Von der ersten Polonaise bis zum letzten Tusch war die Gesellschaft Erholung in jecker Partystimmung

Luftschlangen wirbelten durch das ehrwürdige Gesellschaftshaus an der Bahnhofstraße, als gestern Abend die Türen aufgingen und ein Strom aus Närrinnen und Narren den Saal flutete.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Martin Häming

Viersche – Unter dem schelmischen Motto „En de Erholung jeet et träk wär döschtisch loos!“ verwandelte sich das historische Haus Nummer 36 in ein brodelndes Laboratorium des Frohsinns: Tusch, Tanz, Stimmen, die sich überschlugen, und überall dieses unbändige Gefühl — hier samtweiche Tradition, dort zupackender Klamauk. Der 76. Kappenabend der Gesellschaft Erholung war kein bloßes Programm — er war ein Fest, bei dem jede Nummer Funken schlug.

Schon beim Einlass roch man diesen bekannten Mix aus guter Laune und Erinnerung. Die Erholung, liebevoll illuminiert, trug Moderne und Historie zugleich: glitzernde Kostüme vor historischem Gemäuer, welches seit 1883 Zeugnis ablegt, und ein Publikum, das von der ersten Minute an mitging. Karnevalskommissar Lothar Beeck führte wie gewohnt mit sicherer Hand durch den Abend — ein Moderator, der lachte, anstiftete und genau wusste, wann er das Publikum zum Mitmachen nötigte. „Viersche helau!“ — rief er und bekam ein donnerndes Echo.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Den Tanzboden eroberten zum Auftakt die Vierscher Mispelblüten. Unter der Leitung von Silke Dückers präsentierte sich die Showtanzgruppe einmal mehr als Garant für kreative Choreografien, die in dieser Session griechische Urlaubserinnerungen verbanden. „Ich trink Ouzo, was trinkst denn du so?“ … Ohrwurmfeeling von Vincent Gross …

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

An einem solchen Abend durfte natürlich auch das Vierscher Prinzenpaar nicht fehlen. Prinz Wolfgang III., eben ein Vierscher Original, gemeinsam mit seiner Lieblichkeit Estefania I. … Hände klatschten im Takt, der närrische Funke sprang sofort über. Begleitet wurden die Tollitäten von Kanzler Dirk Mangold, ihrer Entourage sowie der Viersener Prinzengarde. Komplettiert wurde die Abordnung durch den Festausschuss Viersener Karneval unter der Leitung von Senatspräsident Frank Schiffers.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Karnevalistische Vielfalt bewies zudem das Süchtelner Dreigestirn mit Prinz Nicolai I., Jungfrau Thomas „Thomina“ und Bauer Uwe gemeinsam mit der Prinzengarde Süchteln. Ja, janz Viersche feiert zwar in den Farben getrennt, aber im jecken Herzen vereint. 65 Jahre Süchtelner Festausschuss und das erste Süchtelner Dreigestirn, die schöne Irmgardisstadt beging in dieser Session wirklich grandios das närrische Winterbrauchtum.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Ein weiterer Höhepunkt folgte mit der Funkengarde der KG Hoseria. Unter dem Kommando von Thilo Ditges begeisterten die Funken mit schwungvollen Tänzen, akrobatischen Elementen und spürbarer Leidenschaft für den Karneval — am heutigen Samstag dürfen die Garden direkt noch zwei Mal ihr Können zeigen. Beim Biwak des Viersener Festausschusses auf dem Remigiusplatz und natürlich bei der eigenen Galasitzung der KG Hoseria am Abend im Evangelischen Gemeindehaus.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Für eine ordentliche Portion Frohsinn sorgten zudem die Dreistadtmöhnen aus Alt-Viersen. Angeführt von Charly (Charlotte) Braun bewiesen sie, dass Karneval nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem im Herzen gelebt wird — humorvoll, selbstbewusst und stets mit einem Augenzwinkern. Den tänzerischen Reigen komplettierte die Tanzgarde Roahser Funken aus den Reihen der KG Roahser Jonges. In den Pausen der Auftritte hielt DJ und Entertainer Björn Wagner die hervorragende Stimmung aufrecht. Er kannte sein Publikum, reist er doch schon seit vielen Jahren aus Wuppertal an, um in Viersche die Jecken zu unterhalten. Ein wunderbares Programm für die zahlreichen Gäste der Gesellschaft Erholung.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Stimmung war karnevalistisch bis in die hinterste Ecke: Menschen in Piratenhüten, in funkelnden Uniformen, mit Perücken und Masken — ein Kaleidoskop der Jeckheit. Stimmen der Zuschauer ergänzten das Programm auf ihre ganz eigene, herzliche Weise. „So schön habe ich mich lange nicht mehr gefühlt — das ist Heimat!“, lächelte eine ältere Dame. Zwischen Lachen und Rufen legte sich immer wieder ohrenbetäubender Applaus über den Saal, als stünde jede Nummer unter dem Verdacht, die beste des Abends zu sein.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Doch der Kappenabend war nicht nur ein Abend der Show — er war auch Bühne für gelebte Tradition. Die Gesellschaft Erholung, gegründet 1877 und mit stolzen 149 Jahren Vereinsgeschichte, präsentierte sich als Brücke zwischen historischem Bestand und lebendiger Gegenwart. Das Gesellschaftshaus an der Bahnhofstraße 36, 1883 vom Fabrikanten Ewald Corty in Auftrag gegeben und vom Mönchengladbacher Architekten Wilhelm Weigelt gestaltet, wirkte wie ein Kulturmagnet: solide, repräsentativ, und doch prall gefüllt mit närrischem Lebenselixier.

Am Tulpensonntag wird der bunte Festzug durch Viersen ziehen — und die Gesellschaft Erholung e. V. wird wieder die drei schönsten Fußgruppen prämieren. 555 Euro, 333 Euro und 111 Euro heißen die Preise für die Plätze eins bis drei; während des Umzugs werden alle Fußgruppen fotografiert, und die Jury wählt anhand dieser Aufnahmen die fantasievollsten Darbietungen aus. Die Gewinner werden nach dem Umzug benachrichtigt; die feierliche Übergabe der Preise ist für das Sommerfest im Juli vorgesehen.

Während draußen die Bahnhofstraße die Ruhe einer Winternacht ausbreitete, kochte drinnen noch immer das Leben. Der Saal war so sehr erfüllt von Gesichtern und Geschichten, dass man den Atem des Abends noch lange spüren konnte, als die Lichter allmählich gedimmt wurden. Einige blieben bis zur letzten Minute, schunkelten, sangen, tauschten Anekdoten über vergangene Karnevalstage aus. Unterm Strich: ein Abend, der Tradition atmete, aber immer wieder durch neue, freche Impulse beflügelt wurde — ganz so, wie es die Gesellschaft Erholung seit 1877 pflegt und weitergibt.

Zum Schluss noch ein Ton aus dem Saal: „Das ist Heimat, das ist Stimmung — und das feiern wir bis in den Sommer!“ — und mit diesem Ruf löste sich der bunte Lindwurm der Karnevalsfreunde langsam auf in die Nacht, während die Vorfreude auf Tulpensonntag und Rosenmontag bereits sichtbar im Kopf vieler Jecken zu keimen begann. (cs)