Annika Sondenheimer sprach beim „Tag der Trauer“ über Wege des Abschieds

In der Aula des Berufskollegs Dülken herrschte am gestrigen Herbstmittag eine ungewöhnliche Stille. Mehr als hundert Menschen saßen dicht beieinander, manche mit verschränkten Händen, andere mit leicht geneigtem Kopf. Sie waren gekommen um über ein Thema zu sprechen, das in unserer Gesellschaft oft gemieden wird – die Trauer. Das Trauernetz im Kreis Viersen hat zu einem „Tag der Trauer“ eingeladen. Zweieinhalb Stunden lang wurde das Unaussprechliche in Worte gefasst, geteilt und gewürdigt.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen-Dülken – Im Mittelpunkt stand eine Frau, die weiß, was Verlust bedeutet: Annika Sondenheimer, Witwe des Lufthansa-Piloten Patrick Sondenheimer. Sie sprach über das, was bleibt, wenn das Leben in Sekunden zerbricht. Über das Ringen um Sprache, wenn Worte versagen. Ihr Vortrag trug den Titel „Trauer geht viele Wege“ – und er war ebenso ein Zeugnis von Schmerz wie von Wandlung.

Vor neun Jahren, am 24. März 2015, veränderte sich ihr Leben von einem Moment auf den anderen. Der Germanwings-Flug 9525 zerschellte in den französischen Alpen. 150 Menschen starben. Unter ihnen: ihr Mann Patrick, der an jenem Tag als Kapitän versuchte die Katastrophe zu verhindern. Der Co-Pilot hatte das Cockpit verriegelt und die Maschine in den Tod gesteuert. Später wird bekannt: Patrick Sondenheimer hatte noch versucht, mit einer Axt die Tür aufzubrechen – vergeblich. Patrick war 34 Jahre alt, Vater zweier kleiner Kinder. Er hatte sich seinen Kindheitstraum erfüllt Pilot zu werden.

Foto: Rheinischer Spiegel

Als Annika Sondenheimer 2015 die Nachricht erhielt, dass ihr Mann nie wieder nach Hause kommen würde, stand ihre Welt still. „Ich war hilflos“, erzählte sie. „Wie erklärt man einem Dreijährigen und einem Fünfjährigen, dass der Papa nicht mehr zurückkommt?“ Es war die professionelle Trauerbegleitung, die ihr half, wieder Halt zu finden. Diese Erfahrung ließ sie nicht los. Aus der tiefsten Krise entstand eine neue Aufgabe: anderen Trauernden beizustehen. 2017 gründete sie, unterstützt durch Spenden von Patricks Kollegen, den Stiftungsfonds Patrick Sondenheimer unter dem Dach der Bürgerstiftung Gerricus. Damit ermöglicht sie Familien, die einen Verlust erlitten haben, Begleitung und Austausch. „Ich wollte etwas schaffen, das bleibt“, sagte sie. „Etwas, das verbindet. Denn Trauer ist nichts, was man allein tragen sollte.“

Heute vermittelt ihre Stiftung Trauerbegleiterinnen und -begleiter in Familien, bietet Gruppen für junge Trauernde und klärt über die Phasen des Abschieds auf. Für ihr Engagement wurde Annika Sondenheimer 2024 vom Land Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Auch im Kreis Viersen ist die Unterstützung für trauernde Menschen vielfältig. Beim „Tag der Trauer“ stellten sich deshalb die Organisationen vor.  Die Hospizinitiative Kreis Viersen e.V., der Caritasverband Region Kempen-Viersen, der Malteser Hilfsdienst, evangelische und katholische Seelsorgerinnen, Trauerbegleiterinnen sowie Familientherapeutinnen und viele andere … gemeinsam bilden sie das Trauernetz Kreis Viersen, das Menschen in Zeiten des Verlustes auffängt und Wege zurück ins Leben aufzeigt.

Die Angebote sind so vielfältig wie die Gesichter der Trauer selbst: Trauercafés, Spaziergänge, Gesprächsgruppen, kreative Biografiearbeit oder gemeinsames Kochen in der „TrostMahlzeit“. Manche Treffen finden einmal im Monat statt, andere regelmäßig im Hospiz oder in Kirchengemeinden. Sie alle folgen einem Gedanken: Trauer braucht Raum. Denn Trauer ist kein Zustand, der vergeht – sie ist Bewegung. Ein inneres Weitergehen, das Zeit, Zuwendung und Sprache verlangt. In den Gesprächen dieses Tages wird deutlich, dass die Bewältigung von Verlust nicht nur persönliche Stärke erfordert, sondern Gemeinschaft.

Darum sind Tage wie dieser wichtig. Sie holen das Thema Tod und Verlust aus dem Schatten des Schweigens, geben ihm Gesichter und Stimmen. Sie zeigen, dass Trauerarbeit kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein Ausdruck des Lebens selbst und die Erkenntnis, dass jeder, der trauert, ein Stück des Lebens bewahrt, das gegangen ist. Der „Tag der Trauer“ machte deutlich, wie vielfältig und gut vernetzt die Hilfsangebote im Kreis Viersen sind. Wer sich informieren oder selbst Begleitung suchen möchte, findet einen Überblick über alle Anlaufstellen im aktuellen Informationsflyer. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel