Mit Kanonendonner zog der närrische Lindwurm durch Viersche

Viersen verwandelte sich gestern Mittag in einen schillernden Rausch aus Farben, Rhythmus und purem Frohsinn: Punkt 14:11 Uhr setzte sich der Tulpensonntagszug in Bewegung und rollte mit einem ohrenbetäubenden Knall los — ein karnevalistischer Lindwurm, der die Stadt in ein singendes, tanzendes Tollhaus verzauberte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche – 0 Grad, Wetter egal … die Straßen waren voller Narrenkappen, glitzernder Perücken und fantasievoller Masken in allen nur denkbaren Schattierungen. Es roch nach dem feinen Staub von Hunderten von Bonbons, die in den ersten Minuten den Himmel über der Zugstrecke verdunkelten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Schon am Morgen zogen erste Gruppen durch die Innenstadt, probten letzte Tänze beim Rintger Veedelszug, polierten Wurfkörbe und banden die letzten Schleifen an die Wagen. Mitten im Trubel der wartenden Karnevalisten gab es sogar noch eine besondere Auszeichnung, als die Viersener Zugleitung die Ehrenurkunde zur Verleihung der Paul-Funk-Plakette für besondere Verdienste um den Tulpensonntagszug an Guido Danners übergab.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Doch der eigentliche Paukenschlag kam pünktlich am Nachmittag: Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I., winkten von ihrem prächtig geschmückten Prinzenwagen, Konfettischauer begleiteten ihre Passage — und tausende Menschen am Straßenrand antworteten mit Jubelstürmen, Pfiffen und dem unerschütterlichen „Viersche helau!“ Der Zug folgte traditionsgemäß seiner Route von der Dülkener Straße durch die Innenstadt und bot für das Publikum ein Feuerwerk aus Kostümen und Musik.

Mehr Zugeinheiten als im Vorjahr rollten durch die Straßen — größer, bunter, lauter. Mottowagen in Traumgrößen schoben sich vorbei: alle mit dem diesjährigen Motto im Herzen … „Verliebt en oser Viersche“. Fußgruppen tanzten einstudierte Choreografien, Kapellen trommelten peitschende Rhythmen, und in den Reihen explodierten Sambaklänge und kölsche Tuschs im Takt der marschierenden Jecken.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Burgstraße präsentierte sich als liebevoll ausgestaltete Familienzone: hier wurde die Musik gedrosselt, die Wagen passierten in ruhigerem Tempo, die Reihen zwischen den Zugteilnehmern und den Zuschauerfamilien waren enger, damit die Kleinsten unbesorgt Kamelle aufsammeln konnten. „Meine Tochter hat ihr erstes Süßzeug gesammelt — das werde ich nie vergessen“, sagte eine Mutter mit strahlenden Augen. Die Entschleunigung in diesem Abschnitt sorgte für Lächeln, Popsong-Chöre und unzählige Selfies von Generationen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Stimmung war durchgängig ausgelassen, ja ekstatisch: Ein älterer Herr in historischer Uniform rief immer wieder „Alaaf und Helau!“, knapp daneben ein Teenager-Duo, das in glitzernden Bodysuits eine improvisierte Polka mit einer Gruppe Senioren tanzte. „Viersen brennt heute!“, rief ein Zuschauer. Ein junger Vater kommentierte: „Es ist schön zu sehen, wie hier alle zusammenkommen — vom Kinderwagen bis zur Wanderstock-Generation.“ O-Töne wie diese zogen sich durch den ganzen Nachmittag und lieferten ein Mosaik aus Begeisterung, Staunen und Gemeinschaft.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Wagen selbst waren kleine bis gigantische Bühnen und diverse Fußgruppen trugen Themenkostüme von Filmfiguren über historische Berufe bis zu frei erfundenen Fantasiewesen. Besonders auffällig: der Einfallsreichtum der Bastler. Papiermaschee, LED-Lichterketten und tanzende Puppen. Gerne blieben sie jubelnd vor Passanten stehen, Smartphones hoben sich wie Schwärme von Libellen empor, und es wurde live gestreamt, gelacht und gejubelt. Die Menschen am Wegesrand waren Teil der Inszenierung.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nach dem närrischen Lindwurm zog die Viersener Zugleitung Bilanz: „Deutlich mehr Sonne als erwartet, 0 Grad sind echt kalt, alle Wagen kamen ins Ziel, außer der Traktor der Zugleitung, größere Lücken konnten verhindert werden, die Stimmung am Straßenrand war super, es gab keine Polizei- oder Rettungseinsätze im Zugweg, die Zugleitung ist zufrieden.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Hinter all dem steckte eine spürbare lokale Identität: Das Motto „Verliebt en oser Viersche“ war nicht nur ein Slogan, sondern Wirklichkeit — ein Versprechen, das eingelöst wurde, indem Menschen aller Altersgruppen, Herkunft und Kulturen sich füreinander öffneten und gemeinsam feierten. Gestern zeigte Viersen: Karneval lebt, wächst und klingt lauter als je zuvor. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming