Eigentlich muss ich dir nicht schreiben, da wir uns oft sehen und miteinander reden. Aber ein Brief ist etwas anderes als ein Gespräch. Man kann ihn lesen, weglegen, noch einmal lesen. Beim zweiten oder dritten Mal sieht man genauer hin.
Von Peter Josef Dickers
Literarisches – Vielleicht fällt einem etwas auf, was man vorher nicht beachtet hat. Oft reden wir über deine Mitschüler und Mitschülerinnen oder über deine Lehrer. Manche findest du doof oder langweilig, andere ganz nett. Von einem Jungen aus deiner Klasse hältst du ziemlich viel. Das sei nichts Besonderes, sagst du. Er sei eben nett.
Gelegentlich sitze ich dabei, wenn du Schulaufgaben machst. Manchmal fragst du nach einem heißen Tipp, wenn es in Mathe um Symmetrie-Ebenen oder um Schnittflächen geht. Es kann sein, dass ich das auf Anhieb auch nicht weiß. Du findest es beruhigend, wenn Erwachsene zugeben müssen, etwas nicht zu wissen.
Hin und wieder reden wir auch über etwas, das nicht unbedingt etwas mit Schule zu tun hat, sondern mit dir. Du willst kein Kind mehr sein, bist aber auch nicht erwachsen. Erwachsen sein willst du gar nicht, aber auch kein Kind mehr. Das ist wie bei einer langen Reise. Zwischen Abfahrt und Ankunft liegen oft viele Stationen. Bei der einen Station hält man sich länger auf, bei der anderen nur kurz. Bei einer Station möchte man gern bleiben, bei der anderen ist man froh, wenn der Zug weiterfährt.
Bisweilen ärgerst du dich, wenn dein Zug irgendwo anhält, wo du es total langweilig findest. Du möchtest mehr tun dürfen als ein Kind, aber deine Wünsche gehen nicht so in Erfüllung, wie du es dir vorstellst. Deine Eltern sehen das natürlich. Aus Erfahrung wissen sie, dass nicht alles im Eiltempo vonstatten geht. Daher bremsen sie schon einmal deine Fahrt ab und sagen HALT, damit dein Zug während der Fahrt nicht aus den Schienen springt.
Auf deiner Reise sammelst du Erfahrungen, interessante und aufregende, auch solche, die du nicht so wichtig findest. Auch andere Personen reisen mit dir. Es sind Mitreisende, die mit dafür sorgen wollen, dass du ans Ziel kommst. Ich wünsche dir gute Reise. Komm gut an.


Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.
„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.




