Literarisches: Kontakt gesucht – Erlebtes Kapitel Deutsche Einheit

„Wir freuen uns sehr über Ihre Bereitschaft uns kennen zu lernen.“ So beginnt der Brief von Familie L. aus Schirgiswalde. Wo lag Schirgiswalde? In Sachsen, Oberlausitz, zwischen Dresden und Bautzen. Das wussten wir nicht. Tal der Ahnungslosen zu DDR-Zeiten, sagten Bekannte. Kein West-Fernsehen.
Von Peter Josef Dickers

Literarisches – Die Annonce hatte ich in einer hiesigen Zeitung entdeckt, ein knappes Jahr nach dem Fall der Mauer. „Wir suchen eine Kontaktfamilie. Wer schreibt uns?“
Ich schrieb. Wir würden uns freuen, sie kennen zu lernen, und sie einladen, uns zu besuchen. „Ihr ladet fremde Leute ein?“ Freunde und Bekannte zeigten sich ratlos. „Wer kommt denn da?“ Eine Familie mit vier Kindern.
„Wir staunen, dass Sie die Mühe und Last auf sich nehmen und uns empfangen wollen.“ Das stand in dem Antwortbrief. „Kurz nach Öffnung der Grenzen sind wir nach Bayreuth gefahren. Wir nahmen mit großer Freude, aber auch beschämt, das Begrüßungsgeld in Empfang. Wir hatten plötzlich Geld, womit man herrliche Sachen kaufen konnte. Aber was wir nicht hatten und wir als schmerzlich empfanden, war, dass wir keine Freunde hatten.“

Wir bereiteten uns auf den Besuch vor. Etwa eine Woche wollten die Gäste bleiben. Also krempelten wir unsere Wohnung um. Wir mussten Schlafgelegenheit für zwei Erwachsene und vier Kinder schaffen. Räume wurden umfunktioniert. Betten, Decken und Matratzen hier aufgestellt oder dort verlegt. War auch der kleine Raum neben dem Bad zumutbar als Nachtquartier? Wir wussten nicht, welche Ansprüche die Leute stellen würden.

Foto: Privat

Dann kamen sie. Die vier Kinder stiegen mit den Eltern aus dem „Wartburg“. Begrüßung, Staunen. „Hier wohnen Sie?“ Am liebsten hätten sie auf der Straße ihre Schuhe ausgezogen, um nichts schmutzig zu machen. Wir hießen sie willkommen und zeigten ihnen, wie wir uns ihre Unterkunft vorstellten. Unsere logistische Zimmerverteilung wurde nicht akzeptiert. „Wir schlafen alle zusammen in einem Raum.“ Betten, Matratzen und Decken wurden zurück transportiert. Der 25 qm große bzw. kleine Raum verwandelte sich in ein Feldlager. „Wenn wir in Thüringen im Gewerkschaftshaus Urlaub machten, war das auch so üblich. Machen Sie keine Umstände.“

Wir mussten umdenken. Zehn Tage lang haben wir umgedacht. Diese Familie war völlig anders, als wir uns das vorgestellt hatten. Sie waren zufrieden, dass sie hier sein konnten. Sie waren ansteckend fröhlich. Sie erzählten von sich und wir von uns. Die Tage, die sie mit uns verbrachten, waren voll wundersamer Geschichten. Sie waren viel zu kurz, um unseren gegenseitigen Wissensdurst stillen zu können

Der Abschied voneinander fiel schwer. Wir wollten nicht, dass dies die erste und letzte Begegnung war. Der Keim für eine bis heute andauernde Freundschaft war gelegt. Eine Großfamilie ist inzwischen aus den sechs Personen von damals geworden. Vor drei Jahren haben wir in Dresden gemeinsam Weihnachten gefeiert.
Kontakt gesucht. Es ist so einfach, ihn zu finden. (opm)


Aus: Peter Josef Dickers, Ein bisschen Sehnsucht

Foto: Privat

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.