Ein Abend voller Erinnerungen, leiser Ironie und lauter Gitarren im Waldfreibad Walbeck.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker
Kunst & Kultur – Manchmal sind es nicht die großen Effekte, sondern die kleinen Gesten, die ein Konzert magisch machen. Als sich Fury in the Slaughterhouse an einem warmen Spätsommerabend im Waldfreibad fast unbemerkt auf die Bühne schlichen, hatte kaum jemand bemerkt, dass der Countdown abgelaufen war. Doch dann – Gitarren, Stimmen, die ersten Töne. Und plötzlich war klar: Dieser Abend wird einer, an den man sich erinnert.

Rund 3.500 Fans hatten sich zwischen Bäumen, Bierbänken und Liegewiesen versammelt, viele von ihnen mit der Band groß geworden. Für manche war es fast ein Klassentreffen der Generation Golf, für andere ein Wiedersehen mit Liedern, die längst Teil ihres Lebenssoundtracks geworden sind.
Fury kokettierten mit ihrem Alter, machten aus vermeintlicher Schwäche charmantes Bühnenprogramm. Sänger Kai Wingenfelder gönnte sich zwischen den Songs immer wieder Sitzpausen, Bruder Thorsten erinnerte daran, dass das 40-jährige Jubiläum bald naht. Und Gitarrist Christof Stein-Schneider stillte kurzerhand seinen Durst direkt aus dem Bühnenkühlschrank – „ziemlich trockene Luft hier in Geldern“, bemerkte er trocken.
Dass es die Band überhaupt noch gibt, grenzt an ein kleines Wunder: Nach dem Bruch 2008 schien alles vorbei. Erst die Jubiläumsshow zum 30. führte zur Versöhnung – und zu neuem Schwung. Seit 2021 entstehen sogar wieder neue Songs, die sie neben ihren Klassikern präsentierten.
Musikalisch hielten Fury die Balance meisterhaft. Wenn „Radio Orchid“ oder „Won’t Forget These Days“ erklangen, sang das Publikum aus voller Kehle, Handys erhellten den Nachthimmel und Erinnerungen wurden wach. Doch es blieb nicht bei Nostalgie: Auch aktuelle Stücke wie „Sorrowland“ oder ein brandneuer Song fanden ihren Weg ins Set und zeigten, dass diese Band trotz aller Falten nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hat.

Wildes Pogen? Fehlanzeige. In Walbeck wurde freundlich gewippt, textsicher gesungen und aufmerksam zugehört. Bei „Every Generation“ sorgten politische Bildprojektionen für nachdenkliche Gesichter, bei „Trapped Today, Trapped Tomorrow“ legte Gero Drnek ein Gitarrensolo hin, das für echte Gänsehaut sorgte.
Etwas getrübt wurde die Stimmung nur durch den abgetrennten Bereich direkt vor der Bühne: 86 Euro kosteten die Tickets dort – und viele Plätze blieben leer. Doch spätestens als das Publikum nach dem offiziellen Schluss einfach weitersang und Fury zur Zugabe zurückholte, war dieser Makel vergessen.
Und das Beste: Diese Reise geht weiter. Nach einem #1-Album („Hope“) und einer restlos ausverkauften Open-Air-Tour im vergangenen Jahr steht 2025 schon das nächste Kapitel an: Fury Live Twenty Five. Sänger Kai Wingenfelder verspricht ein neues Album und „den Spaß unseres Lebens“, Stein-Schneider schwärmt von einer noch besseren Songauswahl und neuen Outfits.
Fast 40 Jahre Bandgeschichte, unzählige Hits wie „Time To Wonder“, „Every Generation Got Its Own Disease“ oder eben „Won’t Forget These Days“ – und doch wirkt es, als hätten Fury noch lange nicht genug. Geldern durfte es spüren: langsamer vielleicht, aber immer noch voller Kraft, Herz und Humor. (nb)





