Dülken hat seit gestern zwei neue kulturelle Anlaufstellen, die enger miteinander verbunden sind, als es die Adressen zunächst vermuten lassen: an der Narrenmühle und in der Galerie Blaubeermuffinbaum wurden die Arbeiten von Thomas Baumgärtel offiziell vorgestellt.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Leo Dillikrath
Viersen-Dülken – Was sich in Dülken in den vergangenen Tagen bereits durch Gerüchte, Fotomotive und neugierige Blicke angekündigt hatte, wurde gestern nun auch offiziell bestätigt: Die Dülkener Station der „Niederrheintour 2026 – Freiheit für Kunst“ ist eröffnet.
Am Ernst-Hellmund-Platz 11, wo die Narrenmühle als eines der markantesten Wahrzeichen Dülkens steht, sind vier Kunstwerke des aus Rheinberg stammenden Künstlers an den Mühlenflügeln angebracht worden … und Thomas Baumgärtel ließ es sich nicht nehmen, der Dülkener Narrenmühle selbst noch sein markantes Kunstwerk zu verleihen. Schon vor der offiziellen Eröffnung waren die Motive fotografiert, geteilt und weitergereicht worden. Die Kunst hatte ihren Umlauf bereits aufgenommen, bevor das Publikum die Werke überhaupt im festlichen Rahmen sehen konnte.

Die Eröffnung an der Narrenmühle bildete den Auftakt zu einem weiterführenden Abend in der Galerie Blaubeermuffinbaum am Hühnermarkt 1. Dort wurde die Dülkener Station der Tour in den Galerieräumen fortgesetzt und mit Arbeiten aus der Werkgruppe „Schilder“ ergänzt. Inhaberin und Galeristin Heike Barbara Litt eröffnete die Vernissage, Thomas Baumgärtel war persönlich anwesend. Für die Stadt Viersen hieß Simone Gartz, stellvertretende Bürgermeisterin und Ortsbürgermeisterin von Dülken, den Künstler willkommen.

„Es freut mich als Ortsbürgermeisterin von Dülken besonders, dass Sie mit Ihrer Ausstellungsreihe auch hier in unserem wunderschönen Dülken Station machen und zwar mit den Arbeiten zu Ihrem Werbeblock „Schilder“. Ausgangspunkt hierbei ist das Verkehrsschild als normiertes Objekt mit klar definierter, öffentlich-rechtlicher Funktion“, so Simone Gartz.
Kunsthistorikerin Sigrid Blomen-Radermacher ordnet die Arbeiten von Thomas Baumgärtel zwischen Street-Art, Pop-Art und gesellschaftskritischer Gegenwartskunst ein. Besonders die verfremdeten Verkehrszeichen zeigen, wie der Künstler alltägliche Symbole in humorvolle, zugleich aber politische Bildbotschaften verwandelt. Mit seiner bekannten Banane greift Baumgärtel Themen wie Freiheit, Orientierung und gesellschaftliche Regeln auf und verbindet dabei Leichtigkeit mit kritischer Reflexion. Laut Blomen-Radermacher liege gerade in dieser Mischung aus Ironie, Provokation und Verständlichkeit die besondere Stärke seiner Kunst.
Dass Baumgärtel mit dieser Schau nicht nur einen Ort, sondern gleich eine ganze Region in den Blick nimmt, gehört zum Kern des Projekts. Die Niederrheintour 2026 ist als groß angelegtes Jubiläumsvorhaben angelegt. Zwischen Mai und Juli werden 40 Werkgruppen an 40 Kunstorten gezeigt, verteilt über den gesamten Niederrhein. Baumgärtel feiert damit das 40-jährige Jubiläum seiner Spraybanane, jenes Zeichens, das ihn seit Jahrzehnten international bekannt gemacht hat und längst weit über den Charakter einer Signatur hinausgewachsen ist. Die Banane steht bei ihm nicht bloß für Wiedererkennbarkeit, sondern für ein Programm: für Eigensinn, für Irritation, für die Weigerung, Kunst in starre Lesarten zu pressen.
Das Symbol, das seit 1986 Museen, Galerien und andere Kunstorte markiert, ist in Baumgärtels Werk zum festen Bezugspunkt geworden. Was als spielerische Setzung begann, entwickelte sich zu einem Zeichen mit kulturpolitischer und ästhetischer Reichweite. Baumgärtels Banane ist keine launige Fußnote, sondern eine Form des Kommentars. Sie verbindet Ironie mit Ernst, Wiedererkennbarkeit mit Widerspruch. Gerade darin liegt die Spannweite des Projekts, das an den Niederrhein zurückkehrt und zugleich weit darüber hinausweist. Die Tour will nicht nur gefeiert, sondern gelesen werden: als Überblick über vier Jahrzehnte künstlerischer Arbeit, die sich nie auf ein einziges Motiv reduzieren ließ.

Die in Dülken gezeigten Schilderarbeiten machen diesen Anspruch besonders anschaulich. Ausgangspunkt ist das Verkehrsschild, also ein normiertes Objekt mit klarer Funktion, eingebunden in das Regelwerk des öffentlichen Raums. Baumgärtel nimmt diese Form auf, verschiebt sie, erweitert sie und entzieht ihr damit die scheinbare Eindeutigkeit. Was im Alltag Orientierung geben soll, wird in der Kunst zum offenen Zeichen. Das wirkt unmittelbar und bleibt doch vieldeutig. Genau darin entfaltet sich die Qualität der Arbeiten, die auf den ersten Blick leicht lesbar erscheinen, sich bei näherem Hinsehen jedoch als vielschichtige Bildgedanken erweisen.
Der Künstler greift in seiner Werkübersicht auf ein breites Repertoire zurück. Unter den 40 Werkgruppen finden sich Alte Meister-Übersprühungen, Apokalypse-Motive, Ausstellungsplakate, Bananenberge, Bananenweisheiten, Bilder/Bilder Freiheit, Brückenbilder, Bunte Bananen, Deutsche Einheit, Europablock, Fotoarbeiten, Frühwerke, Goldstücke, Graue Bilder, die Holocaust-Serie, der Juristische Block/Strafsachen, kinetische Objekte, Könige der Herzen, Kunstmarkt ist Banane, Landschaften, Medizinischer Block, Metamorphosen, MetaSpraygramme, Objekte, Politische Arbeiten, Porträts, Schablonen, Schilder, Sprayarbeiten auf Metall, Spraygramme, Tüten, die Umweltschutzserie, Verpackungskartons und What happens to Banana. Schon diese Reihe zeigt, dass das Werk nicht um ein einziges Image kreist, sondern aus vielen, teils gegensätzlichen Feldern gespeist wird.

Die Dülkener Station erhält zusätzlich Gewicht durch die Einbettung in den Gesamtbogen der Tour. Denn Baumgärtels Projekt macht den Niederrhein nicht nur zum Ausstellungsraum, sondern zum Gegenstand einer kulturellen Vermessung. Der Künstler begreift die Region als Gefüge aus historischen Orten, kommunalen Räumen, Museen, Galerien, Kirchen, Rathäusern, Kunstinitiativen und ungewöhnlichen Präsentationsorten. Aus diesen Stationen entsteht ein Netz, das die Region nicht als Randzone erscheinen lässt, sondern als verdichteten Kulturraum mit eigener Sprache und eigener Geschichte.
Zu den Orten der Tour gehören unter anderem Bedburg-Hau, Brüggen, Emmerich, Geldern, Goch, Grevenbroich, Kalkar, Kamp-Lintfort, Kevelaer, Kleve, Kranenburg, Krefeld, Moers, Moers-Meerbeck, Mönchengladbach, Mönchengladbach-Reydt, Nettetal, Neuss, Rheinberg, Viersen-Dülken, Weeze, Wesel, Wetten und Xanten. Die Liste liest sich wie ein geografisches Register des Niederrheins und zugleich wie ein kulturpolitisches Statement. Die Kunst verteilt sich nicht auf einen Leuchtturmort, sondern bewegt sich durch Städte und Gemeinden, in denen sie unterschiedliche Resonanzen erzeugt.
Dass die Narrenmühle in Dülken ein zweites Mal im Rahmen der Tour eine Rolle spielen wird, verleiht dem Standort zusätzliche Präsenz. Für den 25. Mai 2026 ist dort eine weitere Station im Zusammenhang mit dem Deutschen Mühlentag vorgesehen. Damit wird die Verbindung zwischen historischer Bauform, öffentlichem Raum und zeitgenössischer Kunst erneut sichtbar gemacht. Die Mühle ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern ein Ort mit eigener kultureller Autorität, der durch die Kunst einen neuen Fokus erhält.

Auch die begleitenden Stimmen der Eröffnung machten deutlich, dass es nicht um ein lokales Einzelereignis geht, sondern um ein Vorhaben mit regionaler und überregionaler Reichweite. Simone Gartz hob in ihrer Begrüßung Baumgärtels 40-jähriges Jubiläum hervor und verwies auf die besondere Bedeutung der Banane als künstlerisches und symbolisches Zeichen. Zugleich würdigte sie das Engagement von Heike Barbara Litt, die mit ihrer Galerie immer wieder namhafte Künstler nach Dülken hole und damit zum kulturellen Profil des Ortes beitrage. Die Galerie Blaubeermuffinbaum sei für Dülken eine Bereicherung, hieß es, und die Hoffnung auf ihre langfristige Präsenz wurde ausdrücklich formuliert.
Unterstützt wird das Projekt von Geißler Bentler aus Bonn, dem Museum Goch sowie weiteren Partnern aus Kunst und Kultur. Schirmfrau der Tour ist Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Damit gewinnt das Vorhaben institutionelle Rückendeckung, ohne seinen künstlerischen Charakter zu verlieren. Im Mittelpunkt steht weiterhin der Zugriff des Künstlers auf Orte, die im Alltag oft übersehen werden, und auf Formen, die im öffentlichen Raum vermeintlich eindeutig sind.
Gerade in Dülken lässt sich beobachten, wie schnell ein solches Zeichen Wirkung entfaltet. Noch bevor die offizielle Eröffnung begangen wurde, waren die Arbeiten an der Narrenmühle bereits Teil der lokalen Wahrnehmung. Wer am Ernst-Hellmund-Platz vorbeikam, sah nicht nur Kunst an einem Bauwerk, sondern eine Veränderung der gewohnten Blickordnung. Dass diese Arbeiten nun dauerhaft bis Ende September sichtbar bleiben, verleiht dem Ort eine zusätzliche, über den Tag hinausreichende Präsenz. (nb)




