Die Festhalle in Viersen pulsierte am gestrigen Sonntag wie ein jeckes Herz voller Konfetti: Bereits zum 18. Mal hatten die „Blauen“, die Große Viersener Karnevalsgesellschaft, zum traditionellen Frühschoppen geladen — und die Halle antwortete mit einem nie enden wollenden Chor aus Trommelschlägen, Schunkelrufen und glitzernden Kostümen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Als die schweren, hölzernen Türen der altehrwürdigen Viersener Festhalle am gestrigen Morgen aufgingen, ergoss sich ein bunter Strom aus Uniformen, Orden, Federbüschen und leuchtenden Perücken auf die Parkettfläche; hier ein Schärpenmeer in Rot und Gold, dort ein Meer von tiefblauem Tuch — die Farben der GVK mischten sich mit den Kostümen der Gäste aus Düsseldorf, Köln und dem ganzen Niederrhein. Über allem stand das Sessionsmotto wie ein Versprechen: „Jekumme öm te bliiwe“ — gekommen, um zu bleiben — und der Schlachtruf „Viersche öss joot!“ hallte schon bei Einzug durch die Halle mit dem Viersener Tambour Corps 1925 e. V., welches zu diesem Anlass ebenfalls in Blau angetreten war.

Moderator Willi K. übernahm die Regie des Vormittags mit jener souveränen, charmant-witzigen Art, die einem das Gefühl gab, bei einem guten Freund zu Hause zu sein. Sein Eröffnungsruf fiel genau in die richtige Tonlage: humorvoll, aber bestimmt, als wolle er sicherstellen, dass niemand diese Pflicht verspielen würde — das Feiern. Kurz darauf trat Präsident Rainer Zaum ans Mikrofon; umringt von Vorstandsmitgliedern, Aktiven, Mariechen und Gardisten versprach er nichts weniger als ein Feuerwerk der närrischen Kunst: Keine Minute dürfe ungenutzt bleiben. Und das Programm hielt Wort.

Den Anfang machten die lokalen Majestäten: das Viersener Prinzenpaar betrat die Bühne und zog sofort alle Blicke auf sich. Stolz, anmutig und mit der spielerischen Selbstverständlichkeit echter Jecken bahnten sie sich ihren Weg durch die Karnevalisten mitsamt der Prinzengarde der Narrenherrlichkeit Viersen — die ganze Szene wirkte wie eine Filmaufnahme aus einer anderen Zeit, nur lauter, bunter und lebensnaher. Doch die Vierscher Tollitäten sollten natürlich nicht alleine bleiben, denn die Grosse Viersener Karnevalsgesellschaft feiert mit allen Stadtteilen, mit allen jecken Herrschern, ob groß oder klein. Wie wunderbar also, an solch einem Tag Geburtstag zu haben … weshalb nicht nur die Bühne, sondern die ganze Halle – über 1.200 Stimmen – kurzerhand ein Geburtstagsständchen für die Kinderprinzessin, Lina I., des Boisheimer Dreigestirns anstimmte.

Zwischen Verneigungen und närrischen Rufen wurde sichtbar, was Karneval bedeutet: Generationen, die sich treffen, um das Brauchtum zu teilen. Als Zeichen dieser Verbundenheit überreichte die GVK großzügige Unterstützung an den Kinderkarneval — vier Spenden in Höhe von je 333 Euro gingen an die Unterstützung des Kinderkarnevals in Bossem, Soetele, Viersche und Dölke.

Es folgte ein fulminanter Wechsel: Die Kölner Band Miljö betrat die Bühne — fünf kernige Musiker, die mit ihrem neuen Album „VEEDELDELPHIA“ und der Single „Superheld“ eine Brücke von der Straße in den Konzertsaal zogen. Nils Schreiber, Sven Löllgen, Max Eumann, Daniel Pottgüter und Simon Rösler spielten sich in Windeseile in die Ohren des Publikums; der Sound war rau, ehrlich und zugleich warm wie ein frisch gezapftes Kölsch. Zwischen Akkordeonklängen und rauchigen Gitarren hörte man die Schulbank-Zeit aufblitzen, die WG-Küche, die ersten Proben — Geschichten, die die Band seit ihrer Gründung trug. Miljö spielte neue Stücke, die das Viersener Publikum sofort mitsang; der Saal vibrierte, als Refrains sich wie Bekannte unter Freunden anhörten.

Darauf folgten die Räuber, die mit ihrer energiegeladenen Mischung aus Kölsch-Rock-Pop die Halle in einen brodelnden Kessel verwandelten. Sven West, Thommy Pieper, Martin Zänder, Kurt „Captain Kurt“ Feller und ihr kongeniales Ensemble gaben Kostproben ihrer neuen Songs, die Freiheit, Gemeinschaft und die Liebe preisen — musikalische Botschaften, die bei jedem Akkord vom Boden bis zur Decke zu spüren waren. Die Räuber spielten mit einer Nähe zum Publikum, die nicht ins Künstliche kippte: hier war keine Distanz, hier war Mitmachen Pflicht. Die Band ließ die Besucher nicht nur zuhören, sondern sich aufmachen, mitzutanzen, mitzusingen.

Die Kölner Rheinveilchen sorgten anschließend für artistische Brillanz: Ihr Tanzkorps, eine Institution, präsentierte akrobatische Würfe und Figuren, die die Luftvibrationen der Halle auf eine neue Ebene hoben. Unter der Leitung von Friedel Löhr arbeitete die Truppe mit präziser Eleganz — Hebefiguren, die eine Sekunde wie ein Risiko wirkten und in der nächsten wie pure Leichtigkeit. Die Rheinveilchen zeigten, was es heißt, Tradition zu pflegen und zugleich neue Inszenierungen zu wagen — bei über hundert Auftritten pro Session ist Professionalität kein Zufall, sondern Handwerk.

Mit dem Auftritt der Rabaue zog ein Stück kölsche Straßenhistorie in die Viersener Festhalle ein. Die Band aus Köln brachte genau jene Mischung aus Bodenständigkeit, Humor und musikalischer Wärme auf die Bühne, die man sofort erkennt und nie wieder vergisst. Schon mit den ersten Takten war klar: Hier standen keine distanzierten Stars, sondern Musiker, die den direkten Draht zum Publikum suchten und fanden. Keyboard- und Akkordeonklänge legten sich wie ein vertrauter Teppich über die ganze Festhalle, während treibende Rhythmen und mehrstimmiger Gesang die Menge in Bewegung setzten. Die Besucher klatschten im Takt, schunkelten Schulter an Schulter und ließen sich mitreißen von Liedern, die Geschichten erzählen – vom rheinischen Alltag, von kleinen Fluchten, großen Gefühlen und dem unverwechselbaren Lebensgefühl zwischen Dom, Kneipe und Straße.

Peter van den Brock, Albert Detmer, Alexander Barth, Benjamin Weißert und Christian Barth präsentierten Songs aus ihrem Repertoire — darunter auch die jüngeren Hits wie „Nur noch einen Aperol“ und „Na was“ — mit einer Mischung aus schelmischem Augenzwinkern und handfester Musikalität. Die Rabaue verstanden es meisterhaft, ihre lange Bandgeschichte mitschwingen zu lassen, ohne dabei nostalgisch zu wirken. Ihr Name, eine Hommage an die legendären Straßenmusiker der Nachkriegszeit, wurde auf der Bühne hör- und fühlbar: ehrlich, direkt und voller Herz.

Ein besonderer Moment gehörte dem Besuch aus der Landeshauptstadt: Mit spürbarem Stolz und großem Gefolge zog das Düsseldorfer Prinzenpaar in die Viersener Festhalle ein. Prinz Marcus I. (Marcus Hülscher) und seine Venetia Nicole Nothen wurden nicht nur von Applaus empfangen, sondern von einem eindrucksvollen Bild karnevalistischer Pracht begleitet. Gleich zwei Prinzengarden flankierten den Einzug – die Prinzengarde des Prinzen in kräftigem Rot und die Gardisten der Venetia in leuchtendem Blau. In exakter Formation marschierten die Garden ein, Stiefel auf dem Hallenboden im Gleichschritt, Fahnen erhoben, begleitet von donnerndem Applaus aus dem Publikum.

Auf der Bühne präsentierten sich Prinz und Venetia nahbar, herzlich und voller Energie. Mit dem Düsseldorfer Sessionsmotto „Mer bliewe bunt – ejal wat kütt!“ setzten sie ein klares Zeichen für Vielfalt, Offenheit und Zusammenhalt im Karneval. Denn der Karneval mehr sei als Tradition: Er sei Haltung, Gemeinschaft und ein Spiegel der Gesellschaft. Prinz Marcus I., seit Jahren fest im Düsseldorfer Karneval verwurzelt, sprach mit sichtbarer Begeisterung über die Ehre seines Amtes, während Venetia Nicole Nothen, selbst erfahrene Tänzerin und engagierte Kinder- und Jugendbeauftragte, besonders den Nachwuchs in den Fokus rückte. Die beiden Garden rahmten den Auftritt mit stolzer Präsenz – Rot und Blau, Seite an Seite, als sichtbares Symbol für den gelebten Zusammenhalt im rheinischen Karneval. Der Applaus wollte kaum enden, als das Düsseldorfer Prinzenpaar sich verabschiedete und einen bleibenden Eindruck in Viersens guter Stube hinterließ.

Zwischen all diesen musikalischen Höhepunkten sorgte die Akribie der Moderation und die routinierte Logistik der GVK dafür, dass keine Sekunde verloren ging. Bühnenwechsel verliefen wie geschmiert, in den Pausen sorgte Roland Zentgraf, alias der Fabulöse Roland, an den Reglern und am Mikrofon für unvergessliche Momente, Technik und Licht setzten die Kostüme in das richtige Licht. Die Festhalle selbst verwandelte sich in einen einzigen, riesigen Salon der Fröhlichkeit: Tische voller Biergläser in Reih und Glied, und immer wieder die Blickfänge von Orden, die glänzten wie kleine Sieger.
Im fortschreitenden Nachmittag erklang Kölsche Lebensfreude mit voller Wucht: Die Boore mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus kernigem Gesang und rustikalem Charme zogen die Halle in ihren Bann. Chris Koch, Karl Heinz Lips, Bernd Hochheimer, Kurt Schoger und Julio Baterista wirbelten durch ihr Set, das Klassiker wie „Rut sin de Ruse“ ebenso streifte wie neuere Nummern aus dem Album „Jeck es Jeil“. Lederhosen und kölsches Jeföhl, das waren Bilder, die man nicht missen wollte: singende Kehlen, fliegende Konfettifetzen und ein Publikum, das jede Strophe lauthals nachschmetterte. Die Band arbeitete mit einer Bühnenpräsenz zwischen herzlicher Schalkhaftigkeit und musikalischer Perfektion — in Viersen war jeder Song ein Ankerpunkt für gemeinsame Erinnerung.

Als die Boore als letzter musikalischer Kraftakt des Frühschoppens die Bühne eroberten, war die Stimmung längst nicht mehr nur warm — sie glühte. Hände klatschten im Takt, Stimmen verschmolzen zu einem lauten Chor, und im letzten Set wurden die Besucher noch einmal daran erinnert, weshalb man an einem solchen Tag früh aufsteht: um mit anderen Menschen die Lust am Leben zu feiern. Die Schlussakkorde hoben die Halle in eine letzte, gemeinsame Bewegung und die Menschen strömten, lachend und müde zugleich, hinaus in den Nachmittag, der noch lange nachhallte. (nb)





