Literarisches: Badetag. Eine Geschichte von gestern

Wellness hatte in meiner Kindheit einen anderen Stellenwert als heute. Sie hieß anders und verlief anders. Samstags in die Zinkbadewanne, so lautete unsere wöchentliche Wellness-Veranstaltung.
Von Peter Josef Dickers

Literarisches – Diese nachkriegszeitliche Körperkultur fand in unserer großen Küche statt. Nach dem Mittagessen holte meine Mutter die Zinkbadewanne, die an einem Haken im Stall hing, in die Küche und stellte sie vor das Fenster. Vormittags war darin das Futter für unser Hausschwein angerührt worden. Ein wenig sah sie nach Sarkophag aus. Die Wanne, „Bütt“ hieß sie bei uns, sollte uns Wochenend-Labsal spenden. Uns – das waren Mutter, Tante, mein Bruder und ich.

Mutter schleppte aus dem Waschbottich nebenan im Stall zehn Eimer heißes Wasser heran und goss es in die Wellness-Wanne. Auf dem Küchenstuhl, der danebenstand, lag ein Stück Kernseife. Die Reinigung versprach porentief zu werden. Aromatische Düfte drangen höchstens vom Küchenherd herüber, auf dem die Rindfleischsuppe für das Sonntagsessen kochte.
Dann folgte ein entscheidender Augenblick. Quer durch die Küche spannte Mutter ein Tuch. Das Wellness-Studio wurde abgetrennt und entzog sich unseren Blicken. Mein Bruder und ich saßen auf der Küchenbank, Blickrichtung Küchenfenster, jetzt mit neunzigprozentiger Sichtbehinderung. Die fehlenden zehn Prozent hatten ein Einsehen mit uns, weil der Zahn der Zeit dem Zinkbütt-Sichtschutz-Vorhang zugesetzt hatte.

Zuerst entschwand die Tante hinter den Vorhang. Die „Spanische Wand der Katholiken“ verbarg Wesentliches. Nur an hellen Sommertagen ermöglichte das dahinterliegende Küchenfenster bescheidene Anatomie-Studien. Bald aber versperrte undurchdringlicher Wasserdampf die Sicht. Dann konnten wir nur ahnen, wie schön es im Paradies gewesen sein konnte.
Sobald die Tante ihren Baderitus absolviert hatte, erscholl Richtung Bank das Kommando „umdrehen“. Die Tante entschwand dann unseren Blicken. Das Umdrehen nahm bei meinem Bruder oft unverhältnismäßig lange Zeit in Anspruch. Daran muss es gelegen haben, dass er das Muttermal in ihrer Bauchnabelregion beschreiben konnte.

Die Badestube war noch nicht für uns beide frei. Jetzt kam Mutter an die Reihe. Das Badewasser war schon ziemlich eingetrübt, aber Mama fand das nicht schlimm. Mit einem großen Löffel schöpfte sie den Seifen-Schmand von der Oberfläche ab und füllte einen Eimer heißes Wasser nach. Die gleiche Prozedur wiederholte sich, wenn der hierarchischen Ordnung nach ich in die Wanne steigen durfte.
Das Badewasser hatte inzwischen Ähnlichkeit mit der Rindfleischbrühe auf dem Küchenherd, aber trüber und mit diversen Einlagen versehen. Mutter hatte sich wieder angezogen und trocknete mich mit einem großen Handtuch, das schon mit verschiedenen anderen Körperteilen der Badefamilie Bekanntschaft gemacht hatte, ab. Danach durfte mein Bruder in die Wanne steigen. Wenn wir am nächsten Morgen die Wäscheleine mit den Socken über dem Küchenherd baumeln sahen, dann waren auch sie noch in der Brühe gewaschen worden.
Von Allergien, Staubmilben, Fußpilz habe ich nie gehört. Wahrscheinlich gab es die damals nicht. Und krank geworden bin ich auch nicht. (opm)

Foto: Michal Jarmoluk/Pixabay

Foto: Privat

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.