Hinterm Tuun erwachte im Roahser Festzelt närrische Lebensfreude

Ein Kichern, ein Trommelschlag, dann ein Raunen: Zwischen bunten Kostümen, glitzernden Hüten und Ornaten der ganzen Region erwachte das Festzelt der KG Roahser Jonges 1936 e.V. auch am gestrigen Sonntag noch einmal zu jeckem Leben.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche-Roahser – Hier, hinter dem „Tuun“, war alles möglich – ein Zaun aus Fäden, der die Geschlechter trennte, und doch eine unsichtbare Brücke aus Zurufen, Lachen und fröhlichem Necken. Männer und Frauen saßen sich gegenüber, einander ausgelassen provozierend, und doch verbunden durch den Pulsschlag des Karnevals. Schon die ersten Töne der Musik, das Heben der Hände, das Funkeln in den Augen kündigten an: Heute würde Viersche nicht einfach feiern – es würde sich in ein buntes, vibrierendes Schauspiel verwandeln, in dem jede Drehung, jeder Sprung und jedes Lächeln Teil eines närrischen Gedichts wurde.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Eröffnung des Bühnenprogramms übernahmen bereits am Mittag die Alt-Viersener Prinzenpaare, während am Mikrofon erneut als Sitzungspräsidenten Wolfgang Genenger und Lothar Beeck nicht nur den Ablauf fest im Griff hatten, sondern auch jede Menge Trinksprüche im Gepäck. Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I. strahlten in ihren prachtvollen Kostümen und komplettierten mit dem Kinderprinzenpaar Moritz I. und Caro I. das Bild der Vierscher Tollitäten. Die Viersener Prinzengarde sorgte mit ihrer Regimentstochter dabei natürlich ebenso für beste Stimmung wie das Prinzenpaar der Viersener Narrenherrlichkeit.

Moritz und Caro, zwölf und vierzehn Jahre jung, brachten nicht nur das Publikum zum Schmunzeln, sondern entfachten mit ihrem Sessionslied „Karneval im Pulverschnee“ eine fröhliche Schneelandschaft im Herzen des Festzeltes … da war es schließlich warm, während draußen weiterhin Minustemperaturen herrschten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Roahser Funken, frisch aus ihrer Gründung 2023, legten mit Präzision und Leidenschaft nach. Unter dem Sessionsmotto „Verliebt en oser Viersche“ präsentierten die jungen Tänzerinnen ihren neuen Gardetanz, akrobatisch, elegant und voller Temperament.

Jeder Schritt erzählte von monatelangem Training, von Disziplin und Begeisterung. Alexia Burokostas, Lina Hindrichs, Emily Kerl, Sophie Luhnen, Alina Maintz, Marie Prohl, Joyce Volkmann und Lea Wittke standen für jugendliche Energie, die sich in glitzernden Kostümen und funkelnden Augen widerspiegelte. Sie sind der Teil eines ganzen Mosaiks an Eigengewächsen der Roahser Jonges, auf die die Gesellschaft zu Recht stolz sein kann.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Apropos wunderbare Eigengewächse … die gibt es natürlich auch in Soetele und so folgte auf die Funken die Showtanzgarde aus Süchteln. Gewachsen aus der Süchtelner Tanzgarde feierte diese Gruppe 2019 ihre Premiere und begeistert seitdem in jeder Session mit einem neuen Motto. In den Central Park Zoo nach New York mitsamt Freiheitsstatue geht die Reise mit der MSC Süchteln in dieser 5. Jahreszeit. Da soll noch mal einer sagen, das nicht alle Wege von Süchteln aus in die ganze Welt führen.

Als die ersten Töne erklangen, wirbelten die Tänzerinnen über die Bühne, Sprünge und Drehungen fesselten die Zuschauer. Trainerinnen Kathrin und Marie Hünnekes hatten ihre Schützlinge zu Höchstleistungen geformt – der Dank dafür zeigte sich in einem begeisterten Applaus.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nun brillieren auf solch einer Sitzung aber natürlich nicht nur Eigengewächse, wenn auch der nächste Programmpunkt auf den Viersener Bühnen kein Unbekannter ist. Zu den immer wieder gerne gebuchten Künstlern zäht Klaus Rupprecht, wobei der Bauchredner selbstverständlich nicht allein war, sondern auch seinen Affen Willi im Gepäck hatte. Willi, ein Affe, der mehr Persönlichkeit hat als manch menschlicher Akteur, riss sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Mit spitzbübischem Blick, kecker Mimik und einem Wortwitz, der so schnell war wie die Karnevalssession selbst, begann der kleine Komiker, das Zelt in ein Meer aus Lachen zu tauchen.

Klaus, der „Seriöse“, führte das Programm mit sicherer Hand, doch das Publikum wusste längst: Hier ist Willi der Boss. Jeder Spruch, jede spontane Replik, jede freche Bemerkung des Affen brachte die Zuschauer zum Schmunzeln, Klatschen und lauten Johlen. Geschichten aus dem Alltag wurden zu humorvollen Mini-Dramen, aktuelle Themen zu köstlichen Pointen, improvisierte Einfälle des Publikums zu spontanen Dialogen, die sofort auf der Bühne lebten. Ob er über das winterliche Schneetreiben in Viersen sprach, die Karnevalsprinzessinnen neckte oder die Funken des Saals herausforderte – Willi war mit seiner frechen Schlagfertigkeit stets einen Schritt voraus.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dabei wirkte der Affe niemals plump oder übertrieben, sondern wie eine wahre „eierlegende Wollmilchsau“ für die Bühne: Er sang, plapperte, machte Grimassen, kommentierte die Szenen und interagierte mit dem Publikum auf eine Art, die jeden Auftritt einzigartig machte. Klaus Rupprecht, einer der gefragtesten Comedy-Acts Deutschlands, agierte wie der ruhige Gegenpol, der Willi den Raum gab, zu glänzen, und dennoch jederzeit die Kontrolle über Timing und Choreografie behielt. Dennoch, hier, auf dieser Bühne, regierte Willi, und jeder, der ihn erlebte, konnte sich diesem Charme nicht entziehen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit ihrem unverwechselbaren Sound füllte die Band „Mir sin Jeck“ im Anschluss das Festzelt mit Energie und guter Laune. Bereits die ersten Akkorde ließen die Gäste mitwippen und die Hände in die Luft schnellen. Frontsänger Rene führte die Menge sicher durch die Lieder, während Marcel mit seinen tiefen Tönen den Rhythmus prägte, Alex Keyboard und Quetsch gekonnt miteinander verschmolz, Lukas den Groove vorantrieb und Markus mit seiner raumfüllenden Stimme zusätzliche Kraft verlieh. „Mir sin Jeck“ verstand es, traditionelle kölsche Klänge mit modernen Elementen zu verbinden, sodass jeder Song zum Mitmachen einlud. Von den Schunkelrhythmen bis zu den flotten Karnevalsliedern steckte die Band das Publikum an und brachte die Narren jeden Alters zum Mitsingen und Tanzen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Auch prominente Comedy durfte nicht fehlen: Für eine Portion scharfsinnigen Humors sorgte Dave Davis, der zweifache Prix-Pantheon-Gewinner und Träger des Deutschen Comedypreises. Der gebürtige Kölner, bekannt für seine unbändige Spielfreude und seinen feinsinnigen Wortwitz, nahm die Vierscher Jecken mit auf eine kurzweilige Reise durch die Absurditäten des Alltags. Er verband pointierte Lieder mit witzigen Geschichten und spontanen Interaktionen – immer mit dem Ziel, die kleinen und großen Verrücktheiten des Lebens auf humorvolle Weise zu spiegeln.

Seine Performance ist dabei weit mehr als Stand-up-Comedy: Zwischen Pointen und Gesangseinlagen entstanden immer wieder improvisierte Momente, in denen Davis direkt auf das Publikum reagierte, einzelne Gäste einbezog und selbst unerwartete Situationen zu komödiantischem Gold verwandelte. Das Publikum lachte über alltägliche Missgeschicke, über gesellschaftliche Eigenheiten und über die unvermeidlichen kleinen Katastrophen, die das Leben bereithält.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Eigengewächse … da war doch noch was. Genau, die Wibbels, denn die dürfen bei einer Sitzung der Roahser Jonges auf keinen Fall fehlen. Seit ihrem fulminanten Debüt auf dem Jubiläumsfrühschoppen zum 75-jährigen Bestehen der KG Roahser Jonges im Jahr 2011 haben die „Roahser Wibbels“ einen festen Platz im Herzen des Viersener Karnevals eingenommen. Was einst als spontane Aktion einer kleinen Gruppe von Männern begann, hat sich über die Jahre zu einer Institution entwickelt, die bei Galasitzungen, Festen und karnevalistischen Veranstaltungen weit über die Stadtgrenzen hinaus für Furore sorgt. Die „Wibbels“ sind dabei weit mehr als nur eine Tanzgruppe: Sie sind Botschafter des Frohsinns, vereinen Humor, Präzision und kreatives Showtalent und versprühen mit jedem Auftritt pure Lebensfreude.

Die Vorbereitungen für die neue Session beginnen traditionell kurz nach Ostern, wenn die Trainerinnen Eva Maria Telgen und Julia Blasius gemeinsam mit der Truppe das Thema der Session festlegen. Daraufhin werden passende Lieder ausgewählt, Choreografien ausgearbeitet und Showelemente geplant, die das Publikum überraschen und begeistern sollen. In dieser Session 2025/26 zeigte sich erneut, wie viel Herzblut hinter der Arbeit steckt: Eva Maria Telgen meisterte eine besondere Doppelbelastung, animierte die Tänzer bis kurz vor der Geburt ihres Kindes zu Höchstleistungen und sorgte dafür, dass die Jungs auf der Bühne mit Energie glänzten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit Tanz sollte es dann auch weitergehen und so langsam, aber sicher, rückte das Ende eines wunderbaren Tages näher. Die Palm Beach Girls aus Palmersheim gehören zu den dynamischsten Formationen im karnevalistischen Tanzsport und begeistern ihr Publikum mit einer Mischung aus Garde- und Showtanz, spektakulären Hebefiguren und akrobatischen Stunts. Jahr für Jahr präsentieren sie neue, ausgefeilte Choreografien, die sowohl technische Präzision als auch kreative Einfälle zeigen und das Publikum immer wieder in Staunen versetzen. Ihre Auftritte sind nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern auch künstlerische Inszenierungen, bei denen jede Bewegung, jede Pose und jeder Sprung eine Geschichte erzählt.

Das Trainingsjahr 2025 war besonders intensiv: Mit unermüdlichem Einsatz, Schweiß und Disziplin bereiteten sich die Tänzerinnen auf die Session vor, probten neue Hebefiguren, einstudierten synchronisierte Formationen und perfektionierten Showelemente, die das Publikum mitreißen sollten. Jede Stunde auf der Trainingsfläche trug dazu bei, dass die Auftritte der Palm Beach Girls sowohl kraftvoll als auch elegant wirken. Wer nicht dabei war, kann kaum fühlen wie mitreißend die Damen sein können, die in dieser Session Musik in den Mittelpunkt stellen und Instrumente wahrhaftig zum Leben erwecken.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Stimmung war sowieso längst auf ihrem Höhepunkt, als dann die Band Kempes Feinest aus Grevenbroich das berühmte i-Tüpfelchen setzte. Bunt, energiegeladen und mitreißend füllten die fünf Musiker das Festzelt mit einem unverwechselbaren Mix aus Lebensfreude, Rhythmus und kölscher Herzenswärme. Frontfrau Nici Kempermann, Tochter des ehemaligen Rabaue-Frontmanns Peter „Kempes“ Kempermann, führte die Truppe stimmlich souverän an, während Victor GonzIez am Schlagzeug treibende Beats setzte, Vincent Themba den Bass zum Vibrieren brachte, Tomek Gwosdz das Keyboard virtuos einsetzte und Jannik Steudter die Gitarre mit rockiger Präzision zum Glühen brachte.

Kempes Feinest sind bekannt dafür, die Liebe zur kölschen Sprache mit einem frechen Mix aus Pop, Rock, Ska und Latin zu verbinden. Ihre Songs wechseln spielerisch zwischen tanzbaren Nummern, bei denen die Füße unweigerlich im Takt mitwippen, und gefühlvollen Balladen, die zum Schunkeln und Mitsingen einladen. Kein Ton, kein Takt blieb ungenutzt, um das Publikum in den Bann zu ziehen – und wer dachte, er könne still sitzen bleiben, wurde schnell eines Besseren belehrt.

Das Jahr 2025 war für die Band besonders erfolgreich: Mit ihrem Song „Wenn et Leech usjeiht“ gewannen sie den renommierten Kneipenwettbewerb Loss mer singe – ein Meilenstein, denn zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs triumphierte eine Band mit einer Frau an der Spitze. Dieses Kunststück spiegelte sich auch in der Performance in Viersen wider.

Die „Hinger d’r Tuun“-Sitzung der KG Roahser Jonges 1936 e.V. bewies eindrucksvoll, dass Karneval weit mehr ist als eine Feier – es ist ein Lebensgefühl, ein gemeinsames Spiel aus Musik, Tanz, Humor und Tradition. Zwischen den Reihen und hinter dem Fädenvorhang entstand ein buntes Miteinander, das die Herzen der Besucher höher schlagen ließ. Der Zaun, der trennt, wurde zum Bindeglied, das Männer und Frauen gleichermaßen in das närrische Geschehen einband und spätestens, als DJ Detlef Belk „In unserem Veedel“ anstimmte, da lagen sich sowieso alle wieder in den Armen. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming