Zwischen den Siedlungshäusern der Nachkriegszeit erhebt sich ein Bauwerk, das auf den ersten Blick schlicht wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch vielschichtige Geschichten erzählt: Die Kirche St. Marien im Stadtteil Hamm ist mehr als nur ein Ort des Gebets – sie ist ein architektonisches Spiegelbild einer Zeit, die von Aufbruch, Dankbarkeit und einer tiefen Sehnsucht nach Stabilität geprägt war.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Stadtgeschichte – Die Geschichte von St. Marien beginnt nicht erst mit dem ersten Spatenstich im November 1951, sondern bereits Jahrzehnte zuvor, als der Wunsch nach einer eigenen Kirche in Hamm erstmals formuliert wurde. Bis dahin gehörte der Stadtteil zur Pfarre St. Josef – eine Zuordnung, die viele Hammener als provisorisch empfanden. Doch es brauchte einen Weltkrieg, ein Gelöbnis und schließlich den Mut zum Neuanfang, um den langgehegten Wunsch Realität werden zu lassen.

Im Oktober 1944, Viersen war nur knapp den schlimmsten Zerstörungen entgangen, legten die Kirchen der Stadt in der Josephskirche ein feierliches Gelübde ab: Sollte Viersen von einem weiteren verheerenden Bombenangriff verschont bleiben, so wolle man eine Kirche bauen, geweiht dem Unbefleckten Herzen Mariens. Der Glaube wurde konkret – und die Wahl fiel auf Hamm.
Gebaut zwischen 1951 und 1955, ist St. Marien ein typisches Beispiel für den sogenannten traditionalistischen Baustil der 1950er Jahre. Der Backsteinbau wirkt auf den ersten Blick konventionell, beinahe zurückhaltend. Doch gerade diese formale Schlichtheit macht ihn zu einem bedeutenden Zeitzeugen. Der Baukörper – massiv, ruhig, fest gegründet – steht symbolisch für das Bedürfnis einer durch den Krieg erschütterten Gesellschaft nach Beständigkeit und geistigem Halt.
Die Düsseldorfer Architekten Adam und Walter Dickmann, bekannt für ihre zahlreichen Wohn- und Geschäftshäuser in Oberkassel, erhielten den Auftrag – nicht zuletzt wohl auch dank familiärer Bande: Der damalige Pfarrer von St. Josef, Paul Dickmann, war ein Bruder des Architekten. Schon während des Krieges hatte er mit ihnen an kirchlichen Wiederaufbauprojekten gearbeitet.

Die Architektur der Kirche ist geprägt von einer klaren, fast nüchternen Sprache: helle, weit gespannte Wände, eine flache Decke mit betonter, balkenartiger Gliederung. Hier wurde kein Prunk angestrebt, sondern Beständigkeit – gebaut mit handwerklichem Geschick und einem wachen Blick für das städtebauliche Umfeld.
St. Marien war von Anfang an mehr als nur ein Gotteshaus. Der gesamte Komplex – mit Kirche, Pfarrsaal, Kindergarten und Schwesternwohnheim – war als geistiges und soziales Zentrum Hamms geplant. Die großzügige Anlage samt Gärten sollte ein identitätsstiftender Ort für die wachsende Gemeinde werden. Heute steht zwar nur die Kirche selbst unter Denkmalschutz, doch ihr Einfluss auf das Ortsbild ist ungebrochen.
Dass nicht alles wie geplant verwirklicht werden konnte, ist ein Spiegel der wirtschaftlichen Realität der Nachkriegszeit. Der Kirchturm etwa wurde nur mit finanzieller Unterstützung der Muttergemeinde St. Josef realisiert. Auch das ursprünglich vorgesehene große Rosettenfenster am Ostgiebel wich einem kleinen Rundfenster – pragmatische Entscheidungen, die dennoch dem Charakter des Bauwerks keinen Abbruch tun.
Im Inneren von St. Marien begegnet dem Besucher eine liturgische Schlichtheit, die durch kunstvolle Akzente ergänzt wird. Der Altarraum, im Zuge der Liturgiereform zur Gemeinde hin erweitert, beherbergt heute einen neuen Altar – während der ursprüngliche Altartisch aus poliertem Eifeler Blaustein erhalten blieb. Dahinter zieht ein Mosaik von 1954 die Blicke auf sich: eine Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit, geschaffen vom Mönchengladbacher Künstler Josef Höttges. Auch das farbige Seitenfenster mit Symbolen aus dem Marienleben stammt aus seiner Hand – religiöse Kunst, die zur Meditation einlädt.
1955 wurde die Kirche feierlich geweiht und bereits im selben Jahr als selbstständiges Rektorat geführt – ein wichtiger Schritt für die Gemeinde Hamm. 1991 schließlich wurde St. Marien zur eigenständigen Pfarrei erhoben. 2007 folgte die Unterschutzstellung als Denkmal: Anerkennung für ein Bauwerk, das durch seine unaufdringliche Präsenz überzeugt und beispielhaft für eine gesamte Epoche steht. (sk)





