Die Blau-Wette Jonges ließen im Festzelt die Puppen tanzen

Als gestern Abend die schweren Winterwolken über Viersen zusammenzogen und der Schnee wieder begann, da öffneten sich die Türen des beheizten Winterfestzeltes an der Sittarder Straße im Roahser für ein Spektakel, das die Karnevalssession in Alt-Viersche mit voller Wucht ins zweite Wochenende katapultierte. Die Karnevalsgesellschaft Blau-Wette Jonges e.V. 1959 Viersen hatte unter dem Sessionsmotto „BWJ taucht ab“ eingeladen – und ein fast ausverkauftes Zelt versprach einen Abend voller närrischer Ekstase.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche-Roahser – Da waren wir nun im schönen Roahser, wo auch in diesem Jahr wieder ein Festzelt die Jecken vor dem kalten Wind schützt. Die ersten Gäste schunkelten erwartungsvoll im Takt der Musik, die aus den Lautsprechern drang. Das Prickeln der Vorfreude vermischte sich mit dem Klang des berühmten Trommelklangs in den närrischen Herzen. Ja, unsere wunderbare 5. Jahreszeit ist schon etwas ganz Besonderes und hier, bei den Blau-Wette Jonges, wurde sie am Freitagabend wieder mit ganzer Leidenschaft gelebt. Am Mikrofon führten Dirk Hechel und Jürgen Vogt durch das Programm, das die eine oder andere Neuheit auf der Vierscher Bühne bereit hielt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Das zeigte sich nicht nur beim Einmarsch der Gesellschaft, die bereits seit 1959 in Viersche den närrischen Virus weiterträgt, oder bei der mitreißenden Darbietung der eigenen Garde, sondern in jeder Minute des abwechslungsreichen Programms. Die Tänzerinnen wirbelten über die Bühne, die blau-weißen glitzernden Uniformen blitzten im Licht, und die Formationen erzeugten ein Gefühl von purer Energie. Jeder Schritt, jeder Sprung und jede Pirouette wurden vom Publikum mit Jubel und rhythmischem Klatschen gefeiert.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dieselbe Leidenschaft übrigens, die auch der aktuelle Ehrensenator in sich trägt, der bereits im Oktober beim Senatorenabend der Gesellschaft ernannt wurde. Jan Sevenich, 1. Vorsitzender der KV Maak Möt Brempt 1969 e.V., ist ein Karnevalist durch und durch, dessen Herz für die närrische Sache schlägt. Ein Mann, der Tradition lebt, und der nun auch bei den Blau-Wetten Jonges als Ehrensenator auf der Bühne steht.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann wurde es königlich: Unter Applaus zog das Prinzenpaar der Narrenherrlichkeit Viersen ein. Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I. betraten gemeinsam mit dem Viersener Tambour Corps 1925 den Saal in leuchtendem Rot. Begleitet von ihrer Prinzenbegleitung sowie der Viersener Prinzengarde samt ihrer charmanten Regimentstochter, sprang der närrisch Funke mit Leichtigkeit über. Ihr Auftritt verband auch dieses Mal Moderne mit Tradition, riss von den Stühlen und ließ keinen Fuß stillstehen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Stimmung blieb auf dem Höhepunkt, als Tim Becker die Bühne betrat. Becker, der seit über 15 Jahren die Kunst des Bauchredens auf höchstem Niveau beherrscht, ließ seine Puppen scheinbar mühelos zum Leben erwachen. Donut, Karl K. Ninchen, das freche Pferdchen Dandy Randy und weitere plüschige Protagonisten entwickelten ein temporeiches Eigenleben. Mit blitzschnellen Wechseln von Stimmlagen, Dialekten und Charakteren führte Becker Dialoge, die so glaubwürdig waren, dass man im Zelt rasch vergaß, es mit Stoff und Schaumstoff zu tun zu haben.

Gnadenlos treffsicher nahm er die kleinen und großen Eigenheiten des Alltags aufs Korn. Becker hörte zu, spiegelte Gedanken, Macken und Marotten – mal bissig, mal frech, oft herrlich schräg, aber stets mit feinem Gespür für Timing und Pointe. Seine Puppen kommentierten Politik, Gesellschaft und zwischenmenschliche Absurditäten mit einer Leichtigkeit, die das Publikum immer wieder in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nachdem die Lachtränen getrocknet waren, übernahm die Blue Royal Colonia die Bühne. Die Große Auftrittsgarde präsentierte eine Performance, die Gardetanz neu definierte: dynamisch, modern und trotzdem tief verwurzelt in der karnevalistischen Tradition. Na, und welche Garde erobert schon mit eigenen Sängern die Bretter, die die Welt bedeuten …

Mit den Tänzerinnen und Tänzern verschmolzen Akrobatik, Präzision und Ausdruck zu einer Show, die das Publikum regelrecht mitriss. Jede Hebung, jede Formation erzeugte Gänsehautmomente … wie schade nur, dass die Bühne für so einen wunderbaren Auftritt fast zu niedrig war.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit dem Auftritt von Bianca Schüller wechselte das Winterfestzelt spürbar die Klangfarbe. Wo zuvor Gelächter und Applaus dominierten, breitete sich nun eine warme, mitreißende musikalische Stimmung aus. Ihre Stimme, klar und zugleich voller Gefühl, füllte das Zelt mühelos und ließ die Jecken vom ersten Moment an mitgehen. Ob eigene Titel oder kölsche Cover – Bianca verstand es, Nähe zu schaffen und eine Verbindung zum Publikum aufzubauen, die man sehen und hören konnte: klatschende Hände, wippende Füße und viele Stimmen, die textsicher mitsangen.

Die Sängerin, die bereits im Alter von drei Jahren ihre ersten Bühnenerfahrungen als Tänzerin im Dorfkarneval sammelte, brachte ihre gesamte karnevalistische Biografie mit auf die Bühne. Ihre Zeit als Sängerin einer der bekanntesten kölschen Mädelsband-Formationen Kölns war ebenso spürbar wie ihre Entwicklung zur eigenständigen Künstlerin. Mit sichtbarer Freude bewegte sie sich über die Bühne, suchte den Blickkontakt zum Publikum und animierte die Jecken zum Mitsingen und Mitfeiern.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Direkt im Anschluss heizte die Showtanzgruppe Limitless aus Scheven ein. Die Tänzerinnen präsentierten eine präzise ausgearbeitete Choreografie, bei der vor allem das Zusammenspiel der Gruppe im Mittelpunkt stand. Mit sicher ausgeführten Hebungen, sauber gesetzten Würfen und fließenden Übergängen erzählten sie ihre tänzerische Geschichte.

Ihr Sessionsmotto „Ein göttlicher Ball – das Schicksal liegt in ihren Händen“ spiegelte sich nicht nur in den Bewegungen, sondern auch in der Gestaltung wider. Kostüme, Musik und Ausdruck griffen das Thema auf, ohne es zu überladen, und schufen eine klare, in sich stimmige Atmosphäre. LIMITLESS, gegründet in der Session 2016/2017 und längst auf zahlreichen Bühnen über die Region hinaus zu Gast, zeigte im Winterfestzelt der Blau-Wette Jonges einmal mehr, wie vielseitig moderner Showtanz im karnevalistischen Rahmen sein kann.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit dem Auftritt der Kölner Mundart-Band Boore bekam das Winterfestzelt erneut einen kräftigen Schub an karnevalistischer Energie. Die siebenköpfige Formation, bekannt für ihre unverwechselbare Mischung aus Kölsch, Partysound und traditioneller Karnevalsmusik, sorgte sofort für Mitsingstimmung. Bereits mit den ersten Akkorden ertönten Jubelrufe aus allen Ecken des Zeltes, die Jecken klatschten, wippten und sangen textsicher mit.

Boore präsentierten ein abwechslungsreiches Programm aus Klassikern und modernen Hits. Songs wie „Rut sin de Ruse“, „So ein Tag, so schön wie heute“ oder „Dich einmol noch danze sin“ wurden vom Publikum begeistert aufgenommen, während ihre energiegeladenen Interpretationen der Lieder die Stimmung stetig steigerten. Von hier an blieben die Stühle leer, die Karnevalisten wurden zur tanzenden Einheit vor der Bühne. Hände hoch zum Himmel.

Hinter den Hits steckt jahrelange Erfahrung: Seit ihrem ersten Studioalbum 2003 haben die Boore ihre Position als feste Größe im Kölner Karneval kontinuierlich ausgebaut. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der „Närrische Oscar“ und das „Schlagersegel“ des WDR, zeugen von der Qualität und Popularität der Band. Auch das Engagement für die karnevalistischen Tanzgruppen, denen sie mit ihrem Song „Dich einmol noch danze sin“ eine besondere Hommage widmeten, wurde von den Jecken im Zelt geschätzt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Zum krönenden Abschluss des Abends betrat die Rhythmussportgruppe, eine neunköpfige Formation aus Düsseldorf und Köln, die Bühne und brachte noch einmal volle karnevalistische Energie in das Winterfestzelt. Die Gruppe, die ursprünglich 2015 als „Instrumental-Abschlussprüfungsband“ an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf gegründet wurde, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil der rheinischen Karnevalsbühnen entwickelt. Was als studentisches Projekt begann, hat sich längst zu einer professionellen Showband entwickelt.

Mit treibenden Rhythmen, kraftvollen Bläserpassagen und präzise gesetzten Percussion-Einlagen war klar: Eigentlich endet dieser Abend viel zu früh, wollten die Karnevalisten doch gerne noch länger feiern. Jeder Song, ob karnevalistischer Klassiker oder moderne Adaption, wurde mit voller Energie gespielt und von den Jecken begeistert aufgenommen, während sich die Polonaise durch den Saal schob. Das Winterfestzelt wurde zum pulsierenden Herz des Karnevals … und seien wir ehrlich, in den Schnee wollte eigentlich auch niemand.

Doch während der letzte Akkord verklang, blieb keine Zeit zum Ausruhen: Schon am heutigen Samstag übernimmt die KG Roahser Jonges 1936 e.V. die Bühne für ihre Kostümsitzung, gefolgt von der Sonntagssitzung „Hinger d’r Tuun“. Die närrische Zeit in Viersche verspricht also kein Ende – im Gegenteil: Sie geht mit voller Fahrt weiter. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming