Bei der FKV-Galasitzung verlor jeder sein Herz an den Karneval

Noch bevor der erste Tusch gestern verklungen war, hatte die Festhalle Viersen längst kapituliert. Am Samstagabend verwandelte die Galasitzung der Karnevalsgesellschaft Fideles Kränzchen Viersen 1950 e. V. die gute Stube der Stadt in ein brodelndes Meer aus Jubel, Musik und rot-weißem Übermut. Wo sonst Alltag regiert, herrschte Ausnahmezustand: Ein fantastisches Bühnenbild, Stimmen überschlugen sich und jeder Schritt auf die Bühne wurde gefeiert, als wäre er der wichtigste des Abends.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche – Was für eine Nacht — die Festhalle in Viersen verwandelte sich am gestrigen Samstag in einen flirrenden Kessel närrischer Freude. Schon lange bevor die Karnevalsgesellschaft Fideles Kränzchen Viersen 1950 e. V. mit ihrem Einmarsch die Bühne betrat, summte die Halle wie ein riesiges Bienenvolk: Vorfreude lag in der Luft, das Orchester Touché sorgte dafür, dass kein Lächeln unbegleitet blieb, und die Reihen füllten sich mit edel gestylten Jecken, die jeden Moment erwartungsfroh aufsaugten. Die FKV-Galasitzung, die einen der Höhepunkt der Session markierte, begann da, wo der Spaß bereits am Vortag seine Saat gelegt hatte — die Erwartung war somit mehr als berechtigt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Einzug der Aktivitas war kein schnöder Auftakt, sondern ein Triumphzug: Sitzungspräsidenten Max Koehl und Niels Hüneburg führten das Spektakel mit routinierter Heiterkeit. Ihre Stimmen schwebten, moderierten, scherzten — ein flinker Zweiklang aus Takt und Scherz, der die Brücke schlug zwischen vertrauten Gassenhauern und pointierten Anmoderationen. Das Publikum antwortete prompt. Sogar ein Kamerateam des WDR war gekommen, um diese Viersener Nacht festzuhalten. Dann die Herren der Aktivitas: Anzug, rot-weiße Mütze, Schritt im Takt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als das Prinzenpaar die Bühne entern durfte, explodierte die Stimmung. „Das Schönste was Viersen zu bieten hat“, wie Senatspräsident Frank Schiffers immer wieder gerne erwähnt. Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I. traten auf wie ein lebendiges Feuerwerk: Insignien, die funkelten und Blicke, die Funken schlugen. Die Zuschauer standen, klatschten, jubelten — es war, als sei die gesamte Stadt in diesen beiden Figuren versammelt.

Direkt im Anschluss stürmte die Viersener Prinzengarde – an diesem Abend mit Herzbrillen ausgestattet – die Szene mit Regimentstochter Anna-Lena. Die Gardetänze rochen nach Tradition, atmeten aber eine jugendliche Frechheit, die das Publikum sofort ergriff. Und dann dieses Gardelied — es hing noch lange in den Ohren: „Wir sind die Viersener Prinzengarde, Husaren der Narrenherrlichkeit…“ — ein Refrain, der wie klebriger Zucker an den Herzen haftete und die Halle in kollektives Helau verwandelte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Hofnarren, fünf junx … öh Jungs … aus der Eifel, gaben danach Vollgas. Seit 2004 treiben Elmarius der I. (Leadgesang und Percussion), Graf Casibert (Keyboard und Quetsch) und Schleidibert von Stratocast (Gitarre) gemeinsam ihr närrisches Unwesen — an diesem Abend mit einer Mischung aus Kölscher Musik, Kabarett und gnadenloser Bühnendynamik. Elmarius, Frontmann und Entertainer, zog das Publikum mit einem Schlag in seinen Bann; man sah, wie er die Hände in die Luft riss und die Menge ihm folgte. Der Graf wechselte souverän zwischen Akkordeon-Emphase und Keyboard-Finessen, während Schleidibert die Gitarrensoli mit filigraner Konsequenz servierte. Die Hofnarren ließen die Festhalle schaukeln, lachten mit ihr und zeigten einmal mehr, warum sie seit über zwei Jahrzehnten Bühnenerfahrung in Millionenfacher Form mitbringen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Karneval ohne Selbstironie? Undenkbar: Aus den Reihen des FKV sprengte plötzlich Horst Schlämmer die Show — und mit ihm die kleine (aber folgenschwere) Wette mit der Prinzengarde. Die verlorenen Gardisten, Christoph Grundmann und Marius Kober, standen nun buchstäblich als Hofkomparsen bereit. Im Karneval muss man über sich selbst lachen können, und die beiden taten das mit aller Hingabe. Lachen war Programm.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann eine bewegende Ehrung: Frank Schippers — liebevoll „Schippi“ genannt — wurde gefeiert. Wer 17 Jahre im Vorstand wirkt und dem Karneval sein Herz schenkt, dem gebührt mehr als ein Händedruck. Statt klassischer Trophäe gab es etwas Persönlicheres: Schuhabdrücke wurden von Schippi genommen und fanden ihren Platz im Bühnenbild — eine originelle Hommage, die Handabdrücke auf dem Walk of Fame durch Fußspuren ersetzte. Beim Publikum blieb ein leises, warmes Brummen der Anerkennung zurück, das genauso Teil des Abends wurde wie die Musik.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als die Trapp Familie die Bühne betrat, fühlte man, wie die Erzählkunst des Abends eine neue Farbe annahm. Ein einsamer, gelangweilter Gardist wurde mit einem Augenzwinkern und einem Song in die Stadt „mit K“ geholt — und die Wunschbox löste die Langeweile in Sekunden auf. Melodien und kleine Kabinettstücke verwoben sich nahtlos in den Fluss des Abends: es wurde geschunkelt, gejubelt und die Stimmen im Saal waren ein direkter Echochor. Die Trapp Familie setzte dem Abend eine schelmische, warmherzige Krone auf.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dort, wo Rhythmus auf Komik trifft, stieß das FKV-Männerballett zum nächsten Spektakel vor. Schon bei der rot-weißen Partynacht am Freitag hatten sie die Jecken in Wallung gebracht — und nun legten sie nach: Einmarsch zu „Hello again“, Choreografien zwischen Slapstick und Hochleistungssport, Drehungen — eine Mini-Komödie in jedem Schritt. Die Kostüme — kölsche, doch unverkennbar FKV-eigen — und die schweißglänzenden Gesichter beim Verbeugen zeigten, dass hier Routine und Mut eine innige Verbindung eingingen. Die Zugabe: natürlich „Major Tom“ — abgefeiert bis zum Schluss.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Stimmen, die berühren — die FKV-Sänger präsentierten sich mit einem Arsenal aus Melodien: mal rauchig, mal samtig, immer mit karnevalistischer Wärme. „Bickendorfer Büdche“, „Hulapalu“ und „Et jitt kei Wood“ fanden ihren Weg in die Kehlen der Gäste; Harmonien legten sich wie Goldregen über die Halle, so dass man Mühe hatte, die eigenen Gänsehautstellen zu entdecken. Aus den eigenen Reihen des FKV stieg außerdem Achnes Kasulke ins Rampenlicht — ein kleiner Moment, der für große Lacher sorgte, weil das Original dieser Kultfigur sicherlich genauso schmunzeln musste wie das Publikum vor der Bühne. Stimmen und Texte verbanden sich zu einem gemeinsamen Atemzug der Session.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann die Athletik der Anmut: Das Tanzcorps Agrippina Colonia e.V., seit 2016 eine feste Größe, zeigte dynamische Tänze und akrobatische Einlagen der Extraklasse. Als Ehrentanzcorps der Kölsche Figaros lieferten die Tänzerinnen und Tänzer ein Medley kölscher Klänge, das das Lager der traditionellen Karnevalsästhetik ebenso bediente wie die Neugier an moderner Akrobatik. Das Publikum honorierte jede Drehung, jeden Sprung mit begeistertem Applaus — die Energie in der Halle kletterte unaufhaltsam weiter.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Apropos Energie: Auch Achnes Kasulke war in ihrer Rolle als Poltergeist der Putzfrau wieder in Topform. Annette Eßer, die das Alter Ego seit über einem Jahrzehnt prägt, kam mit Eimer, Wischmopp und ihrem markanten Humor — mehr Kurven als der Nürburgring, so der scherzhafte Tenor — und eroberte die Bühne mit pointenreichen Beobachtungen aus Familien- und Alltagsleben. Die Kabarettistin schnitt aktuelle Themen an, sprach Klartext und ließ niemanden ungeschoren. Ihre Stimme kennt man vom Radio; ihr Timing von großen Bühnen — und beides wirkte an diesem Abend als Zündstoff für durchgängige Heiterkeit. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, und das Publikum dankte es mit anhaltendem Gelächter.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Später am Abend die Fauth Dance Company Gentlemen: moderne Choreografien, humorvolle Einlagen, eine explosive Mischung aus Musikstilen — sie setzten ein weiteres Ausrufezeichen. Die Gentlemen kombinierten Charisma mit Präzision; die Halle tobte, als sie mit rasanten Bewegungen und überraschenden Formationen das Tempo hochhielten. Ihr Auftritt wirkte wie ein Pumpstoß für die bereits aufgeheizte Menge: Tempo, Funk und Lachen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Und dann — der endgültige Brandbeschleuniger: De Bajaasch, die rot-weiße Show- und Party-BigBand, die mit der Wucht einer buckeligen Verwandtschaft in jeden Raum stürmt. Innerhalb von unglaublichen 60 Sekunden verwandelten sie die Bühne in eine konzertreife Großbühne: Ton, Licht, Laser — ein Feuerwerk technischer Effekte, das die Festhalle in ein Popsturm-Feld tauchte. Frontmann Stefan Meurer und seine Truppe präsentierten ein Programm, das für jeden Geschmack etwas bot: tanzbare Hits, singbare Refrains, und eine Performance, die in ihrer Profession den Spagat zwischen Show und Straßenfest meisterte. „Bajaasch“ — ursprünglich „Bagage“ — wurde an diesem Abend zum Synonym für das, was Karneval so einzigartig macht: ein bisschen Überwältigung, viel Wärme und der sichere Instinkt, jedes Haus zum Beben zu bringen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als der Abend schließlich in die letzte Runde ging, griff die Gesellschaft noch einmal zur großen gemeinsamen Hymne. Stimmen, die zuvor Soli getragen hatten, vereinten sich nun in einem Chor, der das Herz der Festhalle zum Schlagen brachte:

Em Kränzke ös Jemütlichkeit,
em Kränzke jöv et Freud,
wör make os vor jarnix bang,
wör denke: heut ös heut.
Bei os doa ös Humor,
dröm senge wör em Chor:

Refrain: Lot mar jöcke, lot mar jöcke, lot mar jonn,
wenn de Sorje os och dröcke, lot mar jonn,
em Kränzke send se all fidel, of alt of jung,
drom lot mar jöcke, lot mar jöcke, lot mar jonn.

Die letzte Strophe verhallte nicht — sie blieb in den Köpfen, wippte in den Sitzreihen, klopfte gegen die Brusttaschen der Jecken. Was blieb, waren schmerzende Lachmuskeln, rote Wangen, ein Kopf voll Melodien und das Gefühl, Zeuge einer Nacht gewesen zu sein, die Viersen in all seinen Facetten zeigte: herzlich, schelmisch, tänzerisch, laut und liebevoll. Die Galasitzung des Fidelen Kränzchens hatte geliefert — in Farbe, Klang und Haltung — und die Festhalle hatte gegeben: Stimmung bis zur letzten Minute. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming