Olaf Kuhlen ist neuer Bezirkskönig in Dülken-Boisheim

Auf dem Eligiusplatz, wo sich die Bruderschaften aus Dülken und Boisheim gestern Nachmittag zunächst sammelten, lag jene Mischung aus festlicher Erwartung und stillem Ernst in der Luft, die nur solchen Tagen eigen ist, an denen Rang, Ritual und Geschichte ineinandergreifen.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Leo Dillikrath

Viersen-Dülken/Boisheim – Fahnen, Orden, Uniformen und die Stimmen der Teilnehmenden gaben dem Zug der Bruderschaften durch Dülken am gestrigen Samstagnachmittag eine feierliche Note, bevor sich der Tross auf den Weg zur Melcherstiege machte und der Bezirksvogelschuss des Bezirksverbandes Dülken-Boisheim seinen eigentlichen Rahmen fand.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dort, an der bestens vorbereiteten Schießanlage, verdichtete sich die Aufmerksamkeit von Minute zu Minute. Unter der Schießaufsicht von Jochen Dorsch, auf der hervorragend gewarteten Anlage von Klaus von Gansewinkel und unter den wachsamen Augen der Bezirksschießmeister Ommi und Pascal entwickelte sich ein spannender Wettkampf unter den angetretenen Königen. Es war dieser besondere Augenblick, in dem jeder Schuss nicht nur technisch saß oder knapp vorbeiging, sondern auch Hoffnungen steigen oder fallen ließ.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Doch bevor es so weit war, gehörten die Ehrenschüsse noch ganz bewusst denjenigen, die dem Nachmittag ihren würdigen Auftakt gaben: Jan van Kessel, Kaplan Stefan Knauf, die stellvertretende Bürgermeisterin Simone Gartz sowie der Boisheimer Ortsbürgermeister Rainer Thielmann setzten die ersten markanten Zeichen des Tages. Es waren Schüsse, die nicht auf Sieg zielten. Im Anschluss stand Jan van Kessel noch einmal im Mittelpunkt. Als bisheriger Bezirkskönig hatte er die Ehre mit ganzem Herzen getragen, umso mehr ehrten ihn Schützen und Besucher mit Beifall.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dann aber gehörte die Bühne dem Wettbewerb selbst. Schuss um Schuss verdichtete sich die Entscheidung, bis Olaf Kuhlen schließlich die Nerven behielt und mit dem 106. Schuss den Vogel von der Stange holte. Der Titel geht an den König der St. Udalricus Bruderschaft Oberhonschaft 1457 Dülken – Busch e. V., und damit an einen Mann, dessen Name von nun an eng mit einem jener Tage verbunden ist, an denen Tradition ganz unmittelbar sichtbar wird.

„Das ist ein unbeschreiblicher Moment, weil hier alles zusammenkommt: die Gemeinschaft, die Geschichte und der sportliche Wettkampf. Ein solcher Tag zeigt, wie lebendig unser Brauchtum ist und wie viel Herzblut in dieser Gemeinschaft steckt“, hieß es aus dem Umfeld der Bruderschaft.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dass dieser Bezirksvogelschuss in Dülken-Boisheim weit mehr ist als ein Termin im Kalender, hängt nicht zuletzt mit der historischen Tiefe zusammen, aus der die St. Udalricus-Bruderschaft ihre Bedeutung schöpft. Der Name Ulrich beziehungsweise Udalricus steht in Dülken für eine lange, über Jahrhunderte gewachsene Tradition. Schon in frühen Quellen der Stadt spielt der zweite Pfarrpatron eine Rolle, und die Verbindung zwischen Bruderschaft, Kirche und örtlicher Geschichte hat sich über die Zeit nicht verloren. Gerade in der Oberhonschaft blieb die Verehrung des heiligen Ulrich stets lebendig und wurde immer wieder neu mit Leben gefüllt. Die Bruderschaft steht damit nicht nur für schießsportliches Können, sondern auch für ein kulturelles Erbe, das Identität stiftet und Generationen verbindet.

Der Gedanke des Schutzes, der Gemeinschaft und der Verantwortung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Bruderschaft. Was einst aus religiöser Verehrung, lokaler Organisation und dem Bedürfnis nach Zusammenhalt entstand, hat sich bis in die Gegenwart erhalten und sichtbar fortentwickelt. Gerade deshalb hat ein Vogelschuss hier einen besonderen Klang: Er erinnert an alte Ordnungen, an Schutz und Pflicht, an Feste und Aufzüge, an Zusammenkünfte in Zeiten des Friedens und an die Beständigkeit eines Brauchtums, das sich nie ganz aus dem Alltag der Menschen verabschiedet hat.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Bereits im 15. Jahrhundert, in einer Zeit politischer Spannungen und notwendiger Befestigungen, übernahmen die Schützenbruderschaften eine konkrete Schutzfunktion für ihre jeweiligen Honschaften. Die Obere Honschaft, aus der die St. Udalricus-Bruderschaft hervorging, spielte dabei eine besondere Rolle, da sie strategisch für die Verteidigung der Stadt mitverantwortlich war. Der heilige Ulrich, verehrt als Schutzpatron und Sinnbild für Standhaftigkeit, wurde bewusst gewählt und prägte das Selbstverständnis der Gemeinschaft über Generationen hinweg.

Alte Überlieferungen berichten davon, dass die Bruderschaft nicht nur militärische Aufgaben erfüllte, sondern auch tief im religiösen und sozialen Leben verankert war; etwa durch die Teilnahme an Beerdigungen, das Gebet für Verstorbene und die Pflege kirchlicher Feste. Privilegien für erfolgreiche Schützenkönige, wie Steuererleichterungen oder finanzielle Zuwendungen im 18. Jahrhundert, unterstreichen zusätzlich die gesellschaftliche Bedeutung der Bruderschaft. Bis heute spiegelt sich in ihr ein lebendiges Erbe wider, das weit über das Schützenwesen hinausreicht und die Identität der Region nachhaltig geprägt hat.

Die Redaktion gratuliert dem neuen Bezirkskönig von Herzen und wünscht auch bei den kommenden Wettbewerben „gut Schuss“. (cs)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath