Wo die Schildkröten heimkehren – Sardiniens stille Lagune Nora

Sanft hoben sich die silbrigen Wellen über dem schmalen Kanal, der die Lagune Nora auf Sardinien mit dem offenen Meer verband, und spiegelten die ersten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Wasser.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Reisen/Sardinien – Die Salzwiesen, von salzigen Brisen umweht, erstreckten sich wie ein grünes Mosaik bis zu den Rändern antiker Ruinen – Überreste der einstigen Metropole, die im 8. Jahrhundert v. Chr. von phönizischen Seefahrern gegründet und später unter römischer Herrschaft zur blühenden Hafenstadt Nora ausgebaut wurde. Zwischen den schilfbewachsenen Ufern ruhten hölzerne Fischerboote, deren elegante Linien ein Bild jahrhundertealter Handwerkskunst widerspiegelten.

Im Lauf der Jahrhunderte hat sich die Lagune vom Handelsstützpunkt zu einem Refugium für zahllose Tier- und Pflanzenarten gewandelt. Im Frühjahr tanzen rosa Flamingos ihre Balz über dem Wasser, während scheue Bartmeisen in den Binsen ihre Jungen füttern. Zwischen bräunlich schimmernden Tangfeldern streifen Seebarsche und Köhler umher, die sich im kristallklaren Wasser verbergen. Spaziergänge entlang der Pfade offenbaren seltene Orchideen und den leuchtend roten Färberwaid, einst begehrt für den blauen Farbstoff seiner Blätter.

Inmitten dieses Ökosystems hat sich die Schildkrötenschutzstation angesiedelt, ein kleines Netzwerk aus Becken und Aquarien, in denen verletzte Meeresschildkröten behutsam gepflegt werden. Initiatoren waren leidenschaftliche Meeresbiologen einer nahegelegenen Universität, die vor rund zehn Jahren eine Handvoll angeschwemmter, angeschlagener Tiere retteten und damit den Grundstein für ein größeres Projekt legten. Heute versorgen Tierärzte und Freiwillige regelmäßig bis zu fünfzehn Caretta-caretta-Junge, deren Genesung in klaren Betonbecken bei salzhaltiger Wassertemperatur überwacht wird. Wenn die Schildkröten stark genug sind, führt ein schmaler Tunnel zurück zum Meer, und ihr erstes Aufeinandertreffen mit den Wellen wird zu einem bewegenden Erlebnis für alle Helfer.

Regelmäßig öffnet die Station ihre Tore für Besucher: Unter Anleitung erkundet man das Beckenlabyrinth, erlebt Live-Videoübertragungen aus den Brutstätten tief unten im Mittelmeer und erhält Einblicke in Satellitendaten, die die Wanderungen der ausgewilderten Schildkröten dokumentieren. Die Forschungsergebnisse fließen in internationale Meeresschutzprogramme ein, doch die wahre Magie steckt in der persönlichen Begegnung mit den Tieren – wenn ein panzerstarker Sprössling zögernd ins offene Meer gleitet.

Abseits der Station laden versteckte Pfade durch Tamariskenwälder zu Entdeckungstouren ein, an deren Ende verfallene römische Zisternen und rötliche Sanddünen auf Besucher warten. Abends färbt sich die Lagune in Pastelltönen, während Möwen und Kormorane zu ihrem abendlichen Stelldichein zusammenströmen. Hier, wo Geschichte, Natur und moderner Naturschutz ineinandergreifen, erlebt man das authentische Sardinien – weit entfernt von Trubel und Hochglanzprospekten, aber umso näher am Herz der Insel. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel