Literarisches: Pfingsten – Segensreiche Sprachverwirrung

Der geschichtsträchtige Turm, der die Stadt Babylon im „Zweistromland“ zwischen Euphrat und Tigris als Hauptstadt des babylonischen Reichs auswies, war dem Stadtgott Marduk geweiht. Nach seiner Zerstörung durch die Assyrer wurde er später wieder aufgebaut. Das Fundament war erhalten geblieben.
Von Peter Josef Dickers

Literarisches – Viele werten das Turmbau-Projekt als den verbotenen, menschlichen Versuch, Gott gleichzukommen. „Bis zum Himmel“ sollte der Turm reichen, berichtet die biblische Überlieferung. Die Strafe folgte angeblich auf dem Fuß – Gott beendete den „Wahn“. Er zerstörte nicht den Turm, sondern „verwirrte“ die Sprache derer, die den Turm errichtet hatten. Sie verstanden sich gegenseitig nicht mehr. Das Pfingstereignis machte Schluss mit der „babylonischen Sprachverwirrung“. Sie entpuppte sich als neue „Sprachfähigkeit“. Die Menschen „verstanden“ nicht nur „Ihresgleichen“, sondern jeden, den sie verstehen wollten.

Seit Menschen himmlische Mächte, Göttliches, über sich vermuten, versuchen sie, den Himmel zu stürmen. Tempel und Pyramiden der alten Kulturen an Euphrat, Tigris und Nil verdeutlichen das. Der tausendjährige Dom in Speyer, das Ulmer und das Straßburger Münster stehen dem nicht nach. Ebenso nicht der „Turm von Dubai“ und der „Taipei 101″ in Taiwan. Siebenhundert Meter hoch soll das „Lakhta Centre II“ in Sankt Petersburg werden.
Die Hochhäuser unserer Zeit setzen den Reigen fort. Es scheint ein unstillbares Verlangen nach dem „Hoch hinaus“ zu geben, gekrönt, wie Kritiker sagen, im Versuch einer Selbsterhöhung der Menschen. Sind wir „größenwahnsinnig“ geworden? Oder wandelt sich der „Fluch“ der Sprachverwirrung sogar in Segen dank des Pfingstgeistes, der den Herrschaftsansprüchen in Gesellschaft und Kirche Schranken setzt? Wie wäre es, wenn die „Sprachverwirrung“ nicht Strafe war, sondern Türen öffnete? Jeder konnte eine Sprache sprechen, die verstanden wurde. Die Vielfalt der Begabungen und Gaben fand ihre Würdigung.

Foto: Peter Josef Dickers

Dieser so verstandene Pfingstgeist könnte den Kirchen-Apparat, der sich hinter „Roma locuta causa finita“ verbarrikadiert, „sprachlos“ machen und den unterschiedlichen Geistesgaben der Menschen Geltung verschaffen. Solange keine selbstüberschätzende Überheblichkeit daraus wird, würde das zum gelingenden Miteinander, zu einer Einheit in der Vielfalt, beitragen. Die heutige Globalisierung profitiert davon, sich „in vielen Sprachen“ verständigen zu können.

Martin Luther formuliert es so: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und ihnen aufs Maul sehen, wie sie reden.“ Luther ging es um die Bibel. Deren Botschaft sollte nicht nur von der Obrigkeit, von Gelehrten und Priestern verstanden werden, sondern von jedem. Jeder sollte sich in angemessener Weise Gehör verschaffen und hoffen dürfen, verstanden zu werden. Das könnten wir von Luther lernen. (opm)


Foto: Winkler

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.