktion und günstige Preise. Diese Prinzipien prägten das Erscheinungsbild der Geschäfte im Deutschen Reich nachhaltig.
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Schau der Phase der Industrialisierung ab den 1890er Jahren. Mit wachsender Mitarbeiterzahl und steigender Filialdichte entwickelte sich Kaiser’s Kaffee Geschäft zu einem der frühesten Beispiele eines systematisch organisierten Filialunternehmens. Die Besucher begegnen Fotografien und Werbematerialien, die nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg dokumentieren, sondern auch die visuelle Identität der Marke: einheitlich gekleidete Verkäuferinnen, repräsentative Ladenlokale in zentralen Lagen und das 1904 eingeführte Firmenlogo – das stilisierte Kaffeekannengesicht – als frühes Beispiel moderner Markenführung.
Zur Jahrhundertwende hatte das Unternehmen bereits eine beeindruckende Größe erreicht. Hunderte Filialen, tausende Beschäftigte und ein weit verzweigtes Vertriebsnetz bestimmten das Bild. Die Ausstellung veranschaulicht diesen Aufstieg anhand von Geschäftsberichten, Bauplänen und zeitgenössischen Fotografien. Auch die Erweiterung des Sortiments wird dokumentiert: Neben Kaffee bot das Unternehmen bald Tee, Süßwaren, Dauergebäck und Schokolade aus eigener Produktion an.

Doch die Präsentation beschränkt sich nicht auf wirtschaftliche Erfolgsgeschichten. Vielmehr wird die soziale Dimension des Unternehmens ebenso beleuchtet. Früh richtete Kaiser Unterstützungs- und Versorgungseinrichtungen für seine Belegschaft ein, darunter betriebliche Kassen und Stiftungen. Während wirtschaftlicher Krisenzeiten – etwa in der Inflation der frühen 1920er Jahre oder während der Weltwirtschaftskrise – engagierte sich das Unternehmen mit Spenden und Lebensmittelaktionen für Bedürftige. Diese Aspekte werden anhand von Dokumenten und Stiftungsurkunden nachvollziehbar gemacht.
Gleichzeitig spart die Ausstellung die problematischen Kapitel nicht aus. Sie thematisiert die Verflechtungen mit den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts, darunter die Rolle des Unternehmens im Ersten Weltkrieg sowie die Anpassung an die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik. Zwangsarbeit, ideologische Gleichschaltung und die Bedingungen in den Produktions- und Lieferketten werden ebenso angesprochen wie die schwierigen Arbeitsverhältnisse auf den Kaffeeplantagen. Die Kuratoren verfolgen dabei erkennbar das Ziel, ein möglichst vollständiges Bild zu zeichnen, das Erfolge und Verwerfungen gleichermaßen berücksichtigt.
Die Zäsuren der beiden Weltkriege hinterließen auch im Filialnetz deutliche Spuren. Während der Zweite Weltkrieg rund 40 Prozent der Geschäfte zerstörte, begann in der Nachkriegszeit ein erneuter Aufbau. Mit der Einführung von Selbstbedienungsläden in den 1950er Jahren reagierte das Unternehmen auf veränderte Konsumgewohnheiten. Die Ausstellung zeigt anhand von Fotografien und Ladeneinrichtungen, wie sich der Einzelhandel in dieser Zeit wandelte.

Auch die spätere Entwicklung – vom erfolgreichen Nachkriegsunternehmen bis zur Integration in größere Handelsstrukturen – findet ihren Platz. Zahlen, Diagramme und Unternehmensberichte dokumentieren die wirtschaftliche Lage in den 1960er Jahren ebenso wie die Veränderungen durch Übernahmen und Umstrukturierungen. Die Übernahme durch die Tengelmann-Gruppe im Jahr 1971 markiert dabei einen weiteren Wendepunkt, der den Übergang in eine neue Phase des deutschen Einzelhandels einleitete.
Ein besonderer Reiz der Ausstellung liegt in der Verbindung von regionaler Geschichte mit überregionalen Entwicklungen. Viele Exponate stammen aus dem Kreisarchiv Viersen und verweisen auf die enge Verankerung des Unternehmens in der Region. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark Kaiser’s Kaffee Geschäft das Stadtbild zahlreicher deutscher Städte prägte und wie eng seine Geschichte mit der Entwicklung moderner Konsumkultur verbunden ist.
Die Präsentation im Goltziussaal der Dorenburg ist noch bis zum 14. Juni zugänglich. Geöffnet ist das Niederrheinische Freilichtmuseum von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr. (cs)





