Ein Hauch von Geschichte lag am Samstag über der Friedensstraße, als beim traditionellen Sommerfest ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen wurde: Erstmals in der 60-jährigen Geschichte der Nachbarschaft wurde kein Bacchus aus der Mythologie besungen, sondern tatsächlich einer gekürt – ein Gott des Weines aus Fleisch und Blut.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Rita Stertz
Viersen-Süchteln – Unter lautem Jubel, herzlichem Applaus und inmitten einer festlich-fröhlichen Atmosphäre erlebte die Friedensstraße am vergangenen Samstag einen Moment, der in die Annalen ihrer Geschichte eingehen wird: Die Nachbarschaft kürte erstmals keine Weinkönigin, sondern einen Bacchus, einen „Gott des Weines“. Inmitten sichtlich bewegter Stimmung wurde Fabio Böhmer zum ersten Bacchus der Friedensstraße erhoben. Für die Anwesenden war dieser Augenblick nicht nur eine Premiere, sondern ein Höhepunkt im 60. Jubiläumsjahr der traditionsreichen Gemeinschaft.
Die Idee eines Bacchus gibt es in der Friedenstraße schon seit längerer Zeit. Nachdem in der Session 2024/25 keine neue Weinkönigin ernannt wurde, wandte sich Fabio Böhmer an den kleinen Kreis der Friedenstraße mit dem Vorschlag, im kommenden Jahr als Bacchus anzutreten. Der Gedanke wurde wohlwollend aufgenommen und in die Tat umgesetzt.
Fabio Böhmer, geboren am 22. März 1995, ist aktives Mitglied der Prinzengarde Süchteln und engagiert im Festausschuss Süchtelner Karneval 1960 e. V. Seine enge Verbundenheit mit dem Brauchtum, seine Zuverlässigkeit und sein Einsatz im karnevalistischen Umfeld machen ihn zur idealen Besetzung für dieses neue Amt.
„Es ist eine Premiere, die einfach zu unserem Jubiläum passt“, freute sich die Nachbarschaft, die für ihre Innovationsfreude ebenso bekannt ist wie für ihre jahrzehntelange Treue zur Tradition. Denn normalerweise wird jedes Jahr eine Weinkönigin gekrönt – eine liebgewonnene Gewohnheit, die seit 1967 gepflegt wird. In diesem Jahr aber wagte man nun den Schritt ins Neue.

Schließlich ist die Friedensstraße weit mehr als nur ein Straßenzug – sie ist ein Symbol für lebendige Nachbarschaftskultur. Ihre besondere Geschichte reicht zurück ins Jahr 1965, als sich Heinz Stieger und einige Nachbarn im Kellerkiosk von Änne Nyssen trafen. Statt einen Karnevalswagen zu bauen, entschied man sich kurzerhand, die Straße mit Luftschlangen und Ballons zu schmücken. Was damals als Notlösung begann, wurde zur Keimzelle einer ganzen Tradition: Der Rosenmontag in Süchteln wäre ohne den farbenfrohen Schmuck der Friedensstraße heute undenkbar.
Ein weiterer Funke sprang, als Johannes Nyssen am Rosenmontag seine Gäste mit Moselwein bewirtete – die Idee der Weinstraße war geboren. Ab 1967 krönte man regelmäßig eine Weinkönigin, später entstanden entlang der Straße Weinverkaufsstände, die das bunte Treiben bereicherten. Bis 1991 gab es sogar jährlich eigens gestaltete Weingläser mit Motiven aus Alt-Süchteln – kleine Kunstwerke, die heute Sammlerherzen höher schlagen lassen.

Mit der Wahl von Bacchus Fabio Böhmer hat die Nachbarschaft bewiesen, dass Tradition und Neuerung keine Gegensätze sind. Gerade im Jubiläumsjahr, in dem man stolz auf 60 Jahre Friedensstraße als Weinstraße blickt, ist diese Neuerung ein Zeichen lebendiger Weiterentwicklung. Und so schallte zum Abschluss des Festes ein dreifaches „Friedens-stroat!“ durch die Gassen – ein Ruf, der nicht nur für Wein und Karneval steht, sondern für eine gelebte Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten zusammenhält und immer wieder neue Wege findet, ihre Geschichte weiterzuschreiben. (sk/opm)





