Politisches Urgestein aus Viersen vor Gericht: Millionenbetrug mit Phantomautos

Am Montag beginnt vor der Wirtschaftsstrafkammer in Mönchengladbach ein Strafprozess, der schon jetzt als einer der aufsehenerregendsten Wirtschaftsstrafverfahren der Region gilt. Im Mittelpunkt steht der 68-jährige frühere FDP-Kommunalpolitiker Udo v. N. aus Viersen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm besonders schwere Steuerhinterziehung in bislang kaum gekanntem Ausmaß vor.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Viersen-Dülken/Mönchengladbach – Über einen Zeitraum von 14 Jahren (2009–2023) soll der Angeklagte ein kompliziertes Geflecht aus Scheingeschäften im Kfz-Handel aufgebaut haben. Kernstück der Masche: fingierte Fahrzeugverkäufe, darunter auch Fahrzeuge, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Mit diesen „Phantomautos“ soll er nach Überzeugung der Ermittler systematisch den Fiskus getäuscht und über 38 Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft trat der frühere Autohaus-Betreiber gegenüber dem Finanzamt wiederholt mit unrichtigen Steuererklärungen und Umsatzsteuervoranmeldungen auf. Dabei sollen sogenannte Scheinrechnungen zum Einsatz gekommen sein.

Laut den Ermittlungsakten deklarierte v. N. den Ankauf von Fahrzeugen bei in- und ausländischen Händlern. Während in Einzelfällen tatsächlich Verkäufe an Privatkunden und Firmen im Inland abgewickelt wurden, verzeichnet die Buchführung vor allem Verkäufe an angebliche Abnehmer in Japan – in exakt 2.687 Fällen.

Eine Betriebsprüfung brachte schließlich die Wende: Über Anfragen bei der Mercedes-Benz Group AG stellte sich heraus, dass die in den Rechnungen genannten Fahrzeug-Identifikationsnummern frei erfunden waren. Der Angeklagte soll sich dadurch Monat für Monat hohe Umsatzsteuer-Erstattungen sichern lassen haben – teils im sechsstelligen Bereich.

Besonders brisant wird der Fall durch die Person des Angeklagten. Udo v. N. war mehr als 20 Jahre ein fester Bestandteil der Viersener Kommunalpolitik, saß sowohl im Stadtrat als auch im Kreistag. Erst Anfang 2024 legte er überraschend all seine Ämter nieder – offiziell aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen.

Der einstige Vorzeige-Lokalpolitiker galt lange als geachtete Persönlichkeit. 2015 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, auch kirchliche Institutionen wie der Malteserorden ehrten ihn für sein Engagement. Dass nun ausgerechnet eine so dekorierte Figur im Zentrum eines der größten Steuerskandale am Niederrhein steht, hat die Region erschüttert.

Das Verfahren beginnt am 1. September 2025, um 11 Uhr, im Saal A 128 des Mönchengladbacher Landgerichts. Zuständig ist die 8. Große Strafkammer – Wirtschaftsstrafkammer (Aktenzeichen: 28 KLs 3/25). Neben dem Auftakttermin sind bereits Fortsetzungstermine angesetzt, darunter der 5. September (9:30 Uhr, Saal A 227). Sollte sich der Tatverdacht in vollem Umfang bestätigen, droht dem Angeklagten eine mehrjährige Haftstrafe. (dt)