Das Evangelische Gemeindehaus an der Viersener Königsallee verwandelte sich am Samstagabend ein letztes Mal in dieser Session in einen Karnevalstempel: Als die Türen zur Galasitzung der Karnevalsgesellschaft Hoseria 1950 aufschlugen, strömte eine jecke Schar hinein, die in Lachen, Gesang und leuchtenden Kostümen die Kälte der Nacht endgültig vertrieb.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming
Viersche – Unter dem Motto „Singe, lache, tanze – Hoseria geht aufs Ganze“ lud die Karnevalsgesellschaft Hoseria gestern Abend zu ihrer traditionellen Galasitzung. Es wurde gefeiert, was das Herz begehrt — und das Herz, das in diesen Stunden besonders bewegte, bekam auch seinen großen Moment.

Schon der Einzug setzte Maßstäbe: Das Viersener Tambour Corps 1925 marschierte mit Trommeln und präziser Haltung auf, funkelnde Uniformen und rhythmische Schritte füllten den Raum mit Vorfreude; die vereinseigenen Funkengarden der Hoseria wirbelten mit akrobatischen Formationen über die Bühne – wie übrigens schon am Morgen zuvor beim närrischen Biwak auf dem Remigiusplatz –, und als das Prinzenpaar mit der Viersener Prinzengarde – an diesem Abend kommandiert von Thilo Ditges – von erschien, brach der Saal in Jubel aus. Mariechen Anna-Lena sorgte mit ihrem tänzerisch-leichten Wirbel für ein glitzerndes Kaleidoskop aus Emotionen — so begann ein Abend, der von Anfang an seinen Fuß nicht vom Gas nahm.

Das Publikum — bunt gemischt, altbekannte Narren und neugierige Erstbesucher — hing an jedem Ton, jeder Pointe und jedem Schritt. Zwischen Konfetti und Sektgläsern nahm der Abend Fahrt auf: Bütten, Show, Garde, Musik — ein Programmmix, der vom ersten Takt an die Stimmung hochzog.

Übrigens: Mit schwungvollen Klängen und viel Herzblut machte sich auch zwischendurch die legendäre Hutsammlung auf den Weg durch die Reihen. Begleitet von Roland Zentgraf, besser bekannt als „Der fabulöse Roland“, wanderte der Hut von Tisch zu Tisch und von Lächeln zu Lächeln – getragen vom Gedanken des gemeinsamen Helfens. Münzen klimperten, Scheine wechselten die Hand, und Schritt für Schritt nahm die Unterstützung für die Seniorensitzung im Haus Greefsgarten sichtbar Gestalt an, die am Ende 643,15 Euro betrug.

Einer Höhepunkt des Abends war das Zwiegespräch „Labbes on Drickes“. Michael Henkel — bürgerlich Michael Henkel, trat als Labbes auf, jener halbwüchsige, gutmütige Schelm mit dem Kopf voller dummer Gedanken und dem Herzen am rechten Fleck. Klein an Wuchs, so erzählt man, mit 1,69 m der „kleinste Labbes Deutschlands“, nahm er das Publikum mit auf eine Reise. Schon mit fünf Jahren stand er auf der Kindersitzung der Roten Funken Artillerie und sang sich in die Herzen; später bildete er mit Bruder Martin ein jeckes Gesangsduo, lernte Trompete an der Musikschule Eschweiler, wirkte in der Parodie- und Musikgruppe „Brasselskriemer“ mit und fand schließlich 1987 seinen Platz im Zwiegespräch.

Ihm gegenüber stand Guido Streusser — Drickes, bürgerlich Guido Streusser, der mit trockenem, elektrischer-Handwerker-Charme und spontaner Schlagfertigkeit den perfekten Kontrapunkt bildete. Seine Bühnenkarriere begann früh: Mit zwölf feierte er seinen ersten Bühnenerfolg mit einem Playback von Amanda Lear; später absolvierte er eine Ausbildung zum Elektriker, leitete eine Weile die Altstadtkneipe „Phänomen“ und arbeitete schließlich wieder als Elektriker. Als Mitglied der Rote Funken Artillerie Eschweiler, in der 7. Korporalschaft verwurzelt, brachte er Schalke-Anekdoten, kammerspielartige Sketche und handfeste Pointen ein. Zusammen hatten die beiden 1986 den folgenschweren Entschluss gefasst, ihre komödiantische Chemie öffentlich zu zeigen — und seither gehört „Labbes on Drickes“ zur Lustigkeit, die in vielen Sälen für Tränen vor Lachen sorgt.

Nach dem Applaus für Labbes und Drickes war der Saal noch voller Lachen und schwingender Schenkel – wie schade, dass die beiden zwischendurch gegen die Unruhe im hinteren Saal ankämpfen mussten –, da kündigte sich der nächste Höhepunkt an: Mit stolzem Schritt, klingendem Marschrhythmus und den typischen „blau-goldenen“ Uniformen rückte die Bürgergarde „blau-gold“ von 1904 e.V. in den Mittelpunkt. „Blau un jold, dat han ich schon als kleene Jung jewollt!“ – dieser Satz hallte wie ein Leitmotiv durch die Reihen, als das aktive Korps, flankiert vom Tanzpaar, die Bühne eroberte.

Mit synchronen Schritten, perfekt abgestimmten Salut-Formationen und der musikalischen Begleitung ihres Regimentsmusikzuges verwandelten sie die Bühne in ein lebendiges Stück Kölner Karneval. Die Tänzerinnen wirbelten in kunstvollen Figuren, die Marschmusik klang wie ein Herzschlag der Session, und jeder Trommelwirbel schien die Luft selbst zum Vibrieren zu bringen. Selbst die kleinsten Details – von glänzenden Stiefeln über präzise aufgesetzte Mützen bis zu den sorgfältig gefalteten Schärpen – spiegelten jahrzehntelanges Training, Disziplin und pure Freude wider.
Es war, als hätte Ehrenfeld seine Straßen in den Saal geholt: der Duft von Tradition, der Rhythmus der Parade und die Energie eines ganzen Veedels pulsierte durch jeden Zentimeter des Evangelischen Gemeindehauses. Die Bürgergarde nahm jeden Blick auf, jedes Klatschen und Jubeln der Viersener Karnevalisten auf und gab es mit einem Lächeln zurück – ein lebendiger, kraftvoller Gruß an den karnevalistischen Geist der Stadt. Eine hervorragende Einstimmung auf den Höhepunkt des Abends, die mit Spannung erwartete Verleihung des Goldenen Vierscher Herzens.
Denn, in einer Szene, in der Heimatgefühl und Dankbarkeit aufeinandertrafen, übergab die Hoseria ihr renommiertes „Goldenes Vierscher Herz“ — und zwar in einer Premiere: 2026 wurde die Auszeichnung nicht an eine Einzelperson, sondern an den gesamten Technischen Senat verliehen. Kein Glamourträger, keine Frontperson, sondern die unsichtbare Mannschaft, die Bühnen baut, Kabel legt, Licht justiert und in letzter Minute Probleme löst — diese Gemeinschaft aus 14 Männern und drei Anwärtern wurde an diesem Abend in gleißendem Scheinwerferlicht geehrt.

Vorsitzender Peter Hillekes leitete die Ehrung mit warmen Worten ein und würdigte die unschätzbare Arbeit des Senats: „Sie sind die, die im Hintergrund rackern, meist ehrenamtlich, und dafür sorgen, dass unser Karneval überhaupt stattfinden kann“, sagte er und zeichnete ein Bild von Männern, die nicht das Rampenlicht suchen, sondern Bühnen sicher machen. Die Laudatio hielt Eric Tillmanns, Kommandant der Viersener Prinzengarde und selbst Herzträger des Vorjahres. Tillmanns erinnerte daran, dass der Technische Senat seit 1974 die Hände am Regelwerk und an den Schrauben des Karnevals hat — eine Truppe, die mit Akribie Bühnenbilder malt, Karnevalswagen pflegt, am 11.11. aufbaut, am Tulpensonntag hilft und die Wagenhalle reinigt. Seine Worte klangen nicht bloß als Lob, sie waren ein lauter Ruf nach Anerkennung für Menschen, die sonst im Verborgenen wirken: „Wenn sie nicht da wären, würde vieles hier nicht funktionieren“, brachte er es auf den Punkt, begleitet von anhaltendem Applaus. Die Herzverleihung selbst wurde zu einer kleinen
Inszenierung: Schließlich standen hier die 62. Herzträger des Goldenen Vierscher Herzens, einer ganz besonderen Auszeichnung. Man sah Männeraugen glänzen, die sonst nur Scheinwerfer justieren; man hörte Wehmut, Dankbarkeit und den leisen Stolz jener, die wissen, dass ihr Werk den Karneval erst möglich macht.
Musikalisch setzten die JunX ein kräftiges Ausrufezeichen: Christopher Garbers und Gunnar Schmidt brachten mit zeitgemäßen Schlager-Pop-Sounds das Haus zum Beben — ihre eingängigen Refrains und die Bühnenpräsenz sorgten für Tanzen in den Gängen und Wangen, die vor Begeisterung glühten. Die Band kombinierte tanzbare Beats mit ehrlichen Texten; der Abend nahm wieder Fahrt auf, die Hände flogen in die Luft, und die Stimmung kletterte weiter nach oben.

Die Palm Beach Girls aus Palmersheim brachten danach eine Choreografie, die Athletik und Drama verband: Hebefiguren, präzise Synchronität, akrobatische Elemente — jeder Sprung, jede Pose war auf Hochglanz poliert. Das Training der letzten Monate, die Disziplin des Ensembles, zeigte Wirkung: Eine Formation nach der anderen, sauber ausgeführte Hebefiguren, atemberaubende Landungen. Das Publikum belohnte jede Kür mit lang anhaltendem Applaus und anerkennenden Pfiffen.

Zum Abschluss des offiziellen Programms ließen „Die Original Eschweiler“ die große Big-Band-Tradition aufleben: 23 Musikerinnen und Musiker, ein soundstarker Bläsersatz, dazu Live-Gesang, der zwischen kölschem Liedgut und satten Big-Band-Medleys wechselte. Ihre Präsenz war wie ein Magnet — die Bühne wurde zur tanzenden Arena, viele Gäste standen bereits in den Gängen, schunkelten und sangen mit. Die Band, die seit 1952 besteht und als Fanfarenkorps begann, holte mit swingenden Arrangements und singenden Soli den letzten Funken an Abendenergie heraus. Die Hoseria 1950 hat mit ihrer Galasitzung gezeigt, dass Tradition lebendig gehalten wird — nicht nur durch Prinzen und Mariechen, sondern durch all jene, die singen, lachen, tanzen und hinter den Kulissen anpacken. Und für den Technischen Senat war die Bühne an diesem Abend mehr als nur ein Arbeitsplatz: sie wurde zum verdienten Raum der Anerkennung. (sk)




