Süchteln stand Kopf – und das mit Ansage. Schon vor der Tür des Josefshauses waberten am Samstagabend die ersten „Soetelsche Muure-Soat“-Rufe durch die kalte Februar-Luft, als sich Cowboys, Funkenmariechen, Clowns, Piraten und ein erstaunlich großer Schwarm glitzernder Tanzmäuse durch den Eingang drängten. Drinnen war schnell klar: Wer zu spät kam, musste tanzen, wo gerade ein Quadratmeter frei wurde. Bunt kostümiert war teilweise kein Durchkommen durch den Saal – und genau so sollte es sein.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming
Soetele – Die Dreigestirn-Party des Festausschuss Süchtelner Karneval war nicht nur das rauschende Warm-up für die letzten Tage vor dem Straßenkarneval, sondern zugleich das funkelnde Krönchen auf 65 Jahre organisierte Närrischkeit in Süchteln. Ein Jubiläum, das man nicht mit einem leisen Tusch begeht, sondern mit Pauken, Trompeten und einer Bühne, die im Minutentakt bebte.

An den Stehtischen wurden Orden bestaunt, Selfies geschossen und die Frage diskutiert, ob man das Dreigestirn in dieser Session überhaupt noch toppen könne. Die Antwort gab es wenig später auf der Bühne. Durch das Programm führten Lara Böhmer und Detlef Belk – ein Duo, das längst weiß, wie man einen Saal auf Temperatur bringt.
Während Böhmer mit Charme und Schlagfertigkeit die Gäste begrüßte, hatte Belk nicht nur das Mikro, sondern später auch die Regler im Griff: Als DJ sorgte er zwischen den Programmpunkten für kölsche Ohrwürmer und Partykracher, die selbst die Hartnäckigsten von den Stühlen rissen. „Wir feiern heute nicht irgendeinen Abend – wir feiern 65 Jahre Herzblut“, lachte jemand im Josefshaus.

Natürlich ließ es sich das 1. Süchtelner Dreigestirn nicht nehmen, diesem besonderen Abend die Ehre zu erweisen. Kaum betraten Prinz, Bauer und Jungfrau die Bühne, brandete Applaus auf, der minutenlang nicht verebben wollte. In dieser Session haben sie Bühnen nicht nur betreten, sondern erobert – und auch im Josefshaus bewiesen sie, warum sie als absoluter Glanzpunkt gelten. Mit strahlenden Augen, pointierten Worten und sichtlicher Freude mischten sie sich später unter die Gäste, schüttelten Hände, posierten für Fotos und verteilten närrische Umarmungen.
Einen weiteren Höhepunkt setzte die Süchtelner Kapellengarde. Noch einmal holte sie ihren Showact ins Rampenlicht und verwandelte die Bühne in ein Meer aus Bewegung und Präzision. Federn wirbelten, Beine flogen im perfekten Takt, und das Publikum honorierte jede Hebefigur mit begeisterten Zwischenrufen. Die Choreografie saß, die Ausstrahlung stimmte – und der Stolz auf das eigene Können war den jungen Tänzerinnen und Tänzern ins Gesicht geschrieben.

Für einen Überraschungsmoment sorgte die Süchtelner Prinzengarde. Statt im gewohnten Uniformen-Look betraten sie die Bühne in einem völlig anderen Outfit – so ungewohnt, dass mancher im Saal zweimal hinschauen musste. „Wir hätten euch ja fast nicht erkannt!“, witzelte ein Jeck vor der Bühne. Doch was blieb, war die sportliche Klasse: Gemeinsam mit ihrem Mariechen zeigten sie akrobatische Sprünge und kraftvolle Elemente, bei denen der Atem im Saal spürbar anhielt. Spätestens nach der letzten Drehung hielt es niemanden mehr auf den Plätzen.
Fernweh kam auf, als die Süchtelner Showtanzgruppe ihre viel umjubelte Reise „von Söetele nach New York“ noch einmal auf die Bühne brachte. Mit der MSC Süchteln im Rücken hatten sie in dieser Session ein Motto gewählt, das große Bilder zeichnete. Freiheitsstatue, Skyline, Broadway – all das blitzte in Kostümen und Choreografie auf. Und doch war die Botschaft klar: Es führen eben alle Wege nach Süchteln. Zwischen glitzernden Hüten und rhythmischen Beats wurde deutlich, wie viel Kreativität und Trainingsarbeit in diesem Auftritt steckte.

Zwischen den Programmpunkten verwandelte sich das Josefshaus immer wieder in eine einzige Tanzfläche. Kölsche Partylieder vom Band sorgten für Mitsing-Momente, bei denen selbst gestandene Karnevalisten heiser wurden. Arme lagen sich in den Schultern, Schunkelreihen zogen sich durch den Saal, und manch einer stellte fest, dass der Nachbar im Pinguinkostüm verdammt textsicher war.
Das musikalische i-Tüpfelchen des Abends setzte schließlich die Band Die Mennekrather. Acht Musikerinnen und Musiker stürmten die Bühne – und von der ersten Note an war klar, dass hier mehr als nur eine Cover-Band am Werk ist. Druckvolle Bläsersätze, treibende Rhythmen und eine Gesangsfront mit beeindruckender Stimmgewalt rissen das Publikum mit. Keyboarderin Ela Dirks, die viele Stücke eigens arrangiert und teilweise neu komponiert, verleiht den Songs eine ganz eigene Handschrift. Jeder Musiker bekam Raum, sein Instrument sprechen zu lassen – mal rockig, mal kölsch, mal überraschend anders.

Dass die Wurzeln der Band bis in die 1960er Jahre zurückreichen, als sie noch als Fanfarenkorps unterwegs waren und bei einer Kirmes in Erkelenz ihren ersten Auftritt hatten, merkt man vor allem in einem Punkt: Leidenschaft. Mitte der 1970er Jahre verabschiedeten sie sich von der Marschmusik – und fanden im Karneval ihre musikalische Heimat. Diese Geschichte schwang an diesem Abend in jedem Takt mit.
Bis tief in die Nacht wurde gesungen, getanzt und gelacht. Das Josefshaus zeigte sich einmal mehr als Herzstück des Süchtelner Karnevals – ein Ort, an dem Tradition und ausgelassene Lebensfreude Hand in Hand gehen. Die Dreigestirn-Party war ein Versprechen für die kommenden Tage des Straßenkarnevals – laut, bunt und voller Emotionen. (sk)





