Über den Dächern von Alt-Viersen lag noch die Kälte der Nacht, die Pflastersteine glänzten, und wer früh unterwegs war, zog den Mantel enger um die Schultern. Doch hinter den Türen der Kirche St. Notburga im Roahser sammelte sich am Tulpensonntag eine andere Temperatur: Erwartung, Heiterkeit, ein leises Knistern zwischen Kirchenbank und Orgelpfeifen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Die Gemeinde St. Remigius hatte mit Pfarrer Roland Klugmann zur „Messe der Freude“ geladen – und Viersche war gekommen. Jecke mit Narrenkappe neben älteren Damen im Wintermantel, Kinder mit glitzernden Flügeln neben Herren im dunklen Anzug. Niemand musste kostümiert erscheinen, viele wollten es. Die Kirche, sonst ein Ort der gedämpften Stimmen, vibrierte schon vor Beginn wie ein Versammlungsraum der Heiterkeit.

Der Einzug geriet zum ersten Höhepunkt. Durch das Mittelschiff, zwischen Heiligenfiguren und Opferkerzen, marschierte die Vierscher Jeckenwelt mit bekannten Gesichtern unter den Messdienern ein. Rote Uniformen blitzten im Licht der Kronleuchter, Stiefel hallten auf dem Steinboden. Der Rhythmus ihrer Schritte mischte sich mit Gesang, der nicht aus dem Graduale stammte, sondern aus dem Gedächtnis einer Stadt, die weiß, wie man feiert. Applaus brandete auf – ein Geräusch, das in katholischen Kirchen selten so ungehemmt erklingt. Für einen Moment war das Gotteshaus weniger Basilika als Bühne, weniger Andachtsraum als Resonanzkörper gemeinsamer Freude.
Die „Messe der Freude“ ist in Viersen längst mehr als ein liturgischer Termin. Sie markiert den geistlichen Auftakt zum närrischen Höhepunkt, eine Art sakraler Schwellenmoment, bevor draußen der Lindwurm durch die Straßen zieht. Dass sich Glaube und Brauchtum hier nicht widersprechen, sondern ineinandergreifen, zeigte sich in der Dramaturgie dieses Vormittags. Zwischen Kyrie und Gloria fanden sich Töne, die sonst eher in Festzelten oder auf Bühnen erklingen. Doch sie wirkten nicht fremd, sondern eingefügt in ein Geflecht aus Tradition und Gegenwart.

Musikalisch getragen wurde der Gottesdienst von den Roahser Sängern und der Chorgemeinschaft St. Joseph/St. Notburga. Ihre Stimmen füllten das Kirchenschiff, mal getragen von klassischer Mehrstimmigkeit, mal von jenem rheinischen Schwung, der das Publikum unweigerlich mitnimmt. Kirchenlied und Karnevalsschlager standen nicht in Konkurrenz; sie wechselten einander ab wie zwei Sprachen, die vom selben Gegenstand erzählen: vom Leben in seiner Fülle. Die Gemeinde sang mit, erst zögerlich, dann aus voller Kehle. Wo sonst andächtiges Murmeln herrscht, klang nun ein Chor aus Jung und Alt.
Pfarrer Klugmann leitete die Liturgie mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Seine Predigt verzichtete auf Pathos, setzte stattdessen auf Nähe. Er sprach vom Karneval nicht als Ausbruch aus dem Alltag, sondern als Verdichtung des Miteinanders. Freude, so ließ er anklingen, sei kein flüchtiger Zustand, sondern eine Haltung – gespeist aus Dankbarkeit, genährt von Gemeinschaft. In einer Zeit, in der vieles auseinanderstrebe, sei das gemeinsame Singen, Lachen und Feiern ein Zeichen des Zusammenhalts. Der Karneval, so verstanden, sei kein Gegenentwurf zum Glauben, sondern eine seiner farbenfrohen Erscheinungsformen.

Besonders eindrücklich geriet die Kommunion. Als die ersten Gläubigen nach vorn traten, legte sich eine andere Stimmung über den Raum. Die Musik wurde leiser, vertraute Melodien schwebten durch das Kirchenschiff. Zwischen Narrenkappen und Perücken entstand ein Moment konzentrierter Stille. Das Sakrament, sonst eingebettet in liturgische Strenge, fand hier seinen Platz inmitten einer festlichen Kulisse – und wirkte gerade deshalb nicht weniger ernsthaft. Es war, als würde das Bunte für einen Augenblick den Blick auf das Wesentliche freigeben.
Der Reiz dieser Messe liegt seit jeher in ihrer Mischung. Sie ist kein karnevalistischer Umzug im Kirchenraum, aber auch keine gewöhnliche Sonntagsliturgie mit dekorativem Beiwerk. Vielmehr entsteht ein Dialog zwischen Altar und Alltag, zwischen Ornat und Orden, zwischen Weihrauch und Konfetti. Die Gemeinde – ein Querschnitt durch die Stadt – nahm diese Einladung an.
Draußen wartete bereits der Tag mit seinem weiteren Programm. Nach der Messe zog es viele Richtung Rintgen, wo der Veedels-Zug Aufstellung nahm. Ab dem Mittag schlängelte sich der närrische Lindwurm durch Alt-Viersen. Dass der Morgen mit Minustemperaturen begonnen hatte, schien bald vergessen. Die Sonne setzte sich durch, der befürchtete Schneefall blieb aus. Nur eine kleine Panne – ein Platten am Traktor der Zugleitung – erinnerte daran, dass selbst im sorgfältig geplanten Karneval nicht alles reibungslos verläuft. Doch auch dieses Missgeschick wurde mit rheinischer Gelassenheit aufgenommen, als hätte ein unsichtbarer Schutzpatron seine Hand über die Jecken gehalten. (nb)





