Literarisches: Ein Sommer im Haus Kaiserbad

Es gibt Orte, die verschwinden nicht, selbst wenn sie längst nicht mehr da sind. Für mich war das Haus Kaiserbad solch ein Ort – eingewoben in das Gewebe meiner Kindheit wie der Duft von Chlor in nassem Haar und das Knirschen von Kies unter den nackten Füßen. Ich kann es noch riechen, hören, fast schmecken.
Von Magdalene Walther

Literarisches – Es war der Sommer 1938.
Die Welt war in Unruhe, doch bei uns in Viersen lag eine eigentümliche Stille in der Luft – eine dieser Sommerstillen, die nach warmem Staub und Erwartung riechen. Die Erwachsenen sprachen leiser, aber für uns Kinder war es ein unbeschwerter Sommer. Die Sonne stand hoch über der Dülkener Straße, und das Haus Kaiserbad war unser verheißungsvoller Zufluchtsort – kühl, nach Chlor duftend, voller Echo und Lachen.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als Mutter mein Handtuch in den alten Kartoffelkorb legte, mir ein paar Groschen in die Hand drückte und sagte: „Geh, Mädchen. Und komm mit Sonnenbrand zurück.“ Das war ihr ganzes Vertrauen – und ein bisschen Sehnsucht gleich mit. Auch sie hatte hier gebadet, lange bevor der Krieg alles verschluckt hatte. Es war viel Geld. 50 Pfennig .. so viel wie eine Kinokarte. Aber ich wollte nicht ins Kino, ich wollte ins Wasser.

Foto: Kreisarchiv Viersen

Das Freibad war ein Geschenk, das Kommerzienrat Josef Kaiser der Stadt gemacht hatte, vor meiner Zeit, im Jahr 1935. Ich kannte seinen Namen von den Kaffeepäckchen bei uns im Küchenschrank – „Kaisers Kaffee“ stand darauf in schwungvoller Schrift. Doch was er mit dem Kaiserbad hinterlassen hatte, war mehr als nur ein Bauwerk. Es war ein Stück Lebensfreude, ein Ort, an dem das Herz der Stadt wieder schlug. Für mich war er ein stiller Held, einer, der an Freude geglaubt hatte, noch bevor das Land überhaupt wieder aufatmen konnte.

Schon der Weg dorthin war ein Abenteuer. Mein Fahrrad hatte einen durchlöcherten Ledersattel, aber es brachte mich verlässlich zur Fahrradwache. Einige Pfennig zahlte ich dort – ein kleines Vermögen – aber immerhin war der Drahtesel dann in guten Händen. Ich stellte mich in die Schlange am Eingang, barfuß, mit Grashalmen zwischen den Zehen. „Eine Eintrittskarte?“, fragte die Dame hinter dem Schalter streng. Ich legte die Münzen hin wie einen Schatz.

Und dann, durch das Drehkreuz, war ich drinnen. Im Paradies.

Das Becken glitzerte im Sonnenlicht, groß wie ein See. 30 auf 50 Meter. Das Wasser war eiskalt – kaum mehr als 20 Grad – gespeist vom überschüssigen Wasser des Werks. Aber das störte niemanden. Wir sprangen, wir jauchzten, wir froren mit blauen Lippen – und waren doch nie glücklicher. Herr Christ, der Bademeister, stand mit verschränkten Armen auf seinem Podest. Sein Blick war scharf, aber seine Augen freundlich. Wer bei ihm schwimmen lernte, vergaß das nie. Er hatte sogar einen eigenen Schwimmschein für uns Kinder erfunden, den ich stolz mit nach Hause nahm, eingerollt in Zeitungspapier.

Nachmittags duftete es vom Kiosk her nach Brausepulver, Lakritz und den Bonbons, die einzeln wenige Pfennig kosteten. Die Gaststätte war für die Großen – mit weiß gedeckten Tischen auf der Terrasse, mit echtem Porzellan und Kellner Oskar, der seine Gäste musterte, als wäre jeder ein Staatsbesuch. Wir Kinder setzten uns lieber in den Schatten der alten Bäume, teilten unsere Stullen mit Margarine und Apfelmus, erzählten uns Geschichten vom Krieg, als wäre es ein ferner Traum.

Um sechs kam der Ruf, der uns jedes Mal ins Mark traf: „Kinder und Jugendliche – das Bad bitte verlassen!“ Die Erwachsenen wollten nun ihre Ruhe, und das akzeptierten wir. Aber ich blieb oft noch – nicht zum Baden, sondern zum Aufräumen. Mit anderen sammelte ich Papier und Apfelschalen von der Liegewiese. Dafür gab es am nächsten Tag freien Eintritt. Für ein Mädchen wie mich war das mehr als Bezahlung. Es war Teilhabe. Es war Stolz.

Einmal, in jenem Sommer, verliebte ich mich. Ich kannte nicht mal seinen Namen. Er trug eine rote Badehose und konnte rückwärts ins Wasser springen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Ich saß auf der Kante, sah zu – und war verloren. Aber ich sprach ihn nie an. Das gehörte zur Magie des Kaiserbads: Manche Dinge blieben Träume, festgehalten nur im Chlorgeruch des Sommers.

Heute ist das Bad verschwunden. 1988 hat man es geschlossen. Statt planschender Kinder hört man nun das Klirren von Tellern im chinesischen Restaurant, das in den Mauern des alten Hauses untergekommen ist. Manchmal fahre ich noch vorbei. Bleibe kurz stehen. Und sehe alles wieder vor mir – das Glitzern des Wassers, den Ruf der Schwalben, das Lachen der Kinder. Und mich selbst, barfuß, jung, mit einem Handtuch über der Schulter und der ganzen Welt im Herzen.

Manche Orte sterben nie. Sie leben weiter in der Erinnerung.
Und das Haus Kaiserbad war einer von ihnen. (mw)

Foto: Kreisarchiv Viersen