Die symbolische Fackel der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung ist beim DRK-Ortsverein Kempen e.V. eingetroffen.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen und Martin Häming
Kempen – Mit der Übergabe reiht sich der Kempener Ortsverein in eine Tradition ein, die seit Jahrzehnten Rotkreuzgliederungen in vielen Ländern miteinander verbindet und alljährlich an die historischen Anfänge der Bewegung erinnert. Die Fiaccolata, wie der Fackellauf auf Italienisch heißt, führt sinnbildlich auf den 24. Juni im norditalienischen Solferino zu, jenem Ort, an dem sich das Selbstverständnis der Rotkreuzidee aus den Erfahrungen eines der verlustreichsten Kriegsgeschehnisse des 19. Jahrhunderts entwickelte.
Für den Ortsverein war die Entgegennahme der Fackel weit mehr als ein zeremonieller Akt. Sie stand für ein öffentlich sichtbares Bekenntnis zu den Grundsätzen, auf denen das Deutsche Rote Kreuz ebenso wie die internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung beruht: Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. Gerade im Ehrenamt, das vielerorts unter dem Druck knapper werdender Zeitbudgets und steigender Anforderungen steht, kommt solchen Zeichen eine besondere Bedeutung zu. Die Fackel, so die Symbolik des Laufes, wird von Gliederung zu Gliederung weitergereicht; als Licht der Hoffnung, aber auch als Hinweis darauf, dass humanitäre Hilfe nicht an Gemeindegrenzen, Landesgrenzen oder sprachlichen Unterschieden Halt macht.
Der Weg der Fiaccolata hat seinen Ursprung in einer historischen Erinnerungskultur, die über die bloße Rückschau hinausreicht. Seit 1992 versammeln sich alljährlich rund um den 24. Juni Menschen aus zahlreichen Ländern zum Fackelzug des Italienischen Roten Kreuzes zwischen Solferino und Castiglione delle Stiviere. Der Marsch erinnert an die Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 und an die Folgen dieses blutigen Gefechts, dessen Anblick den Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant nachhaltig prägte. Dunant begegnete damals dem Elend der Verwundeten und Sterbenden, die ohne ausreichende Versorgung auf den Feldern zurückgeblieben waren. Seine Beobachtungen und sein späteres Engagement führten zur Gründung einer Idee, aus der sich das Rote Kreuz entwickelte.
Castiglione delle Stiviere, wenige Kilometer vom Schlachtfeld entfernt, wurde in den Tagen nach der Schlacht zum Zentrum improvisierter Hilfeleistungen. Dort sammelten sich Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen versuchten, Verwundete zu versorgen, Wasser zu reichen und notdürftige Pflege zu leisten. Die spätere Erinnerung daran ist mehr als reine Historie. Sie verweist auf den Ursprung eines humanitären Anspruchs, der bis heute das Selbstverständnis des Roten Kreuzes bestimmt. Die Fiaccolata nimmt diese Erinnerung auf und überführt sie in eine Gegenwart, in der die humanitäre Idee in neuer Form weitergetragen wird. Der Fackellauf folgt dabei dem Gedanken eines Staffellaufs: Das Licht wird von einer Rotkreuzgemeinschaft zur nächsten weitergegeben, bis es schließlich am 24. Juni in Solferino ankommt.
Die Fackel steht dabei nicht für Pathos allein. Ihre Bedeutung liegt gerade in der Verbindung von Erinnerung und Gegenwart, von historischer Erfahrung und gegenwärtiger Aufgabe. Wer sie weiterträgt, erinnert nicht nur an Solferino und Dunant, sondern an die Idee, im Ernstfall für Menschen in Not da zu sein, ohne Ansehen von Herkunft, Religion oder politischer Zugehörigkeit. (dt)





