Soetelsche Muure-Soat – Karneval pur auf drei Kilometern

Pünktlich um 10:11 Uhr platzte gestern in Soetele ein jeckes Gewitter: der Rosenmontagszug 2026 setzte sich in Bewegung, ein Spektakel aus Wagen, Fußgruppen und Trommelwirbeln, das die Stadt in eine einzige, singende Feierzone verwandelte.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming

Soetele – Der Schnee der Nacht war getaut, der Regen hatte kurz vor Beginn des Zuges aufgehört. Gut, die Sonne brauchte noch etwas Zeit um sich zu zeigen, aber die trugen die Karnevalisten ja sowieso alle im Herzen …

Unter dem Motto „65 Jahre jeck und heiter, Süchteln feiert bunt und munter weiter“ rollte der Lindwurm auf einer rund drei Kilometer langen Strecke von der Hindenburgstraße und durch die Innenstadt — trotz der großen Baustelle, die eigens für die Narren provisorisch geschlossen worden war. Rund 2.030 Zugteilnehmerinnen und -teilnehmer in 103 Einheiten sorgten für Stimmung, Wurfmaterial und gute Laune ohne Ende.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Schon beim Start war klar: das wird kein gemütlicher Spaziergang, das würde ein Trommelfeuer, ein Farbenorkan und eine Chorprobe der Sonderklasse. Die ersten Reihen schossen wie ein bunter Strom durch die Straßen. Aufwendige Kostüme blitzten in den ersten Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, und irgendwo stimmte eine Kapelle ein Lied an, das sofort von tausenden Kehlen übernommen wurde. Kamelle flogen wie Bonbonschauer, und Kinder ruderten mit ihren Plastiktüten durch die Luft wie Seefahrer auf Beutezug.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Das Süchtelner Dreigestirn zog unter tosendem Beifall: Prinz Nicolai I., Jungfrau Thomas „Thomina“ und Bauer Uwe wurden frenetisch empfangen. Im jecken Lindwurm ein weiterer, närrischer Regent: der erste Bacchus der Friedensstraße, Fabio Böhmer, der für Frohsinn sorgte. Das 57. Kinderprinzenpaar, Kinderprinz Jonas II. und Kinderprinzessin Hannah II., strahlte vom Wagen herunter … ne, watt woar dat schön. Immer wieder erklang das laute, ritualisierte „Soetelsche Muure-Soat!“, dreifach, kräftig — und die Menge schmetterte mit.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Stimmung war greifbar: ältere Paare schunkelten, Großeltern filmten, Jugendliche tanzten. „So etwas erlebt man nur einmal im Jahr — und dann richtig!“, rief eine Zuschauerin, Martina Klein, die mit einem Kostüm in Borussia-Vereinsfarben am Straßenrand stand. „Die Lust, das Leben zu feiern, das spürt man in jedem Schritt“, sagte Heinz Jansen und warf dem nächsten Wagen die Hände zum Applaus entgegen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Wagen reichten von großen Motivwagen bis zu zierlichen, humorvollen Einfällen der heimischen Vereine. Musikgruppen wechselten in Sekundenschnelle das Tempo: Polka, Pop, Samba, und dann wieder das unverkennbar rheinische Liedgut. Fußgruppen tanzten mit Choreographien, bei denen man glaubte, sie hätten monatelang geprobt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Organisation des Zuges war ein logistisches Meisterstück: Monate der Vorbereitung zeigten Wirkung. Ordner leiteten die Zuschauerströme — und die Großbaustelle in der Innenstadt, die im Alltag für Verkehrsstau sorgte, wurde provisorisch zur Tribüne für die Narrenschar. „Das war eine Herausforderung — aber wir haben es geschafft, den Zug flüssig und sicher durch die Stadt zu bringen“, unterstrich ein Ordner der Zugleitung des Festausschusses Süchtelner Karneval.

Das fulminante Finale fand traditionell im Bereich der feiernden Friedensstraße statt — dort, wo auch der Bacchus seine Station hatte. Nach dem offiziellen Ende aber war für viele Karnevalisten noch lange nicht Schluss. Wer nicht in Süchteln zur After-Zoch-Party ging, der folgte dem Ruf nach Dölke zum zweiten närrischen Lindwurm des Rosenmontags. „Das ist Süchteln — und heute ist Süchteln laut“, meinte der 34-jährige Lars Becker, der mit Freunden den Zug mitgegangen war. „Ich hab Gänsehaut, und zwar die gute Sorte.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Süchtelns Rosenmontagszug ist aber mehr als nur ein Tag voller Kostüme; er ist das Ergebnis einer lebendigen, lokalen Geschichte, die bis in die späten 1950er Jahre zurückreicht. Es lohnt sich daher ein Blick auf die Geschichte des Festausschusses Süchtelner Karneval, der in dieser Session sein 65-jähriges Jubiläum feierte. Die Feierlaune nahm nämlich ihren Anfang an einem Stammtisch in der alten Gaststätte Schenk — damals, als Nachbarn aus Hindenburgstraße und Heidweg im Jahr 1958 eine verrückte Idee schmiedeten: die Innenstadt sollte endlich närrisch erobert werden. Vorerst rollten zwar noch keine Wagen — dafür aber Bälle und, kurios genug, ein „närrisches Fußballspiel“ zwischen Teutonia Schienbein und Union Meniskus, bei dem der „unbestechliche“ Schiedsrichter kurzerhand 50 Spieler aufs Feld schickte. Am Ende stand ein standesgemäßes 11:11 — und eine neue, ungeahnte Dynamik war geboren.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

1960 ging es dann richtig los: Mit Pauken, Trompeten und viel Fantasie zogen die Jecken durch die Innenstadt; am 26. September desselben Jahres gründeten engagierte Bürger den „Festausschuss des Süchtelner Rosenmontagszuges“. 1961 rollte der erste offizielle Zug des Festausschusses, gekrönt vom Stadtprinzen Heinrich I. (Körfer) der KG Hagenbroich-Windberg. Drei Jahre später folgte das erste Stadtprinzenpaar Paul I. und Luise I. (Degroot) — ein Brauch, der bis heute mit Liebe gepflegt wird. 1966 schließlich wurde der Verein als „Festausschuss Süchtelner Karneval 1960 e.V.“ offiziell eingetragen und legte damit den Grundstein für eine lebendige Tradition.

Über die Jahrzehnte kamen neue Formate hinzu: Seit 1978 lockt die „Messe der Freude“ Musik, Glaube und Gemeinschaft zusammen; 1981 wurde erstmals der „Goldene Weber von Alt-Süchteln“ verliehen — die erste Ehrung ging an Peter Bröckskes. Moderne Bräuche wie das Möhrenschälen für den guten Zweck starteten 2001 in der Königsburg: Prinzenpaar Hubert I. und Veronika I. (Oistrez) zeigte beim Schälwettbewerb, dass Zepter und Schälmesser problemlos zusammengehen … die Aktion entwickelt sich seitdem zu einer spendablen Tradition.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

An diesem Rosenmontag verschmolzen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar: alte Traditionen, neue Ideen, viele Generationen, die gemeinsam feierten. Die Stadt, die einst mit einem 11:11-Unentschieden ins Narrentreiben stolperte, präsentierte sich nun als Ort, der Karneval nicht nur veranstaltet, sondern lebt — laut, bunt, herzlich. Zwischen Kamelleketten und Konfetti hingen die Stimmen der Besucher wie bunte Fähnchen in der Luft: „Einfach großartig“, flüsterte eine Großmutter, die ihre Enkel an den Händen hielt. „Das ist unser Süchteln“, rief ein Mann mittleren Alters, und irgendwo schallte als Antwort ein dreifaches „Soetelsche Muure-Soat!“ (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming