Cádiz – Die ewige Stadt des Lichts

Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht nur in den Steinen ruht, sondern in der Luft schwingt, im Wind flüstert und in den Wellen widerhallt. Cádiz, diese schmale Zunge aus Land und Legende, scheint seit Jahrtausenden mit dem Meer zu sprechen. Wer die Stadt betritt, spürt sofort ihre Zeitlosigkeit – ein Gefühl, als hätte sich hier die Welt ein wenig langsamer gedreht.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Reisen/Magazin – Am äußersten Zipfel Andalusiens, umspült vom Atlantik, liegt Cádiz – älter als Rom, älter als Athen, vielleicht die älteste Stadt Europas überhaupt. Der Legende nach wurde sie von Herakles gegründet, nachdem er seine sagenhaften zwölf Heldentaten vollbracht hatte. Auf das mythische Erbe berufen sich die Gaditanos, wie die Einwohner stolz genannt werden, bis heute. Ihr Stadtwappen trägt die Inschrift „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“ – Herkules, Gründer und Herrscher von Cádiz.

Foto: Rheinischer Spiegel

Tatsächlich waren es phönizische Händler aus Tyros, die hier um 900 v. Chr. einen Handelsstützpunkt errichteten. Sie nannten ihn Gadir, „die Festung“, und sie wussten, was sie taten: Die Lage war ideal – nahe den Silberminen des sagenhaften Tartessos, an einer sicheren Küste, und strategisch zwischen Mittelmeer und Atlantik. Von hier segelten sie zu den sagenhaften Zinninseln im Norden, nach Britannien. Noch heute zeugen Fundstücke wie phönizische Sarkophage im Museo de Cádiz von dieser fernen Zeit, als hier der Duft orientalischer Gewürze über den Hafen wehte.

Unter den Karthagern wurde Gadir zu einem pulsierenden Handelszentrum, bis es die Römer eroberten und in Gades verwandelten. Unter Caesar erhielt die Stadt das Bürgerrecht und den stolzen Namen Augusta Urbs Iulia Gaditana. Es war eine Zeit des Wohlstands: Amphoren voller Wein und Öl wurden verschifft, Theateraufführungen begeisterten die Bürger, und ein 75 Kilometer langer Aquädukt brachte frisches Wasser aus den Bergen. Reste dieser römischen Welt sind heute noch zu sehen – vor allem das imposante römische Theater, das teilweise unter modernen Häusern freigelegt wurde und Besucher tief in die Antike eintauchen lässt.

Foto: Rheinischer Spiegel

Doch Geschichte verläuft in Wellen – und Cádiz wurde von vielen Völkern erobert, zerstört und wiedergeboren. Nach den Westgoten und Byzantinern kamen die Mauren, die die Stadt Djesirat Kadis nannten und sie im 8. Jahrhundert neu aufbauten. Ihre Einflüsse – Bögen, Plätze, Musik – sind in der Atmosphäre der Stadt noch zu spüren. Erst im Jahr 1262 eroberte König Alfons X. von Kastilien die Stadt endgültig zurück und siedelte Christen aus dem Norden an.

Mit der Entdeckung Amerikas wurde Cádiz erneut zur Weltstadt. Hier, im „Tor zur Neuen Welt“, starteten Kolumbus’ Flotten, und von hier kehrten die Schiffe der Silberflotte mit Reichtümern aus Übersee zurück. Bald überholte Cádiz die rivalisierende Stadt Sevilla: Sein Hafen war tiefer, sein Zugang zum Meer günstiger. Händler aus aller Welt ließen sich nieder, und die Stadt erblühte zu einem kosmopolitischen Zentrum des 17. und 18. Jahrhunderts. Doch der Reichtum weckte Begehrlichkeiten. Englische Flotten unter Francis Drake und Walter Raleigh überfielen den Hafen, Piraten plünderten die Küsten, und Epidemien rafften Tausende dahin. Trotzdem erhob sich Cádiz immer wieder – stolz, widerständig, vom Wind gestählt. Der Atlantik war Fluch und Segen zugleich.

Foto: Rheinischer Spiegel

Im 18. Jahrhundert entstanden viele der barocken Bauten, die heute das Stadtbild prägen: die strahlende Kathedrale mit ihrer goldenen Kuppel, die über der Altstadt thront, die Festungen Santa Catalina und San Sebastián, die die Bucht bewachen, und das Oratorium San Felipe Neri, wo 1812 Spaniens erste Verfassung unterzeichnet wurde – La Pepa, Symbol der Freiheit und des Aufbruchs.

Während der napoleonischen Besetzung Spaniens blieb Cádiz die letzte freie Bastion. Die Stadt, geschützt durch das Meer und unterstützt von der britischen Flotte, widerstand der französischen Belagerung. Ihre engen Gassen, die heute von Musik und Leben erfüllt sind, waren damals Zeugen einer Revolution der Gedanken.

Heute ist Cádiz ein Ort, an dem sich Geschichte und Gegenwart in jedem Schritt berühren. In den Vierteln El Pópulo, Santa María und La Viña winden sich enge, schattige Gassen zwischen weißgetünchten Häusern, Balkone hängen voller Wäsche und Blumen, Kinder spielen Fußball auf kleinen Plätzen. Die Stadt wirkt wie ein Theater, in dem jede Fassade eine Rolle spielt.

Vom Torre Tavira, dem höchsten Punkt der Altstadt, eröffnet sich ein Panorama aus Dächern, Kirchtürmen und Meer. In der Camera Obscura, die seit 1994 Besucher begeistert, kann man die Stadt in Echtzeit auf eine weiße Leinwand projiziert sehen – Cádiz, lebendig wie eine schimmernde Vision aus Licht.

Foto: Rheinischer Spiegel

Das Leben hier folgt einem Rhythmus, der von Wind und Wasser bestimmt wird. Der Poniente bringt kühle Atlantikluft, der Levante heiße, trockene Winde aus Osten. Und wenn der Wind nachlässt, wird die Stadt still, fast träumerisch. Dann trifft man sich am Strand Playa de la Victoria, wo der Sand weich und der Horizont weit ist. Am Abend flirrt die Luft über der Uferpromenade La Caleta, und das Meer scheint selbst zu atmen.

Cádiz ist ein Ort für Entdecker – damals wie heute. Wer durch die Markthalle an der Plaza Libertad schlendert, riecht die Aromen Andalusiens: frischer Fisch, Oliven, reife Früchte. Wer die Plaza de Mina besucht, steht vor dem Geburtshaus von Manuel de Falla, dessen Musik die Seele dieser Stadt vertont hat. Und wer am alten Badehaus Balneario de la Palma steht, erkennt vielleicht die Silhouette aus einem James-Bond-Film – als Halle Berry hier, und nicht in Havanna, aus dem Wasser stieg. Es sind solche Geschichten, die Cádiz unsterblich machen. Eine Stadt, die alle Zeiten überdauert hat, ohne ihre Seele zu verlieren. Eine Stadt, die sich dem Meer anvertraut, wissend, dass das Wasser alles bringt und alles nimmt – nur nicht das Licht, das sie umgibt. Denn Cádiz ist Licht. Reines, warmes, goldenes Licht, das selbst den Wind in Glanz taucht. (cs)