CRASH-Kurs NRW zu Gast an der Gesamtschule Brüggen

Knapp 170 Schülerinnen und Schüler der 3 Oberstufen-Jahrgänge kommen am Dienstagvormittag in die leicht abgedunkelte Burggemeindehalle, die meisten guter Laune und ins Gespräch mit den Mitschülerinnen und Mitschülern vertieft. Doch die Dekoration verstört: Direkt an der Eingangstür zur Halle stehen Holzkreuze mit Vornamen, offenbar von jungen Leuten. Rote Grabkerzen flackern.

Brüggen – Aufsteller mit eindeutigen Fotos mahnen mit makabrer Optik „Treffpunkt Landstraße“ oder „Zur Party hier entlang“: abgebildet sind Gedenkkreuze an Straßenrändern. Die Lautstärke sinkt, es wird nur noch geflüstert – und auch das nicht mehr lange, wenn die Veranstaltung beginnt.

Der CRASH-Kurs NRW ist zu Besuch an der Gesamtschule Brüggen. Nicht zum ersten Mal, aber endlich wieder nach einer auch durch Corona bedingten mehrjährigen Pause. Normalerweise sollen alle Schülerinnen und Schüler einmal in ihrer Schulzeit während der gymnasialen Oberstufe diese Erfahrung machen können. Es geht darum, Fahranfänger für Risiken im Straßenverkehr zu sensibilisieren und dadurch Unfälle zu vermeiden. Auf ziemlich drastische Art und Weise werden die zukünftigen und aktuellen Führerschein-Besitzer mit Unfällen konfrontiert, die typischerweise besonders der Altersgruppe der 17-24jährigen zuzuschreiben sind. „Obwohl nur 8% der Bevölkerung im Kreis Viersen dieser Altersgruppe angehören, stellen sie doch über 20% der Unfallbeteiligten“, so beginnt Udo Berndt, Verkehrssicherheitsberater von der Kreispolizei Viersen, seine Moderation.

Zu Beginn präsentiert Tobias Stapper, Kollege von Udo Berndt bei der Verkehrsunfallprävention, ein Video, das die Anfahrt zum Veranstaltungsort und einen senkrechten Drohnenflug vom Schulhof zeigt, der übergeht in eine Luftbildaufnahme des Kreises Viersen, auf der nacheinander 13 Kreuze tödliche Unfälle markieren. „So machen wir deutlich, dass Unfälle keine abstrakte Sache sind, sondern dass sie auch direkt vor der eigenen Haustüre passieren“, erklärt Stapper.

Anhand eines weiteren Videos hören die Schülerinnen und Schüler Aussagen von Eltern, deren Kinder bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Ungefiltert und direkt wird der Schmerz spürbar, den die Eltern empfinden, wenn sie über ihre toten Kinder sprechen. Und immer wieder die Erkenntnis, dass Unfälle nicht einfach „geschehen“, sondern verursacht werden – durch unangepasste Geschwindigkeit, Alkohol- oder Drogenkonsum, Selbstüberschätzung oder Ablenkung. Es folgen Bilder von tödlichen Unfällen aus dem Kreis.

Und dann schildern vier „Akteure“, wie sie ganz persönlich Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang erlebt haben. Selbst wenn es vorher noch flüsternde Unterhaltungen gab, jetzt kann man eine Stecknadel fallen hören. Polizistin Louisa Hanke erzählt von einem Unfall, den Sie in ihren ersten Dienstwochen aufnehmen musste. „Ich wollte den Menschen helfen, Konflikte lösen, Gutes tun – darum bin ich zur Polizei gegangen. Doch angesichts des Todes von jungen Unfallopfern wird einem die Machtlosigkeit in dieser Situation klar, und man fühlt sich völlig hilflos.“

Volker Fleißgarten, ebenfalls Polizist, schildert eine Situation, in der er als Privatperson Ersthelfer bei einem tödlichen Verkehrsunfall war: „Zwar waren wir höchstens zwölf Minuten alleine an der Unfallstelle, bevor der Rettungswagen kam, aber diese Zeit kam uns vor wie Stunden. Wir waren nicht in der Lage, die tödlich verletzte 18jährige Unfallfahrerin aus dem Wrack zu befreien, solange sie noch geatmet hatte.“ Auch hier: Hilflosigkeit. Ratlosigkeit. Und der Appell, auf keinen Fall wegen einer vermeintlichen Zeitersparnis von wenigen Sekunden Überholmanöver zu riskieren, die tödlich enden könnten.

Markus Lüer (ebenfalls von der Polizei in Viersen) musste einer Mutter im Campingurlaub die Nachricht übermitteln, dass ihr Ehemann und ihr ältester Sohn bei einem Überholmanöver eines 18jährigen mit überhöhter Geschwindigkeit keine Chance mehr hatten, auszuweichen. „Eine Familie ist zerstört. Drei Kinder haben ihren Bruder und ihren Vater verloren – und die beiden hatten nichts Falsches gemacht“, so Lüer.

Und auch Feuerwehrmann Thomas Metzger erzählt von einem Unfall, den ein 18jähriger Führerscheinneuling mit seinem Golf GTI verursacht hatte, weil er viel zu schnell in eine Autobahnabfahrt einbog und auf einen 38-Tonner prallte. „Moderne Autos haben viele elektronische Helferlein, die Fahrfehler ausbügeln können, aber die Physik kann man nicht überlisten. Diese Selbstüberschätzung kostete den 18jährigen Fahrer, seinen Großvater und später auch seine Großmutter das Leben“, warnt Metzger die sichtlich beeindruckten Zuhörerinnen und Zuhörer.
Allen Akteuren konnte man anmerken, wie verstörend diese Erlebnisse aus ihrer beruflichen Laufbahn waren. Umso höher ist es ihnen anzurechnen, dass sie immer wieder vor Schülergruppen davon berichten. „Es ist nicht das Ziel, dass ihr Angst vor dem Autofahren bekommt. Aber ihr sollt immer einen Plan B haben, falls der geplante Fahrer doch nicht nüchtern geblieben ist. Ihr braucht einen Plan B, wenn ihr als Beifahrer neben eurem Freund sitzt, und dieser viel zu schnell fährt. Es geht eben nicht alles immer nur gut aus“, appelliert Udo Berndt abschließend an die jungen Zuhörenden.

Und diese zeigen, dass sie verstanden haben: „Ich fahre einen Käfer, damit bin ich eh nicht übermotorisiert“, sagt Malte (19) aus der Q2. Mia (18) aus derselben Stufe ergänzt: „Es gibt immer einen Plan B, auch wenn ich ihn noch nie nutzen musste. Aber ich würde nicht zu einem angetrunkenen Fahrer ins Auto steigen.“ Einig sind sich die Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall darüber, dass die Veranstaltung sinnvoll ist: „Jede Schülerin und jeder Schüler aus der Gymnasialen Oberstufe sollte einmal während der Schulzeit die Möglichkeit haben, den CRASH-Kurs zu besuchen“, so die einhellige Meinung. (opm/H. Glade)

Foto: Gesamtschule Brüggen

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