Der Nachkriegswinter lag wie ein schwerer Mantel über Viersen. Die Kälte kroch durch jede Ritze der noch notdürftig reparierten Häuser, und doch spürte ich in dieser Jahreszeit immer etwas Warmes, etwas, das mich schon Tage vorher kribbelig machte: den Duft der kommenden Weihnachtstage.
Von Magdalene Walther – Fotos: Privat/Olaf Josten/Kreisarchiv
Literarisches – Ich war damals acht Jahre alt, klein für mein Alter, aber mit großen, neugierigen Augen. Und jedes Jahr, kurz vor Heiligabend, nahm mich meine Großmutter an der Hand und sagte in ihrer ruhigen, warmen Stimme: „Komm, Lenechen… wir holen den Weihnachtskaffee.“ Dieser Satz traf mich jedes Mal wie ein kleines Wunder. Es war der Moment, in dem die Welt für mich heller wurde — selbst in den schweren Nachkriegsjahren, als es eigentlich wenig Anlass für Glanz gab.

Wir gingen immer denselben Weg. Zuerst über die leicht vereisten Pflastersteine, vorbei an Häusern, deren Wände noch die Narben des Krieges trugen. Manche Fenster waren mit Brettern vernagelt, andere mit Decken abgehängt, um die Kälte fernzuhalten. Dennoch hatten viele Menschen ein Tannenzweiglein oder einen kleinen Stern hineingesteckt — Zeichen dafür, dass Hoffnung sich nicht so leicht vertreiben ließ.
Ich hielt die Hand meiner Großmutter fest. Ihre Finger waren knochig und kalt, aber der Griff war sicher, verlässlich, wie ein Anker. Sie roch nach Seife und ein bisschen nach Lavendel, den sie zwischen ihr Wäsche legte, um ein Stück heile Welt zu bewahren. Auf den Straßen war es stiller als heute. Man hörte das Knirschen des Schnees unter den Schuhen, eine gelegentliche Stimme, ein Klirren. Und über allem lag ein Gefühl von Erwartung, wie ein großer, sanfter Atemzug.

Als wir die Kaiser’s-Filiale erreichten, war ich jedes Mal aufs Neue ehrfürchtig. Für mich war es kein Geschäft – es war ein Ort, an dem die Welt ein bisschen reicher roch. Die große Scheibe zeigte sauber arrangierte Gebäckdosen, Schokoladenpackungen und glänzende Kaffeedosen. Die Schriftzüge wirkten für mich wie Verheißungen. Meine Großmutter drückte die Tür auf, und die kleine Glocke über uns begann zu läuten. Ihr helles Klingeln fühlte sich für mich damals an wie der erste Ton eines Weihnachtsliedes.
Und dann …
dann kam der Duft.
Warm, tief, weich.
So als hätte jemand die Dunkelheit des Winters für einen Moment aufgehoben.
Ich stand einfach da und atmete. Es war ein Duft, der mir sagte, dass es trotz allem Schönheit gab, dass die Welt sich wieder zusammensetzte, Stück für Stück. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee – ein Luxus in jener Zeit – war für mich ein Symbol von Zuhause, von Frieden, von dem Gefühl, dass wir weiterleben würden. Die Verkäuferinnen lächelten immer, wenn sie mich sahen. Ihre frisch gestärkten weißen Kragen wirkten in der oft tristen Nachkriegszeit wie etwas fast Unwirkliches — wie Schneeflocken, die nicht schmelzen. Sie wussten, warum wir kamen. Fast jede Familie in Viersen hatte ihre ganz eigenen Kaiser’s-Erinnerungen.
Meine Großmutter erzählte mir während des Wartens die alten Geschichten, die ich liebte.
Wie früher rohe, grüne Bohnen durch die Straßen geschoben wurden.
Wie leicht sie verbrannten.
Und wie Josef Kaiser mit seinem neuen Röstgerät das ganze Leben vieler Hausfrauen verändert hatte.
Ich stellte mir diesen jungen Mann damals vor: mit rußigen Händen, leuchtenden Augen und der festen Überzeugung, dass Kaffee besser schmecken konnte. Und dass Menschen selbst in schweren Zeiten ein Recht auf ein kleines bisschen Genuss hatten.
Wenn unsere Bestellung an der Reihe war, geschah immer etwas, das sich bis heute in meinem Herzen eingegraben hat: Die Mühle wurde eingeschaltet.

Dieses sonore Brummen, dieses tief vibrierende Geräusch, war für mich das heimlichste aller Weihnachtszeichen. Die Luft füllte sich sofort mit einem noch intensiveren Aroma. Und wenn die Verkäuferin die warme Papiertüte reichte, fühlte sich das an, als hielte ich ein kleines Stück Sonne in den Händen. Ich drückte die Tüte immer an mich, vorsichtig, voller Ehrfurcht. Der Duft stieg in meine Nase, und ich konnte kaum fassen, dass etwas so Köstliches in einer Zeit existieren durfte, die für viele Menschen noch so hart war.
Auf dem Heimweg sprach meine Großmutter meist wenig. Aber ihr Schweigen war kein leeres Schweigen – es war gefüllt mit einem stillen Dank für all das, was wir noch hatten. Sie ging mit geraden Schultern, obwohl die Welt sie so oft gebeugt hatte.
Ich weiß noch, wie ich einmal zu ihr sagte:
„Oma, warum riecht der Kaffee so … so glücklich?“
Sie lächelte, strich mir über die Wange und antwortete:
„Weil er uns daran erinnert, Lenechen, dass es ein Morgen gibt.“
Dieser Satz begleitet mich bis heute.
Als wir die Haustür öffneten, war es warm. Meine Mutter nahm die Tüte entgegen, und sie drückte sie immer einen Moment lang an sich, als wäre sie ein Geschenk, das mehr zu bedeuten hatte als alles Materielle. Und wenn an Heiligabend der Kaffee aufgebrüht wurde, füllte sein Duft unser kleines Wohnzimmer. Er mischte sich mit dem Geruch von Tannenzweigen, Wachs und dem leisen Knistern des alten Radios.
Für einen Moment schien alles ganz — die Welt, die Familie, das Herz.
Heute, viele Jahrzehnte später, öffne ich manchmal eine Packung Kaffeebohnen nur, um den Duft einzuatmen. Und dann bin ich wieder dieses kleine Mädchen, das mit klammen Fingern die warme Tüte hält. Ich höre das Läuten der Glocke, das Summen der Mühle, das Knirschen des Schnees. Und ich spüre die Hand meiner Großmutter, die mir immer sagte, ohne Worte:
Wir schaffen das. Gemeinsam.
Es ist erstaunlich, wie ein Duft ein Leben lang bleiben kann.
Für mich riecht Weihnachten bis heute nach Kaiser’s Kaffee, nach Hoffnung und einem Stück Zuhause. (mw)





