Wer in weniger als einem Monat durch die Süchtelner Innenstadt flaniert, der könnte meinen, das ganze Städtchen habe sich in ein Tollhaus verwandelt. Musik, Gelächter, Schunkelrhythmen – und mittendrin die bunte Schar des Festausschusses Süchtelner Karneval, die eines zu feiern hat: 65 Jahre Frohsinn, Freundschaft und närrische Leidenschaft.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Soetele – Beim traditionellen Ordensabend wurde nämlich mittlerweile das neue Sessionsmotto vorgestellt, das wie ein wunderbar jeckes Versprechen klingt: „65 Jahre jeck und heiter – Süchteln feiert bunt und munter weiter!“ Und wer Süchteln kennt, weiß: Das ist keine leere Parole, sondern gelebte rheinische Kultur.
Ein Sprung zurück in die wilden Fünfziger: Es begann – wie so vieles im Karneval – mit einer verrückten Idee am Stammtisch. In der alten Gaststätte Schenk, dort wo heute die Bürgerklause steht, schmiedeten Nachbarn der Hindenburgstraße und des Heidweges 1958 den Plan, die Innenstadt endlich auch närrisch zu erobern. Doch bevor es einen Zug gab, rollte erst einmal der Ball – oder besser: viele! Beim legendären „närrischen Fußballspiel“ zwischen Teutonia Schienbein und Union Meniskus schickte der „unbestechliche“ Schiedsrichter gleich 50 Spieler aufs Feld. Das Ergebnis? Ein standesgemäßes 11:11 – und ein ganz neuer Geist war geboren.
Zwei Jahre später, 1960, zogen die Jecken mit Pauken, Trompeten und jeder Menge Fantasie durch die Süchtelner Innenstadt. Damit war der erste Rosenmontagszug geboren – ein Ereignis, das fortan jedes Jahr das Herz der Stadt höherschlagen ließ.

Was als spontane Nachbarschaftsaktion begann, nahm schnell professionelle Züge an. Noch im selben Jahr, am 26. September 1960, gründeten engagierte Bürger den „Festausschuss des Süchtelner Rosenmontagszuges“. Sie legten fest, dass der Zug immer um 10.11 Uhr startet – genau zwischen den närrischen Umzügen in Viersen und Dülken. Schon 1961 rollte der erste offizielle Zug des neuen Festausschusses durch die Straßen. Gekrönt wurde er vom Stadtprinzen Heinrich I. (Körfer) der KG Hagenbroich-Windberg. Drei Jahre später war es dann so weit: Süchteln bekam sein erstes Stadtprinzenpaar – Paul I. und Luise I. (Degroot). Eine Tradition, die bis heute liebevoll gepflegt wird.
1966 erfolgte schließlich die offizielle Eintragung des Vereins unter dem Namen „Festausschuss Süchtelner Karneval 1960 e.V.“ – und die Geschichte des Frohsinns nahm Fahrt auf.
Karneval in Süchteln bedeutet längst mehr als bunte Züge. Seit 1978 lädt der Festausschuss alljährlich zur „Messe der Freude“, bei der Musik, Glauben und Gemeinschaft verschmelzen. 1981 wurde erstmals der „Goldene Weber von Alt-Süchteln“ verliehen – eine Auszeichnung für Menschen, die sich mit Herzblut für ihre Stadt einsetzen. Der erste Träger war Peter Bröckskes, viele weitere folgten. Heute zählt die Ehrenliste stolze 35 Namen.
Auch die neueren Traditionen tragen das Süchtelner Augenzwinkern in sich. Beim Möhrenschälen für den guten Zweck, das 2001 in der Königsburg Premiere feierte, hieß es für das Prinzenpaar Hubert I. und Veronika I. (Oistrez): Schälmesser statt Zepter! In 11 Minuten und 11 Sekunden wurden 206 Möhren geschält – und damit eine Aktion ins Leben gerufen, die bis heute jedes Jahr Lächeln und Spenden hervorbringt.
In dieser Jubiläumssession wird es besonders spannend: Zum ersten Mal in der Geschichte des Süchtelner Karnevals wird ein Dreigestirn die närrische Regentschaft übernehmen – eine Premiere, auf die schon jetzt die ganze Stadt blickt. Der Festausschuss, heute lebendiger denn je, lädt alle Jecken ein, die Session mitzufeiern. Karten für die Veranstaltungen sind online über die Website des Vereins erhältlich – und wer Süchteln kennt, weiß: Da lohnt sich frühes Zugreifen … die Proklamation ist übrigens schon ausverkauft!
Vom legendären Fußballmatch bis zum festlichen Orden, vom Spottlied bis zur Spende – der Süchtelner Karneval ist ein Stück Heimat, das lebt, lacht und verbindet.
Und so klingt es zum Start der jecken Session in allen Straßen, Sälen und Herzen: Soetelsche Muure-Soat! Auf die nächsten 65 Jahre buntes Treiben, Lachen und Lebensfreude! (nb)





