Lebenswege im Robend – Ein Stadtteil erzählt seine Geschichte

Der Robend hat Narben und Farben, Ecken und Kanten, die von Jahrhunderten geprägt sind. Wer heute durch die Straßen des Stadtteils geht, begegnet einer Geschichte, die nicht nur in Archiven schlummert, sondern offen an den Wänden erzählt wird. Schilder an Hausfassaden, bunte Graffitis und eindringliche Gemälde machen sichtbar, was Menschen über Generationen hinweg geprägt hat – und was sie im Innersten bewegt.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen – Die „Lebenswege im Robend“ formen ein Mosaik der Erinnerung. Auf jedem Schild, in jedem Pinselstrich, in jeder gezeichneten Figur blitzt ein Stück Vergangenheit auf. Sie erzählen von Bauern, die hier einst die ersten Höfe gründeten, von Arbeiterfamilien, die zwischen Schienen und Stadtwald ein Zuhause fanden, von Ziegen, die als „Kuh des kleinen Mannes“ über die Wiesen zogen. Es sind Bilder, die das Leben in seiner Einfachheit, aber auch in seiner Härte widerspiegeln.

Foto: Rheinischer Spiegel

Genauso sichtbar sind die Brüche und Etiketten, die den Stadtteil begleiteten. Der Robend – lange das „Stiefkind“ der Stadt, abgeschottet hinter den Bahngleisen, ein Viertel, dem man geringe Bildung nachsagte, das man als kommunistisch und fremd markierte. Heute sind diese Zuschreibungen nicht verschwunden, aber sie haben eine andere Gestalt angenommen: Sie sind zu Symbolen geworden, zu Bildmotiven, die den Wandel dokumentieren.

Zwischen den Fassaden entfalten sich nun Lebenswege, die von Zugehörigkeit und Neubeginn berichten. Menschen, die aus anderen Ländern hierherkamen, ließen ihre Spuren zurück, ebenso wie die, die im Robend geboren wurden und ihn nie verlassen haben. Die Erinnerungen, die sie miteinander teilen, verwandeln sich in ein lebendiges Geschichtsbuch. Nicht im Regal, sondern auf Straßen und Plätzen.

Der Robend wird durch diese Kunst sichtbar gemacht – nicht mehr nur als Viertel am Rand, sondern als Herzstück gelebter Erinnerung. Das Projekt „Lebenswege im Robend“, gefördert vom Bundesministerium des Innern und für Heimat und getragen von der Stadt Viersen, hat Spuren gelegt, die bleiben. Sie sind keine bloße Dekoration, sondern Zeugnisse, die mahnen, erinnern und verbinden.

Wer der Spur folgt, spürt, dass Geschichte hier nicht abgeschlossen ist. Sie wächst weiter – mit jeder Begegnung, jedem neuen Bild, jedem Blick auf die Zeichen an den Wänden. Der Robend erzählt nicht von gestern allein, sondern von einem Heute, das nur aus dem Gestern heraus zu verstehen ist. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel