Am Rande des beschaulichen Stadtteils Süchteln liegt ein Ort, der fast vergessen scheint – und doch eine bewegende Geschichte erzählt: der ehemalige jüdische Friedhof am Heidweg. Heute stehen dort noch sechs Grabmale, umgeben von Hecken und Stille. Doch sie erinnern an ein Kapitel lokaler Geschichte, das weit über das Sichtbare hinausreicht.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Rita Stertz
Viersen-Süchteln – Fast 200 Jahre lang, von 1749 bis 1931, fanden hier die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Süchtelns ihre letzte Ruhestätte. Der Friedhof wurde auf Antrag der jüdischen Gemeinde angelegt, nachdem der ursprüngliche Begräbnisplatz nicht mehr ausreichte. In einer Zeit, in der jüdisches Leben in der Region einen festen Platz hatte, war dieser Ort von zentraler Bedeutung.
Der Friedhof wurde durch einen schützenden Wall eingefasst, doch dieser Schutz hielt nicht ewig. Bereits 1769 kam es zu einem schweren Übergriff: Die Anlage wurde verwüstet, der Wall zerstört, ein umlaufendes Eisenwerk gestohlen. Das örtliche Hofgericht verurteilte die Tat scharf – ein seltener und mutiger Akt angesichts der gesellschaftlichen Spannungen jener Zeit.

Heute sind zehn Grabinschriften aus dem 19. Jahrhundert erhalten und in der epigraphischen Datenbank des Essener Steinheim-Instituts dokumentiert. Unter den erhaltenen Gräbern finden sich jene von Nathan Lifges (1819–1902) und seiner Frau Hannchen Lifges, geborene Rothschild (1832–1904). Auch eine markante Stele für das Ehepaar Isaak und Sara Baum ragt als Denkmal auf – ihre Namen in schwarzem Granit auf rauem Naturstein festgehalten.
Im Jahr 1922 erklärte sich die jüdische Gemeinde bereit, den Friedhof aufzugeben, sofern ihnen auf dem städtischen Friedhof ausreichend Platz zugesichert würde. Die letzte Beisetzung erfolgte 1931 – in einem Deutschland, das kurz darauf in eine düstere Epoche abgleiten sollte. 1933 lebten noch 22 jüdische Menschen in Süchteln, 1937 war nur noch ein einziges jüdisches Schulkind registriert.
1954 – fast zwei Jahrzehnte nach der letzten Beerdigung – wurde der Friedhof von spielenden Kindern beschädigt. Umgeworfene Grabsteine blieben liegen. Ein Jahr später ließ man einen Großteil der älteren Gräber einebnen, das Gelände wurde zur Grünfläche umgestaltet. Der Ort verlor seine sichtbare Funktion als Friedhof – und geriet zunehmend in Vergessenheit.
Heute erinnert in Süchteln kein Wegweiser, kein Schild an den jüdischen Friedhof am Heidweg. Nur wer gezielt danach sucht, wird die letzten sechs Grabmale zwischen den Hecken entdecken – stille Zeugen einer untergegangenen Gemeinschaft, die über einige Steinstufen erreichbar sind.
Dabei wäre es höchste Zeit, diesen Ort stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Nicht als Mahnmal allein, sondern als Teil einer reichen lokalen Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten darf.
Kommentar
Die verbliebenen Grabsteine erzählen von Menschen, von Leben, von Verlust. Der jüdische Friedhof am Heidweg ist kein bloßes Relikt – er ist ein Spiegel historischer Verantwortung. Es braucht keine große Geste, aber ein einfaches Schild wäre ein Anfang. Ein Zeichen, dass auch das Vergessene wieder sichtbar werden darf. (cs)





