Es war 11.11 Uhr am gestrigen Karnevalssamstag, als in der Friedensstraße kein Wecker mehr nötig war. Damit der Höhepunkt des Süchtelner Rosenmontagszuges traditionell zur Festmeile wird, packten wieder alle engagiert mit an.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Rita Stertz
Soetele – Die Friedensstraße hat sich einmal mehr in ein leuchtendes Farbenmeer verwandelt. Fast 3.000 Ballons schweben nun über den Köpfen, gebündelt in Gruppen, akkurat an vorbereiteten Seilen befestigt. Rot, Gelb, Blau, Grün und Pink tanzen im Wind, während zwischen ihnen unzählige Fähnchen flattern. Die Straße trägt ihr närrisches Festtagsgewand – bereit für den großen Auftritt, wenn der Süchtelner Rosenmontagszug hier seinen krönenden Abschluss findet.

Schon früh am Morgen herrschte emsiges Treiben, da war auch die Kälte nur Nebensache. Leitern wurden aufgestellt, Seile verteilt. Denn die Friedensstraße ist im Karneval kein gewöhnlicher Straßenzug. Sie ist Bühne, Treffpunkt, Herzstück und Zielgerade zugleich. Wenn am Rosenmontag die Musikzüge näherkommen, wenn Konfetti durch die Luft wirbelt und „Helau!“ durch die Reihen schallt, dann bildet dieses bunt geschmückte Spalier den festlichen Rahmen für das große Finale. Die Vorfreude darauf ist am Schmücksamstag mit Händen zu greifen.
Dass hier jedes Jahr hunderte Hände mitanpacken, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern gelebte Tradition. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1965. Damals beschlossen einige Nachbarn spontan, statt eines eigenen Karnevalswagens lieber ihre gesamte Straße zu dekorieren. Aus einer improvisierten Idee wurde ein Markenzeichen. Schnell sprach sich herum, dass in der Friedensstraße anders gefeiert wird – geselliger, farbenfroher, mit einem ganz eigenen Motto.

Über Jahrzehnte war die Straße als „Weinstraße“ bekannt. Moselwein floss in Strömen, kunstvoll gestaltete Weingläser funkelten im Lichterglanz, und Jahr für Jahr wurde eine Weinkönigin gekrönt. Man stieß an, sang und schunkelte bis tief in die Nacht. Die Nachbarschaft machte aus ihrer Straße ein kleines närrisches Winzerdorf – mitten in Süchteln.
In dieser Session jedoch wurde Geschichte neu geschrieben. Erstmals übernahm kein weibliches Oberhaupt das närrische Zepter, sondern ein Bacchus: Fabio Böhmer. Mit Lorbeerkranz, Charme und jeder Menge Energie führte er durch die Session und setzte frische Akzente. Gemeinschaft – das ist das unsichtbare Band, das stärker ist als jedes Seil, an dem die Ballons befestigt sind. Man kennt sich, man hilft sich, man lacht miteinander. Und wer neu in die Straße zieht, wird spätestens beim Schmücken Teil der großen Familie. Und irgendwo zwischen Ballons, Fähnchen und fröhlichen Gesichtern hallt es schon jetzt durch die Straße – erst zaghaft, dann kraftvoll und vielstimmig: „Friedens-stroat! Friedens-stroat! Friedens-stroat!“ (cs)





