Mit dem 223. Schuss fiel der Vogel und mit ihm die Entscheidung: Kerstin Wassenberg ist die neue Königin der St. Josefs- und St. Gereon-Schützenbruderschaft in Viersen. Bei sonnigem Wetter und vor zahlreichen Besucherinnen und Besuchern setzte sie sich am Samstag auf dem Schützenplatz an der Krefelder Straße gegen mehrere Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen – Über der Krefelder Straße stand helles Sonnenlicht, die Temperatur war freundlich, und zwischen kühlen Getränken, Gesprächen am Rand des Geschehens und dem konzentrierten Blick auf die Stange mischten sich Gegenwart und Vereinsgeschichte zu einem Bild, das in Viersen seit Generationen vertraut ist. Beim Vogelschuss der St. Josefs- und St. Gereon-Schützenbruderschaft 1883/1710 Viersen wurde nicht nur geschossen, gezielt und gejubelt; es wurde auch sichtbar, wie sehr ein Traditionsverein von seinen Geschichten lebt.

Den Anfang machte der Wettbewerb um die Würde des Jungschützenkönigs. Zwei Anwärter und zwei Anwärterinnen traten an, als wolle die junge Generation zunächst demonstrieren, dass in einer Bruderschaft mit langer Vergangenheit die Zukunft keineswegs an den Rand geschoben wird. Der Vogel hielt zunächst stand, als hätte er selbst ein Interesse daran, den Nachmittag noch ein wenig zu verlängern. Erst mit dem 69. Schuss gelang Leon Paffrath der entscheidende Treffer. Der Jubel war entsprechend groß, zumal mit Niklas Spielhofen auch gleich der neue Minister feststand. Beide gehören der Gruppe „Über-Flieger“ an und sind zudem im Viersener Bundes-Tambour-Corps aktiv.

Als das Schießen auf den Königsvogel begann, hatte sich die Stimmung längst verdichtet. Acht Anwärterinnen und Anwärter traten nun an, darunter drei Frauen, und der Wettbewerb entwickelte jene Spannung, die nur Veranstaltungen hervorbringen, bei denen jeder Schuss mehr ist als nur ein technischer Vorgang. Es ging um Geduld, um Nerven, um das Abwarten des richtigen Moments. Der Vogel zeigte sich zäh, als wolle er den Namen der künftigen Regentin erst nach reichlicher Prüfung preisgeben. Schließlich setzte sich Kerstin Wassenberg durch. Mit dem 223. Schuss brachte sie den hartnäckigen Vogel zu Fall. An ihrer Seite stehen Heike Schroeren und Alissa Paffrath als Ministerinnen. Der Moment der Entscheidung gehörte zu jenen, in denen Applaus und Erleichterung zugleich in die Runde gehen: Nicht nur, weil ein Wettkampf beendet ist, sondern weil mit ihm ein neues Kapitel beginnt.

Gefeiert wurde danach nicht im Ton eines großen Spektakels, sondern in jener unverstellten Vertrautheit, die Schützenfeste in vielen Orten am Leben hält. Die Besucherinnen und Besucher blieben zusammen, redeten, stießen an, verfolgten den Ablauf und nahmen die Königsproklamation als Anlass, den gelungenen Verlauf des Tages zu würdigen. Die Veranstaltung fügte sich dabei in eine Tradition ein, die in Viersen längst mehr ist als bloße Folklore. Wer den Namen der Bruderschaft ausspricht, spricht immer auch ein wenig mit über die Geschichte von zwei Vereinen, die über Jahrzehnte hinweg eigenständig waren und schließlich zusammenfanden.
Die St. Josefs-Bruderschaft wurde 1883 gegründet, in einer Zeit, in der der Begriff „Verein“ noch nach strenger Ordnung und lokaler Verlässlichkeit klang. Am 7. Mai jenes Jahres waren auf Einladung an die Männer und Junggesellen des Schulbezirks Krefelder Straße rund 90 bis 100 Personen im damaligen Lokal von Heinz Hinkes erschienen. Als Vorsitzender wurde der Lehrer Hubert Sauer vorgeschlagen und einstimmig gewählt. Die frühen Protokolle klingen heute beinahe lakonisch, und doch erzählen sie viel über den Ernst, mit dem die Gründer ans Werk gingen. Schon wenige Tage später stand fest, dass ein Königsstern mit Kette angeschafft werden sollte, feuervergoldet und von H. Hamm gefertigt, für 30 Mark. Am 20. Mai wollte man bei Matthias Deußen den Vogel schießen, und für Ende Mai waren Tanzlustbarkeiten in den Sälen der Witwe Strieker und von Hermann Löckertz geplant. Der Kassierer konnte am Ende des ersten Auftretens der jungen Schützengesellschaft sogar ein erstaunlich solides Ergebnis vermelden: Einnahmen von 663,77 Mark standen Ausgaben von 640,47 Mark gegenüber, übrig blieben 23 Mark und 30 Pfennig. Der Verein hatte sich nicht nur gegründet, sondern sich gleich auch finanziell behauptet.

Dass die Bruderschaft ihren heutigen Namen erst im Jahr 2000 erhielt, gehörte ebenfalls zur Geschichte dieses Tages im Hintergrund. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung am 27. September 2000 wurde beschlossen, die St. Josefs-Bruderschaft um den Namen St. Gereon zu erweitern. Anregung dazu kam vom damaligen Pfarrer der Pfarrkirche St. Josef, Alexander Schweikert. Die Bruderschaft übernahm damals auch die Insignien, Fahne, Königssilber und Historie, und beim Schützenfest 2001 wurde der neue Namenszug feierlich eingeführt. Dass es keine Mitglieder der St. Gereon-Schützenbruderschaft mehr gab, änderte nichts daran, dass der Name fortbestand.
Die St. Gereon-Seite der heutigen Bruderschaft trägt ihrerseits eine noch ältere Wurzel. Bereits 1710 gründeten die Junggesellen im Rintgen eine Schützengesellschaft. 1836 entstand daraus die St. Gereon Bruderschaft der Rintger Männer, die ihren Namen vom Kölner Stift St. Gereon erhielt. Bis dahin waren die Rintger Männer Mitglieder der St. Remigius-Bruderschaft. Im Oktober 1934 schlossen sich die Junggesellen Rintgen und die St. Gereon Bruderschaft Rintger Männer zusammen und nannten sich fortan St. Gereon Bruderschaft Viersen Rintgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein von den verbliebenen Männern neu aufgebaut; 1946 erhielt er den Namen St. Gereon Bruderschaft Rintger Männer und Junggesellen 1710. Das Königssilber mit der ältesten Plakette von 1711, insgesamt 18 Silberschilde, habe, so heißt es in der Vereinsgeschichte, seinen tadellosen Zustand bis heute bewahrt. Auch Ministersterne, Orden und Ketten seien erhalten geblieben.
Was auf den ersten Blick wie ein sonniger Nachmittag mit Zielscheibe und Biergartenatmosphäre wirkte, war daher zugleich ein Treffen von Vergangenheit und Gegenwart: eine junge Königin, ein neuer Jungschützenkönig, alte Namen, neue Gesichter, ein Verein mit verwobenen Linien aus 1883, 1710, 1836 und 2000, und ein Platz an der Krefelder Straße, der für einen Tag wieder zum Zentrum eines gewachsenen Brauchtums wurde. Nun können die Vorbereitungen für das Schützenfest 2027 Fahrt aufnehmen. (cs)





