Kaum hatte der gestrige Samstagmorgen richtig begonnen, da war der Remigiusplatz längst kein gewöhnlicher Ort der Viersener Innenstadt mehr. Schon früh wogte ein buntes Meer aus Kostümen, Fahnen, Vereinsfarben und lachenden Gesichtern im Schatten der hohen Kirchturmspitze.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Kein Stuhl weit und breit – das 4. Närrische Biwak des Festausschusses Viersener Karneval war eine Stehveranstaltung unter freiem Himmel im besten Sinne: Man stand zusammen, man rückte zusammen, man feierte Schulter an Schulter. Der Duft von Frühschoppen, Hopfenkaltschorle und Vorfreude lag in der Luft, während sich die Bühne langsam füllte und der Platz pulsierte wie ein einziges großes, schlagendes Jeckenherz.

Was folgte, war ein karnevalistischer Marathon. Sechs Stunden lang riss der Strom aus Musik, Tanz, Jubel und Emotionen nicht ab. Der Festausschuss Viersener Karneval hatte geladen – und ganz Viersen, seine Stadtteile und die närrische Prominenz folgten dem Ruf. Senatspräsident Frank Schiffers eröffnete das Biwak als Gastgeber mit jecker Souveränität, mittendrin statt oben drüber, getragen vom Applaus der Menge. Noch bevor das Viersener Prinzenpaar später am Tag die Bühne eroberte, gehörte der Platz bereits ganz dem karnevalistischen Volk.

Wo so viele Tollitäten, Kinderprinzenpaare und Dreigestirne erwartet wurden, wollte man nicht warten – man feierte sofort. Die Bühne wurde zum Schmelztiegel der Vereine, zur Startrampe für die ganze Bandbreite des heimischen Karnevals. Das erste Scheinwerferlicht gehörte hier der nächsten närrischen Generation und den jecken Herrschern der Vierstadt. Bossem, Soetele, Dölke und Viersche … mei was haben wir doch für fantastische Nachwuchsregenten, die dann auch direkt noch eine flotte Sohle auf das Parkett legten. Mit ihren Auftritten hatten sie bereits die vergangenen Session über begeistert, es sollte gestern nicht anders sein. Hoch die Hände gen Himmel … alle machten gerne mit.


Sie sollte aber natürlich nicht alleine bleiben. Die ganz Kleinen aus dem Rahser zeigten mit leuchtenden Augen und erstaunlicher Präzision, dass Begeisterung kein Alter kennt. Jedes Lächeln sprang ins Publikum über. Nachwuchssängerin Gina Jolie ließ ihre Stimme über den Platz tragen, klar, frisch und selbstbewusst – und plötzlich sangen vorne wie hinten die Lippen mit.

Die Tanzgarde der Dülkener KV De Üüle wirbelte über die Bühne, kraftvoll, punktgenau, begleitet von rhythmischem Klatschen aus der Menge. Wer einmal vom närrischen Virus gepackt ist, gibt ihn weiter – das war hier nicht nur spürbar, das war sichtbar. Generationen standen nebeneinander, sangen, klatschten, jubelten. Als Solomariechen Sophie Leicher von der KG Brööker Waaterratte e. V. die Bühne betrat, wurde der Platz kurz etwas stiller. Sie hatte schon im vergangenen Jahr Viersen erobert, und auch diesmal ließ sie keinen Zweifel daran warum.


Die Kapellengarde Süchteln entfachte mit ihrem ersten Showtanz dieser Session einen echten Bilderrausch: Eine tänzerische Reise durch die Disney-Welt nahm Fahrt auf – Aladdin flog über die Bühne, Arielle tauchte durch imaginäre Wellen, Robin Hood spannte den Bogen. Farben, Kostüme und Choreografie verschmolzen zu einem Märchen mitten auf dem Remigiusplatz.

Natürlich fehlten auch die Vierscher Möhnen nicht. Laut, herzlich, unverkennbar – sie zogen ihre Kreise durch das Programm und sorgten für genau jene Mischung aus Wärme und Freude, die ein Biwak braucht. Dann wurde es feierlich: Der große Aufmarsch des Viersener Prinzenpaares, der Ehrengäste, Sponsoren und Vertreter aller Stadtteile setzte ein, begleitet vom Viersener Tambourcorps, dessen Trommeln wie ein Herzschlag über den Platz donnerten. Die Prinzengarde Viersen zeigte ihren Gardetanz, Regimentstochter Anna-Lena folgte mit beeindruckender Präsenz.

Wo nun gerade Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I. jubelten, da wollte das hoheitliche Bild komplettiert werden. Es folgte der Aufmarsch der Tollitäten aus Boisheim und Dülken sowie das Dreigestirn aus Süchteln mitsamt Prinzengarde und ihrem wunderbaren Mariechen Laura. Blaues, rotes, grünes Narrenblut vereinte sich auf der Bühne, Orden blitzten, Umarmungen wurden ausgetauscht, Hände geschüttelt, Fotos geschossen – Karneval als große Familie. Sie alle (klein oder groß) waren großartige Tollitäten und wir werden sie vermissen, wenn sie am Aschermittwoch ihre Zepter niederlegen.

Die Tanzgarde Süchteln nahm das Publikum anschließend mit auf eine Reise über den Atlantik – ihr Showtanz führte symbolisch an diesem Tag von Viersche bis nach New York, groß, modern, energiegeladen (wirklich, wir freuen uns schon auf euren nächsten Sessionstanz).
Die KG Hoseria Funkengarde setzte mit klassischer Funkenpower in blau-gold nach, die Tanzgarde der Blau-Wette Jonges überzeugte mit sauberer Linie und Dynamik. Die Roahser Funken legten mit Tempo und Ausdruck nach, die Tanzgarde Alt Viersen 2020 zeigte eindrucksvoll, dass Erfahrung und Leidenschaft perfekt harmonieren.

Auch die Karnevalsgesellschaft Süchtelner mit Herz ließ mit ihrem Solomariechen keinen Zweifel daran, wie viel Gefühl und Hingabe in jeder Bewegung steckte. Zum Ende setzte et Roahser noch einmal ein Ausrufezeichen: Die Wibbels lieferten ein tänzerisches Highlight, das den Remigiusplatz endgültig in Jubel versetzte. Hebefiguren, Sprünge und ein Publikum, das längst nicht mehr Zuschauer war, sondern Teil dieses sechsstündigen Spektakels.

Längst läuft der närrische Countdown und der Höhepunkt dieser Session rückt näher. Sie war viel zu kurz, die 5. Jahreszeit, und im nächsten Jahr wird sie noch kürzer sein – wie schade, schlägt doch unser Trömmelche im Herzen noch so laut und will eigentlich gar nicht mit dem Hoppeditz ruhen. (sk)




