Und dann begann mein Vater, von den Ereignissen rund um das Denkmal zu erzählen. Wie der Bildhauer Fritz Behn die Figuren entworfen hatte, wie der Denkmalausschuss tagte, wie das Geld für die Errichtung gesammelt wurde, und wie die Stadt darüber debattierte, ob der nackte Soldat vielleicht doch besser verhüllt werden sollte. Ja, dieses Thema hat ihn über Jahrzehnt begleitet …
Literarisches von Magdalene Walther
Literarisches – Meine Mutter erklärte mir, dass Humor und Heiterkeit selbst in der Trauer einen Platz haben – ein Gedanke, den ich mein Leben lang bewahren sollte.
Viele Jahre später, wenn ich selbst durch den Stadtgarten gehe, sehe ich die Balustrade, die Löwenköpfe, das Wasserbecken und das Kriegerdenkmal, und ich spüre die Wärme jenes Tages erneut. Ich sehe meine Eltern, wie sie lachten. Und ich denke daran, wie schön es war, dass selbst ein monumentales Denkmal der Trauer einen Moment des Humors und der Menschlichkeit tragen konnte.
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich Viersen nicht nur als Stadt, sondern als einen lebendigen Organismus voller Stimmen, Düfte und Bewegungen. Der Alte Stadtgarten war nur ein kleines Zentrum, ein Herzstück, doch in der Nähe pulsierte das Leben auf den Straßen, in den Geschäften und auf den Plätzen. Meine Mutter sprach oft davon, dass sie sich genau diese Details merken wollte, damit auch ich, viele Jahre später, eine Ahnung von der Welt bekomme, in die ich hineingeboren wurde.
Die Stadt Viersen war damals ein Ort der kleinen Wunder und alltäglichen Mühsal zugleich. Die Straßen waren noch nicht so gepflastert wie heute, der Asphalt war selten, und an vielen Ecken sah man Pferdefuhrwerke, die das Getreide oder das Gemüse vom Land in die Stadt brachten. Die Menschen kauften auf den Wochenmärkten ein, auf denen Äpfel, Kartoffeln und frisches Brot feilgeboten wurden. Kinder rannten barfuß über die Plätze, ihre Stimmen mischten sich mit dem Hufgeklapper der Pferde und dem Rufen der Händler. Meine Mutter erzählte, dass sie oft stehen blieb, um das lebhafte Treiben zu beobachten, während ich sicher in ihren Armen schlummerte.
Besonders erinnerte sie sich an die kleinen Details: die Schaufenster der Geschäfte, in denen glänzendes Geschirr, feine Stoffe und Zuckerwaren ausgestellt waren; den Duft von frisch gebackenem Brot aus der Bäckerei; das Knistern von Zeitungspapier, wenn die Menschen die Viersener Nachrichten kauften, um zu erfahren, was in der Stadt geschehen war. Manchmal, so sagte sie, schickten die Leute Kinder los, um schnell eine Postkarte zu kaufen oder eine Nachricht zu überbringen, und dann warteten sie geduldig am Brunnen, bis der Kleine wieder zurückkehrte.
Mein Vater liebte es, mir von den politischen und wirtschaftlichen Ereignissen zu erzählen – immer angepasst an mein Alter, damals noch winzig, aber ich konnte ihre Stimme und die Schwingungen in ihrem Tonfall spüren. Die Inflation war erst wenige Jahre vorbei, die Stadt erholte sich von der wirtschaftlichen Not, doch überall sah man den unermüdlichen Willen der Menschen, wieder etwas Schönes zu schaffen. Der Stadtgarten war ein Ausdruck dieses Willens – eine gepflegte Insel der Ordnung und Ruhe, umgeben von Straßen voller Leben und Arbeit.
Meine Mutter erinnerte mich auch an die Menschen im Park. Sie sagte, dass man dort sehr unterschiedliche Gestalten antreffen konnte: Damen mit Hut und Sonnenschirm, Herren in Anzügen, Arbeiter in staubigen Kleidern, die eine kurze Pause einlegten, Kinder, die die Rasenflächen erkundeten. Jeder hatte seine eigene Geschichte, und in diesem Zusammenspiel spürte man die Vielfalt der Stadt. Auch sie selbst begegnete dort Bekannten, die einen Gruß riefen, und sie plauderte mit Gärtnern, die stolz ihre Beete pflegten und den Garten in Schuss hielten.
Der Alte Stadtgarten war ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich spürbar waren. Die Linden raschelten im Wind, die Löwen spien ihr Wasser, und die Menschen gingen ihrer Wege, lachten, sprachen und lebten. Alles, was wir sahen und fühlten, war ein Teil des großen Ganzen, und mein kleiner Platz auf der Picknickdecke – eingehüllt in die Arme meiner Mutter – war ein Platz in dieser Geschichte.
Wenn ich heute durch Viersen gehe, sehe ich nicht nur die Gebäude und Straßen, sondern die Menschen, die einst durch sie gingen. Ich sehe die Kinder, die über den Markt liefen, die Damen in ihren Kleidern, die Herren mit Spazierstöcken. Ich sehe die Läden, die Bäcker, die Gärtner und die flanierenden Besucher des Stadtgartens. Und ich erinnere mich an den Sommertag von 1927, an das Lachen meines Vaters über den nackten Soldaten, an die warmen Sonnenstrahlen, die auf mein kleines Gesicht fielen, und an die ruhige Stärke meiner Mutter, die mich beschützte.
All dies fügt sich zusammen zu einer Erinnerung, die nicht verblasst, auch wenn die Jahre vergehen. Die Stadt Viersen, der Stadtgarten, das Kriegerdenkmal – alles ist Teil eines Ganzen, und mein Herz trägt diese Bilder wie Schätze. Wenn ich meinen Enkeln diese Geschichte erzähle, spüre ich das Staunen in ihren Augen, das gleiche Staunen, das ich empfand, als ich von meiner Mutter hörte, wie die Stadt damals war, wie Menschen lebten, lachten und ihre kleinen Momente der Freude feierten. So lebt der Sommer von 1927 weiter – in unseren Herzen, in unseren Erinnerungen und in den Geschichten, die wir weitergeben. (opm)





