Es war dieser eine Moment, wenn tausende Hände gleichzeitig in die Höhe schnellen, wenn „Halt Pohl!“ wie eine Welle durch die Häuserschluchten rollt, wenn Bonbons durch die Luft segeln wie bunte Sternschnuppen – und wenn eine ganze Stadt für ein paar Stunden nur noch im Takt der Jeckenherzen schlägt. So begann der 90. Veilchendienstagszug in Mönchengladbach, und so sollte er in Erinnerung bleiben – als ein Tag zwischen überschäumender Lebensfreude und einem Unfall, der die Feiernden jäh innehalten ließ.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming
Mönchengladbach – Mit ein paar Minuten Verspätung setzte sich der närrische Lindwurm an der Lüpertzender Straße in Bewegung. Der Regen, der zuvor noch drohend über der Stadt gehangen hatte, zog sich pünktlich zurück, als hätte selbst der Himmel Respekt vor diesem Jubiläum. Immer wieder schoben sich Sonnenstrahlen durch die Wolken und tauchten Konfetti und Kostüme in warmes Licht.
Unter dem Motto „Gladbach ist als jecke Welt, allerbestens aufgestellt“ zogen 17. Musikgruppen, 85 Fußgruppen, 47 Bagagewagen und 82 große Motivwagen durch die Innenstadt – ein Farbenrausch, ein Trommelwirbel, ein einziges bewegtes Fest.

Angeführt wurde der Zug von den Standartenreitern des Mönchengladbacher Karnevalsverbandes, gefolgt von unzähligen Jecken, die mit Fantasie, Glitzer und Herzblut auf die Straße gingen. Die ersten, die den Zug mit dem traditionellen „Halt Pohl“ begrüßten, waren Prinz Marc I. und Prinzessin Niersia Janine. Wie es die Tradition verlangt, nahmen sie zunächst die Parade ab, ehe ihr eigener Wagen sich als vorletzter in den Zug einreihte. Das Kinderprinzenpaar, Luis I. und Annick I., war bereits zuvor mit der Kinderprinzengarde gestartet und hatte die jüngsten Närrinnen und Narren begeistert.

Von Beginn an prasselte ein dichter Kamelleregen auf die Menge nieder. Bonbons, Schokoriegel, Gummibärchenein und Sammelsurium aus Nützlichem sowie Kuriosem, das das Lachen der Menschen begleitete. Die Fußgruppen zeigten sich dabei besonders einfallsreich: Kunterbunte Monster mit riesigen Augen tanzten über den Asphalt, Außerirdische in glänzenden Kostümen, Gäste von der Blumeninsel Teneriffa brachten mit Federschmuck und glitzernden Kostümen südliches Temperament nach Gladbach.

Rund zwei Stunden lang zog sich das Spektakel durch die Straßen, begleitet von Musik, Jubel und dem süßen Duft von Zuckerwerk. Doch gegen 15.30 Uhr änderte sich die Stimmung schlagartig. An der Kreuzung Bismarckstraße/Regentenstraße wurde eine junge Frau, die als Wagenengel den Zug absicherte, von einem als Karnevalswagen mitfahrenden Linienbus erfasst. Nach Angaben von Polizei und Feuerwehr geriet die 23-Jährige aus bislang ungeklärter Ursache unter das Fahrzeug und wurde eingeklemmt.

Sofort eilten Rettungskräfte herbei. Mit einem pneumatischen Rettungsgerät, das mit Druckluft arbeitet, befreiten Feuerwehrleute die Frau unter Hochdruck aus ihrer lebensbedrohlichen Lage. Andere Zugteilnehmer bildeten einen Sichtschutz, schirmten den Bereich ab, während Sanitäter um das Leben der jungen Frau kämpften. Sie war zunächst nicht ansprechbar und wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Der Gesundheitszustand ist derzeit kritisch.

Nach etwa 20 Minuten entschieden die Verantwortlichen, den Zug über die Kaiserstraße umzuleiten und auf kürzestem Weg zu beenden. Als sich der närrische Lindwurm wieder in Bewegung setzte und später den Alten Markt erreichte, war die Atmosphäre spürbar verändert. Die Reihen der Kamellefänger hatten sich gelichtet, Gespräche wurden leiser geführt, viele blickten nachdenklich. Trotz des schweren Unfalls blieb der restliche Zugverlauf organisatorisch unter Kontrolle. Feuerwehr und Hilfsorganisationen hatten entlang der Strecke 13 Unfallhilfsstellen eingerichtet. Zwölf Personen wurden dort ambulant versorgt. Bis zum Abend mussten insgesamt acht Menschen in Krankenhäuser gebracht werden – meist wegen leichterer Notfälle. Der Einsatz der Rettungskräfte war umfassend, koordiniert und präsent.

Auch der Kommunale Ordnungs- und Servicedienst (KOS) hatte im Vorfeld alle Hände voll zu tun. 81 Fahrzeuge wurden vor dem Start wegen Falschparkens verwarnt, 62 mussten abgeschleppt werden. Während des Zuges waren 24 KOS-Kräfte im Einsatz. Anlässlich des Veilchendienstagszuges nahmen die Einsatzkräfte der Polizei insgesamt 13 Anzeigen und drei Ordnungswidrigkeiten auf – darunter diverse Körperverletzungen und Beleidigungen sowie Anzeigen wegen des Mitführens einer Anscheinswaffe, des Zündens von Pyrotechnik und des Einsetzens einer Drohne über einer Menschenmenge.

Trotz des wechselhaften Wetters säumten rund 270.000 Zuschauerinnen und Zuschauer die Straßen – etwas weniger als in den Vorjahren aufgrund des Regens, aber immer noch eine gewaltige Kulisse für das 90. Jubiläum dieses traditionsreichen Zuges. Zwischen Trommelwirbeln, Konfetti und „Halt Pohl“-Rufen zeigte sich die Stadt in ihrer ganzen karnevalistischen Kraft – und erlebte zugleich einen Moment, der den Tag unauslöschlich prägte. (sk)





