Als der erste Schnee jenes Winters fiel, war ich schon früh am Morgen wach. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand die Welt über Nacht verwandelt – still, weich, ein bisschen magisch.
Von Magdalene Walther – Fotos: Privat/Olaf Josten/Kreisarchiv
Literarisches – In jenen Jahren nach dem Krieg, als vieles noch kaputt war und in den Herzen der Menschen eine Mischung aus Hoffnung und Müdigkeit lag, war der erste Schnee wie ein Versprechen: Es würde wieder schön werden. Irgendwann. Irgendwie.
Papa stand schon in der Küche, als ich verschlafen hineinstolperte. Der Duft von Malzkaffee erfüllte den Raum, und seine Augen funkelten hinter einer dünnen Rauchwolke, denn er hatte sich wieder eine seiner seltenen Zigaretten gegönnt – ein Zeichen, dass er gute Laune hatte.
„Na, Magdalene“, sagte er und stieß den Aschebecher ein Stück zur Seite, „gehen wir?“

Ich nickte nur, denn Worte brauchte es nicht. Zwischen uns bestand ein stilles Einvernehmen: Wenn der erste Schnee gefallen war, dann führte unser Weg zum Hohen Busch. Und von dort aus zur Katzenschlucht. Der alte Holzschlitten lehnte schon an der Tür. Die Kufen waren verkratzt, an einer Stelle gesplittert, aber Papa hatte ihn am Vorabend noch sorgfältig eingeölt. Ich liebte diesen Schlitten, so wie Kinder Dinge lieben, die ihnen Halt geben in unsicheren Zeiten. Es war derselbe Schlitten, mit dem Papa als Junge gefahren war, bevor der Krieg alles verändert hatte.
Draußen knirschte der Schnee unter unseren Schritten, so laut, dass es fast heilig wirkte. Die Stadt Viersen lag noch im Halbschlaf; nur vereinzelt klapperten Fensterläden, irgendwo bellte ein Hund. Die Spuren der vergangenen Jahre sah man überall – zerbombte Mauern, notdürftig geflickte Dächer – und doch leuchteten die Schneeflocken darauf wie kleine Sterne, die sagten: Du schaffst das. Wir alle schaffen das.
Als wir den Hohen Busch erreichten, begann mein Herz schneller zu schlagen. Der Wald empfing uns mit jener besonderen Stille, die nur im Winter möglich ist, wenn selbst die Vögel zu lauschen scheinen. Papa stapfte voran, den Schlitten hinter sich herziehend, und ich lief neben ihm, manchmal voraus, manchmal zurück, immer voller Ungeduld.

Und dann standen wir am Rand der Katzenschlucht.
Ich wusste damals nicht, warum der Hang so hieß – Papa erzählte immer die tollsten Geschichten von Wildkatzen und Fantasiewesen … und ich glaubte sie gerne. In meiner kindlichen Fantasie saßen sie noch immer in den dunklen Ecken, beobachteten mich mit gelben Augen und passten auf, dass ich nicht zu schnell wurde.
Papa setzte den Schlitten in den Schnee, klopfte zweimal darauf und sah mich an. „Bereit?“
Ich setzte mich vorne hin, spürte seine warmen Hände an meinen Schultern. Einen Moment lang schloss ich die Augen und lauschte. Der Wind, das ferne Knacken eines Astes, Papas ruhiger Atem. Dann stieß er uns ab. Wir rasten den Hang hinunter, schneller, immer schneller, der eisige Wind biss mir ins Gesicht, aber ich lachte. Ich lachte, obwohl die Welt noch voller Narben war. Ich lachte, weil ich lebte. Weil wir beide lebten. Weil es Weihnachten war, und weil Schnee den Schmerz für einen Augenblick zudeckte.
Als wir unten ankamen, fiel Papa rücklings in den Schnee und fing an zu lachen—ein echtes, lautes, warmes Lachen, wie ich es von ihm nur selten hörte. Ich warf mich neben ihn, und zusammen starrten wir in den grauen Winterhimmel, bis die Flocken uns auf den Wimpern schmolzen.
„Weißt du, Magdalene“, sagte er nach einer Weile leise, „manchmal braucht es nicht viel, um glücklich zu sein. Nur einen Hang, einen Schlitten … und dich.“
Ich schmiegte mich an ihn, und obwohl der Schnee kalt war, wurde mir warm.
So wurde jener Tag, jener erste Schnee nach dem Krieg, zu einem meiner kostbarsten Weihnachtsgeschenke – einem Geschenk, das ich bis heute in meinem Herzen trage. (mv)





