Rote Uniformen und ein Meer aus jubelnden Jecken – das Dülkener Bürgerhaus durfte an diesem Wochende direkt zwei Mal seine Tore für „blaues, närrisches Blut“ öffnen. Wo schon am Tag zuvor das jecke Zepter hoch gen Himmel gestreckt wurde, brodelte auch am gestrigen Samstag der Hexenkessel des Frohsinns.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Dölke/Bossem – Nach der erfolgreichen Kinderproklamation am Wochenende zuvor, bei der erstmals in der Geschichte der Ki Ka Kai a 1902 e.V. Boisheim ein eigenes Kinder-Dreigestirn den Thron bestieg, setzte der Verein nun eine weitere Krone auf die Session: Mit der feierlichen Inthronisierung von Prinz Franz-Herbert I. und Prinzessin Elke I. steht Boisheim offiziell unter närrischer Regentschaft. Am Mikrofon, wie könnte es anderes sein, Mr. Präsident persönlich, Marko Dillikrath, gemeinsam mit Jonas Günther. Beide nicht nur text-, sondern auch lachsalvensicher auf der Bühne, das beste Fundament also für ein buntes Programm an einem solch wunderbaren Abend.

Schon beim Einzug des Prinzenpaares war die Stimmung elektrisierend. Der Einzug – ein farbenfrohes Spektakel aus Musik, Jubelrufen und Freude – ließ keinen Zweifel: Diese beiden haben Herz, Humor und Haltung. Unter Beifall bahnten sich die beiden ihren Weg durch die Reihen, genossen ihren Einzug. „Jetzt ist Boisheim komplett! Nach dem Kinder-Dreigestirn regieren nun zwei, die den Karneval im Blut tragen“, rief ein Herr in der zweiten Reihe. Im Saal herrschte jene typische rheinische Mischung aus Vorfreude, Rührung und überschäumender Feierlust. Und die ließ nicht nach, als die neuen Regenten die Insignien der Macht überreicht bekamen: Zepte und ein Lächeln, das heller strahlte als jede Discokugel.

Prinz Franz-Herbert I. wurde am 23. April 1956 in Viersen geboren und wuchs zwischen rheinischer Lebensfreude und karnevalistischer Tradition auf. Schon früh war ihm klar, dass Karneval mehr als ein Hobby ist – es ist ein Lebensgefühl. Die bunten Umzüge, die fröhliche Musik und die ausgelassene Stimmung prägten seine Kindheit und Jugend, sodass die Leidenschaft für das närrische Treiben bald zur Lebensaufgabe wurde. Beruflich war Franz-Herbert als gelernter Schauwerbegestalter tätig, eine Profession, die sich im Karneval ideal mit seiner Kreativität verbinden ließ. Bei der KG „Hamm wer net“ begann er, eindrucksvolle Kulissen für Gala-Sitzungen zu malen und entwickelte schnell ein feines Gespür für die Gestaltung von Prunkwagen.

Einer seiner Höhepunkte war der Prunkwagen aus Gold- und Silberfolie, der zwei Jahre im Tulpensonntagszug mitfuhr und liebevoll weiter ausgebaut wurde. Diese Hingabe wurde belohnt: 1996 erhielt er die Auszeichnung als schönster Wagen des Umzugs. Fast 25 Jahre lang war Franz-Herbert auch bei der KG „Helenabrunn“ aktiv, wo er Bühnenbilder entwarf und eigene Orden kreierte. Darüber hinaus unterstützte er andere Vereine, gestaltete Kinderwagen für die „Große Viersener“ und übernahm die Beschriftung des Frühschoppens in der Viersener Festhalle. Doch der Karneval war für Franz-Herbert nicht nur Bühne, Farbe und Glanz. Er ist tief verwurzelt in der Gemeinschaft, vernetzt und zuverlässig, Eigenschaften, die ihm bei der Ki Ka Kai a den Weg ebneten. Ein beruflicher Termin reichte, und schon war nicht nur der Auftrag für eine Arbeit unterzeichnet, sondern auch der Mitgliedsantrag. Seither sind Franz-Herbert und seine Frau Elke unverzichtbare Bestandteile des Vereins: kreativ, tatkräftig und mit Herzblut bei der Sache.
Neben der fünften Jahreszeit schlägt Franz-Herberts Herz auch für die Natur. Bereits in dritter Generation engagiert er sich bei den NaturFreunden. Seit 67 Jahren Mitglied, übernahm er Verantwortung als Vorsitzender, leitete Kinder- und Jugendgruppen, organisierte Ferienspiele und brachte jungen Menschen die Schönheit der Natur näher. Für sein langjähriges Engagement erhielt er die Stadtplakette in Bronze. Aktuell arbeitet er an einer Ausstellung, deren Erlöse der Ki Ka Kai a zugutekommen – ein Herzensprojekt, das seine beiden großen Leidenschaften vereint: Kunst und Karneval.

Elke I. wurde am 4. März 1960 in Dülken geboren und trägt den Karnevalsvirus praktisch im Blut. Schon ihr Vater zog im Dülkener Rosenmontagszug mit, sodass sie früh mit dem närrischen Treiben in Berührung kam. Bis heute ist der Dülkener Rosenmontagszug ein fester Termin in ihrem Kalender – eine Tradition, die sie ebenso festhält wie ihre Liebe zum karnevalistischen Miteinander. Beruflich ist Elke seit über 40 Jahren bei der Stadt Viersen tätig, davon 14 Jahre als Schulsekretärin an der Johannes-Kepler-Realschule in Süchteln. Doch die Arbeit hielt sie nie vom Karneval ab. Seit einigen Jahren ist sie stolze „Dölker Möhne“.
Die Wege von Franz-Herbert und Elke kreuzten sich bei den NaturFreunden Viersen – und was als gemeinsame Leidenschaft für Natur und Engagement begann, entwickelte sich schnell zu einer großen Liebe. Am 8. August 2008, einem Datum wie geschaffen für ein närrisches Paar, gaben sie sich das Jawort. Heute leben sie in ihrem Haus im Viersener Rahser und genießen nicht nur die gemeinsame Zeit, sondern vor allem die närrische Saison, die sie mit Leidenschaft und Herzblut leben. Mit Kreativität, Erfahrung und Humor sind Franz-Herbert I. und Elke I. ein Paradebeispiel für gelebten Karneval. Als Prinzenpaar der Session 2025/2026 möchten sie das närrische Brauchtum mit allen teilen – von den Kindern in den Tanzgarden bis zu den treuen Mitgliedern der Garde. „Wir wollen ein Prinzenpaar zum Anfassen sein“, betonten Franz-Herbert I. und Elke I. gemeinsam. „Unsere Session soll bunt, offen und fröhlich sein – mit allen Generationen, von den Kleinsten im Kinder-Dreigestirn bis zu den ältesten Jecken im Saal.“

Auch beim Sessionsorden spiegelt sich die Persönlichkeit des Paares wider. Entworfen von Franz-Herbert selbst, steht er ganz unter dem Motto „Natur pur“. Das Prinzenpaar ist umgeben von Bäumen, Wanderschuhen und Rucksack – ein liebevoller Hinweis auf die Verbundenheit mit der Natur und den NaturFreunden NRW. Bunte Blüten runden das Kunstwerk ab, das sowohl die Kreativität als auch die Herzlichkeit von Elke und Franz-Herbert widerspiegelt. Dieses Schmuckstück wird in der Session 2025/2026 mit Stolz getragen und erinnert an die Liebe zum Detail, die das Paar auszeichnet.
Die Proklamation wurde zudem von einem hochkarätigen Programm eingerahmt, das keine Wünsche offenließ. Die „Minnies“ und die „Kids“ der Tanzgarde eröffneten mit fröhlichen Sprüngen das sich anschließende Programm zu Ehren des neuen Prinzenpaares. Und dann erklang wieder Musik – live und mit voller Kraft von den Kaafsäck! Von „Uff-ta-ta“ bis „Tschingderassabum“ hatten sie alles im Gepäck, was die Herzen der Narren höherschlagen lässt. Ihr Repertoire reicht von klassischen Karnevalshits über Schlager, Rock und Pop bis hin zu modernen Blasmusikstücken – und dabei werden aktuelle Radiohits ebenso wenig vergessen wie zeitlose Evergreens, die sofort zum Mitsingen animieren. Die Kaafsäck zeigten eindrucksvoll, dass kein Auftritt zu groß und keine Bühne zu klein ist.

Schon seit ihrer Gründung am 5. März 1959 haben sich die Kaafsäck – damals noch als „Fanfarencorps der KG Narrengarde“ – einen Namen gemacht. Was als kleine Gruppe musikbegeisterter junger Männer aus Dürwiß begann, ist heute ein international bekanntes Trompetenkorps, das durch Fernsehauftritte, CD-Produktionen und unzählige Auftritte im In- und Ausland die Karnevalstradition weit über die Region hinaus trägt. Mit rhythmischer Präzision, stimmgewaltigen Sängerinnen und Sängern sowie einer fulminanten Bläsertruppe sorgten sie dafür, dass die Proklamation zu einem echten Fest für Augen und Ohren wurde.
Natürlich durfte ebenfalls die vereinseigene Tanzgarde der Teens mitsamt königlicher Begleitung des Dreigestirns nicht fehlen. Ja, bei der Boisheimer Ki Ka Kai a wird Nachwuchsarbeit mit ganz viel Herz groß geschrieben. Und eins ist sicher, an jeckem Nachwuchs mit närrischer Leidenschaft fehlte es an diesem Abend nicht. Wie wunderbar zu sehen, dass unser Brauchtum auch die nächste Generation bereits voll im Griff hat.

Danach wurde viel gelacht – dank „der süßen Helga“, der schlagfertigen Berliner Comedyfigur von Entertainer Martin März. Mit einer Mischung aus Humor, Herzblut und unbändiger Energie begrüßt er das Publikum unter dem Motto „Lachen hält gesund“. Mit frecher Berliner Schnauze erzählte er aus seinem turbulenten Eheleben: Vom Junggesellen zum glücklich Verheirateten – von „vorher ledig“ zu „jetzt erledigt“. Und dabei ließ er keinen Zweifel daran, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist und der Humor genau dort beginnt, wo der Spaß aufhört.

Martin März, geboren 1992 als Martin Tschirnich in Rathenow, Brandenburg, hat sich als deutscher Schlagersänger, Entertainer und Comedian einen Namen gemacht. Schon seit 2009 sammelt er Bühnenerfahrung und begeisterte das Publikum in Stadt- und Dorffesten, bei privaten Feiern und TV-Auftritten. In den Rollen der süßen Helga und der dicken Uschi zeigt er seit Jahren sein komödiantisches Talent, lässt das Publikum Tränen lachen und verbindet auf unvergleichliche Weise Musik, Parodie und Bühnenshow.

Aber da fehlte doch noch ein Gewächs der „Roten Welle“ … genau, die Damen hätten wir sehr vermisst, doch auch hier sollten die Jecken im Saal nicht enttäuscht werden, als der energiegeladene Auftritt der „Arthrose Gruppe“ von einem Klatschmarsch und übrigens auch den Herren der Räd Men-Group begleitet wurde.

… und schließlich folgte der Auftritt der Boisheimer Band „Komisch“, die mit ihren skurrilen Texten und kreativen Songs das Publikum auf eine „musikalische Achterbahnfahrt“ mitnahm. Wer Normalität erwartete, wurde schnell eines Besseren belehrt: Mit epischen Songs über die heldenhafte Suche nach dem letzten Blatt Klopapier, fröhlichen Hymnen über die Freiheit des queeren Lebens und sogar einem musikalischen Krauler im Abwasserkanal bewiesen KOMISCH, dass Musik auch mal anders sein kann.

Das Publikum wurde regelrecht mitgerissen und als dann zum großen Finale die kölsche Coverband „Mir sin Jeck!“ die Bühne eroberte, schwappte die Stimmung nahtlos ineinander über mit bekannten Klassikern und eigenen Hits wie „Mer Fiere“ und „Mädche & Kälche“. Sänger René Böken brachte den Saal endgültig zum Beben, als er das Publikum zum Mitsingen aufforderte. Kein Wunder, das die Musik noch lange ihm Ohr bliebt und den Heimweg begleitete nach einem so wunderbaren Abend. (nb)





