Als am gestrigen Abend die ersten Töne im geschmückten, ausverkauften Festzelt im Gewerbepark Feldmühle erklangen, lag sofort dieser besondere Funke in der Luft: Das Viersener Tambour Corps 1925 e.V. eröffnete mit seiner „Blau-Weißen Nacht“ die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen – und verwandelte die Bühne in ein klingendes Bekenntnis zur Tradition und Lebensfreude.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Mitreißend und voller Energie sorgte die Band Farbton für die musikalische Begleitung des Abends. Ob rockige Klassiker, gefühlvolle Balladen oder tanzbare Partyhits – die Musiker verstanden es meisterhaft, Jung und Alt gemeinsam auf die Tanzfläche zu locken. Zwischen Polka, Schunkeln und ausgelassenem Mitsingen ließ sich erleben, dass 100 Jahre Vereinsgeschichte nicht von gestern, sondern quicklebendig sind.

Doch während die Nacht pulsierte, erinnerte vieles an die bescheidenen Anfänge. 1925, in einer Gaststätte an der Lindenstraße, wagten mutige junge Männer um Gründer Viktor Hilgers den Schritt in die Eigenständigkeit. Sie wollten nicht länger Kompromisse eingehen, sondern ihre Leidenschaft für die Musik in einem eigenen Verein pflegen. Schon damals stand Zusammenhalt über allem – ein Wert, der bis heute das Herzstück des Corps bildet.
Die frühen Jahrzehnte waren geprägt von Erfolgen bei Wettstreiten, aber auch von Prüfungen. Die nationalsozialistische Zeit brachte Uniformzwang und Zerwürfnisse, der Krieg riss schmerzhafte Lücken. Und doch: Die Trommeln verstummten nie ganz. 1948 griffen einige Rückkehrer erneut zu den Instrumenten, probten im Haus Brassel und erweckten den Klang des Tambour Corps zu neuem Leben. Bald zierten wieder Pokale und Auszeichnungen die Vereinsräume, errungen in ganz NRW.

Ein Stück Vereinsgeschichte schrieb das Jahr 1974, als mit Andrea Aust das erste Mädchen in die Reihen der Spielleute aufgenommen wurde – aus einem Missverständnis heraus, das sich als Glücksfall erwies. Heute prägen zahlreiche Frauen das Gesicht des Corps und sind unverzichtbarer Teil seiner Stärke.
Immer wieder war es das öffentliche Leben der Stadt, in dem der unverwechselbare Klang des Viersener Tambour Corps ertönte: Schützenfeste, Martinszüge, Karneval, Jubiläen. In Erinnerung bleibt der große Zapfenstreich 1956 vor der Remigiuskirche anlässlich „100 Jahre Stadt Viersen“. Tausende jubelten damals den „blauen Jungs“ zu, die längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannt waren.

Auch jüngste Zeiten zeigen, wie eng das Corps mit Viersen verwurzelt ist. Ob Rosenmontagszug in Süchteln oder Tulpensonntagszug in der Kernstadt – stets begleiten die Spielleute den Prinzenwagen und bringen Rhythmus in die Narrenherrlichkeit. Selbst die Herausforderungen der Pandemie konnte der Verein unerschütterlich bestehen. So feierte das Viersener Tambour Corps 1925 e.V. an diesem Wochenende nun seine Jahrhundertmarke – nicht als Rückschau allein, sondern als lebendige Gegenwart. (nb)





