Die heutige Hindenburgstraße in Süchteln blickt auf eine lange Geschichte als Verkehrsweg zurück. Bereits im Jahr 1854 erfolgte der Ausbau der Verbindungsstraßen von Süchteln nach Dülken und Lobberich zu sogenannten Provinzialstraßen. Damit wurde der Weg ausgebaut, der heute im Zentrum Süchtelns beginnt und sich westlich über die Süchtelner Höhen bis zur Grenze des Stadtbezirks Dülken zieht.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen-Süchteln – Ein bedeutsames Ereignis für die Namensgebung erfolgte am 5. Oktober 1917: Während des Ersten Weltkriegs wurde der innerstädtische Abschnitt der bisherigen Dülkener Straße – zwischen der Hochstraße und der Gaststätte Fortmann an der Gabelung der Wege nach Dülken, Lobberich und Boisheim – in „Hindenburgstraße“ umbenannt. Diese Entscheidung fällt in die Zeit, in der Paul von Hindenburg als Generalfeldmarschall und Chef der Obersten Heeresleitung in Deutschland eine zentrale Rolle spielte und in der Öffentlichkeit als Kriegsheld glorifiziert wurde.
Im Zuge der kommunalen Neuordnung und Stadtentwicklung wurde die Straße am 15. September 1970 über die ursprüngliche Umbenennungsgrenze hinaus verlängert und umfasste fortan die gesamte frühere Dülkener Straße bis zur Stadtgrenze Dülken. Damit entstand eine durchgängige Hauptverkehrsachse vom östlichen Ortskern (Hochstraße) über den Westring und die Höhenzüge bis zum benachbarten Stadtteil.
Benannt ist die Straße nach Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847–1934), einem der prominentesten Militärs und Politiker des frühen 20. Jahrhunderts. Hindenburg wurde zunächst als Sieger der Schlacht von Tannenberg im Ersten Weltkrieg gefeiert, übernahm später führende militärische Funktionen und wurde schließlich von 1925 bis zu seinem Tod 1934 Reichspräsident der Weimarer Republik.
Die Benennung der Straße nach Hindenburg im Jahr 1917 ist im historischen Kontext durchaus nachvollziehbar: Zu jener Zeit galt er in der öffentlichen Wahrnehmung vieler als nationaler Held. Die militärischen Erfolge an der Ostfront hatten ihm große Popularität eingebracht, und auch nach dem Krieg wurde er – vor allem durch die von ihm mitverbreitete „Dolchstoßlegende“ – zum Symbol für konservativ-nationales Denken in Deutschland.
Aus heutiger Sicht ist diese Bewertung jedoch deutlich differenzierter zu betrachten. Die neuere historische Forschung, insbesondere die 2007 erschienene Biografie von Wolfram Pyta, zeichnet ein weitaus kritischeres Bild. Pyta und andere Historiker zeigen, dass Hindenburg nicht nur eine passive Figur der politischen Ereignisse war, sondern eine zentrale Rolle beim Übergang von der Weimarer Demokratie zur nationalsozialistischen Diktatur spielte.
Hindenburg ernannte im Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, obwohl er noch eine Alternative in Form von Gregor Strasser gehabt hätte. Diese bewusste Entscheidung geschah nicht aus Zwang, sondern aus dem Wunsch nach einem politischen „Neuanfang“, den Hindenburg mit dem autoritären Führungsstil Hitlers zu verwirklichen glaubte. Auch seine spätere passive Duldung der NS-Politik, seine Beteiligung am „Tag von Potsdam“ (1933) und sein mangelnder Widerstand gegen Verfassungsbrüche und Gewaltverbrechen wie den „Röhm-Putsch“ werfen ein dunkles Licht auf seine politische Verantwortung.
Die Hindenburgstraße in Süchteln ist ein historisch gewachsener Verkehrsweg mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. Ihre Benennung im Jahr 1917 spiegelt eine Zeit wider, in der militärischer Ruhm und nationalistische Heldenbilder dominierend waren. Aus heutiger Sicht jedoch steht der Namensgeber Paul von Hindenburg für einen problematischen Umgang mit demokratischen Prinzipien und eine folgenschwere Verantwortung für den Machtantritt des Nationalsozialismus. (cs)





