Es sind die Wege, die man schneller geht, die Ecken, an denen der Blick wachsam wird, die Plätze, die man meidet, obwohl sie eigentlich zum Alltag gehören. In Viersen bekommen diese stillen Unsicherheiten eine Stimme: Bürgerinnen und Bürger können Orte melden, an denen sie sich im öffentlichen Raum unwohl oder bedroht fühlen. Die Stadt will so Angsträume sichtbar machen – und gezielt verändern.
Von RS-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath
Viersen – Es beginnt oft unspektakulär: mit einem Schritt vom beleuchteten Gehweg in einen dunkleren Abschnitt, mit dem leisen Gefühl, beobachtet zu werden, mit dem unwillkürlichen Griff nach dem Handy. In Viersen sind es genau diese Momente, die seit Wochen gebündelt sichtbar werden. Seit Anfang Januar sind auf der Plattform Beteiligung NRW rund 30 Meldungen eingegangen, die Orte benennen, an denen sich Menschen unsicher fühlen – Wege, Plätze, Unterführungen, Parkflächen. Es sind keine abstrakten Punkte auf einer Karte, sondern konkrete Alltagsrouten, die viele täglich nutzen.
Hierzu gehört der Fußweg vom Parkplatz am Kreishaus, vorbei am Kreishaus bis hin zum Stadthaus. Tagsüber wirkt die Strecke funktional, fast beiläufig. Doch mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich die Wahrnehmung. Die Beleuchtung ist lückenhaft, die Umgebung wirkt verlassen, Bewegungen lassen sich nur schwer einordnen. Wer hier spät unterwegs ist, beschreibt das Gefühl, schnell weitergehen zu wollen, ohne stehen zu bleiben.
Ähnlich gelagert ist die Situation auf dem Fußweg zwischen Seilerwall und Ernst-Moritz-Arndt-Straße. Der Weg verbindet zentrale Bereiche, liegt aber abseits von belebten Achsen. Gerade in den Abendstunden fehlt es an Übersichtlichkeit, die Sichtachsen sind eingeschränkt, das Umfeld wirkt wenig einladend. Für viele ist es ein klassischer Angstraum: nicht wegen eines konkreten Vorfalls, sondern wegen der Summe aus Dunkelheit, Stille und fehlender sozialer Kontrolle.

Besonders detailliert fallen die Schilderungen zum Heckenweg aus, einer kleinen Straße auf der Rückseite des Rathausmarktes. In den Abend- und Nachtstunden hat sich der Bereich zu einem Treffpunkt entwickelt, den Anwohnende und Passanten als dubios beschreiben. Immer wieder wird berichtet, dass im rückwärtigen Treppenhaus des Rathausmarktes seit Jahren Betäubungsmittel konsumiert werden. Hinzu kommt ein weiteres, ganz praktisches Problem: Die ansässigen Gewerbebetriebe überfüllen regelmäßig ihre Müllcontainer. Die Abdeckungen lassen sich nicht mehr schließen, Abfälle verteilen sich über den gesamten Heckenweg. Der Müll verstärkt nicht nur den Eindruck von Verwahrlosung, sondern trägt erheblich dazu bei, dass sich Menschen dort unwohl fühlen und den Weg meiden.
Ein weiterer Brennpunkt ist der Parkplatz am Süchtelner Sportpark. Die Fläche ist groß, in mehreren Reihen kann geparkt werden, doch die Beleuchtung reicht nicht aus, um den gesamten Bereich auszuleuchten. Lichtquellen befinden sich fast ausschließlich auf der Seite der Sportstätten, während andere Bereiche im Dunkeln liegen. Auch die angrenzende Straße sowie der Radweg in Richtung Süchteln und Dülken sind unbeleuchtet. Besonders kritisch wird die Situation beim Überqueren der Straße: Ein Zebrastreifen fehlt, die Sichtverhältnisse sind schlecht, vor allem für Kinder ist die Querung gefährlich. Anfang November 2025 kam es hier zu einem schweren Unfall, bei dem ein Kind beim Überqueren der Straße von einem aus Richtung Dülken kommenden Auto erfasst wurde. Der Vorfall hat die Sorgen vieler Betroffener noch einmal verstärkt.
In Dülken richtet sich der Blick auf die Bahnunterführung zwischen Eindhovenerstraße und Tilburgerstraße. Seit der Bahnübergang von der Tilburgerstraße nach Dülken-Nord geschlossen wurde, ist dieser Tunnel der kürzeste Weg in die Innenstadt. Was praktisch klingt, entpuppt sich für viele als Zumutung. Die Unterführung wird seit Jahren offensichtlich als Urinal genutzt, Wände und Böden sind beschmiert, der Geruch ist penetrant. Hinweise auf eine regelmäßige Reinigung fehlen, stattdessen wirkt der Tunnel wie ein vergessener Ort. Immer wieder dient er auch als Aufenthaltsort, Belästigungen werden geschildert. Besonders Frauen berichten, dass sie die Unterführung selbst am Tag nur im Notfall nutzen. Gästen von außerhalb diesen Weg zu zeigen, empfinden viele als beschämend. Gleichzeitig spielt der Tunnel eine zentrale Rolle bei Großveranstaltungen: Allein zum Rosenmontagszug nutzen Hunderte auswärtige Besucher diese Verbindung, oft ohne zu wissen, was sie erwartet.
Auch der Bereich rund um den Viersener Bahnhof taucht immer wieder in den Meldungen auf. Gerade in den späten Abendstunden wird die Atmosphäre als unheimlich beschrieben. Wer allein ankommt, trifft auf einen kaum frequentierten Bahnhof, die wenigen Anwesenden werden häufig als zwielichtig wahrgenommen. Reisende müssen nachts den Weg über die rückwärtige Überführung in Richtung Stadt nehmen. Für viele entsteht so ein erhebliches Unsicherheitsgefühl auf einem Weg, der eigentlich Sicherheit vermitteln sollte.
Um diese Wahrnehmungen systematisch zu erfassen, hat die Stadt Viersen eine neue Beteiligungsmöglichkeit geschaffen. Über das Portal Beteiligung NRW können Bürgerinnen und Bürger Angsträume im Stadtgebiet melden. Gemeint sind Bereiche im öffentlichen Raum, in denen Menschen sich unsicher, unwohl oder bedrängt fühlen. Auslöser können dunkle Ecken, fehlende Beleuchtung, schlechte Sichtverhältnisse, verwahrloste Plätze oder enge Durchgänge sein. Die Stadt betont dabei, dass Wahrnehmung individuell ist und nicht jeder Ort von allen gleich empfunden wird.
Ziel ist es, ein möglichst vollständiges und belastbares Bild dieser Orte zu erhalten. Wer teilnimmt, kann konkrete Wege, Straßen oder Plätze benennen und Angaben zu Ort, Uhrzeit und den Gründen für das Unsicherheitsgefühl machen. Ergänzend können Fotos und kurze Beschreibungen hochgeladen werden, sofern dabei Sicherheit und Privatsphäre gewahrt bleiben. Die gesammelten Erfahrungen sollen als Grundlage für zukünftige Maßnahmen dienen, etwa zur Verbesserung von Beleuchtung, Sichtachsen, Sauberkeit und Barrierefreiheit.
Ergänzend zur Online-Beteiligung plant die Stadt eine Begehung ausgewählter Orte. Am Donnerstag, 19. Februar 2026, um 17 Uhr wollen Mitarbeitende der Stadtverwaltung Hinweise aus der Beteiligung vor Ort aufgreifen. Fragen zur Beteiligung und zur Begehung beantwortet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Viersen, Swantje Day, telefonisch unter 02162 101-226 oder per E-Mail an swantje.day@viersen.de. (ea)





