Punk, Indie, Ekstase: Süchteln feierte mit einem musikalischen Gewitter

Das Süchtelner Josefshaus hatte am Samstagabend längst aufgehört ’nur‘ ein Veranstaltungsort zu sein. Es vibrierte, atmete, pulsierte. Schon lange vor dem ersten Akkord sammelten sich Menschentrauben vor dem Eingang, dicke Jacken, kalte Januarluft, dampfender Atem – und dieses besondere Glänzen in den Augen, das nur entsteht, wenn klar ist: Heute passiert etwas.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Rita Stertz

Viersen-Süchteln – Das 28. Rockfestival „Süchteln brennt“ hatte gerufen, und Süchteln antwortete mit einem voll besetzten Haus. Als sich die Türen öffneten, schwappte die Menge hinein wie eine Flutwelle, getragen von Vorfreude, Neugier und dem festen Wissen, Teil einer dieser Nächte zu werden, von denen man noch Jahre später erzählen wird.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Drinnen war nichts dem Zufall überlassen. Das Josefshaus präsentierte sich nach intensiver Vorbereitung wie neu geboren: warme Lichter, dicht gedrängte Tresen, Kabel, die sich wie Adern über die Bühne zogen, Instrumente bereit zum Einsatz. Über allem lag dieser unverwechselbare Geruch aus Technik und Erwartung. Gespräche mischten sich zu einem vielstimmigen Summen, alte Freunde fielen sich in die Arme, neue Bekanntschaften entstanden im Gedränge. „Süchteln brennt“ war einmal mehr das, was es seit Jahrzehnten ausmacht: Rock’n’Roll-Neujahrsempfang, Klassentreffen, Ventil, Heimat.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Den ersten Funken zündeten The Sensitives aus Schweden – und wie sie das taten. Kaum betraten Paulina, Martin und Magnus die Bühne, war spürbar, dass hier keine Aufwärmnummer stand, sondern eine Band, die genau wusste, wie man einen Abend entfacht. Ohne großes Vorgeplänkel jagten sie los, rissen das Publikum mit einer explosiven Mischung aus Punk, Rock’n’Roll, Ska und Folk sofort aus der Reserve. Paulina wechselte mühelos zwischen Bassläufen und kraftvollem Gesang, ihre Stimme roh und zugleich melodisch, während Martin mit Gitarre und Lead-Vocals die Songs nach vorne peitschte. Dahinter Magnus, unermüdlich, präzise, schweißtreibend – ein Schlagzeugspiel wie ein Motor, der niemals stottert.

Die Songs vom aktuellen Material fügten sich nahtlos neben ältere Stücke, alles wirkte wie aus einem Guss, getragen von dieser unerschütterlichen Energie, für die The Sensitives europaweit bekannt sind. Zwischen den Liedern kurze, herzliche Ansagen, klare Haltungen, kein Pathos, keine Posen. Im Publikum tanzten Menschen, Arme flogen, Münder sangen mit, ein erstes, wildes Pogo-Knäuel bildete sich direkt vor der Bühne. Es war diese besondere Mischung aus Feierlaune und Haltung, aus Eskapismus und Gemeinschaftsgefühl, die den Auftritt so eindringlich machte. Als die Band die Bühne verließ, war das Josefshaus bereits aufgeheizt wie ein Kessel kurz vor dem Überkochen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Goodbye Grief aus Düsseldorf setzten genau dort an – nur auf ihre ganz eigene Art. Mit einem Sound, der tief im Punkrock verwurzelt ist, aber mühelos Melodie, Härte und Emotion verbindet, übernahmen sie die Bühne mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur Bands anmerkt, die schon viel gesehen haben. Vom ersten Riff an war klar: Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um das Jetzt. Die Drums trieben unerbittlich nach vorne, die Gitarren sägten und sangen zugleich, Bass und Gesang griffen ineinander wie Zahnräder.

Die Texte, persönlich und direkt, trafen einen Nerv. Man spürte das Herzblut, das in diesen Songs steckt, hörte die Erfahrungen aus Hardcore-, Punk- und Metalszenen heraus, ohne dass sich Goodbye Grief je in Technik oder Attitüde verloren. Stattdessen: maximale Nähe. Der Moshpit vor der Bühne wurde dichter, kontrolliert wild, Schweiß tropfte, Becher flogen, wurden aufgehoben, weitergetanzt. Zwischen den Songs kurze Blicke ins Publikum, dankbare Gesten, ein breites Grinsen. Goodbye Grief spielten, als ginge es um alles – und für diesen Moment tat es das auch.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Mit Kann Karate änderte sich die Atmosphäre spürbar, ohne an Intensität zu verlieren. Die Berliner brachten deutsche Texte auf die Bühne, die nicht erklärten, sondern fühlbar machten. Schon beim ersten Song breitete sich dieses besondere Knistern aus, das entsteht, wenn Melancholie und Energie sich nicht widersprechen, sondern gegenseitig verstärken. Eric am Mikrofon zog das Publikum mit seiner Präsenz sofort in den Bann, mal zurückgenommen, fast verletzlich, dann wieder eruptiv, fordernd, laut. Die Band dahinter agierte wie ein perfekt eingespielter Organismus, Gitarrenflächen und treibende Rhythmen verschmolzen zu einem Sound, der gleichzeitig roh und eingängig war.

Es wurde mitgesungen, von den ersten Reihen bis weit nach hinten, einzelne Textzeilen schwebten durch den Raum, begleitet von wogenden Körpern. Kann Karate schufen diesen seltenen Raum, in dem man sich verlieren konnte, ohne den Halt zu verlieren. Zwischen Post-Punk und Indierock, zwischen Schwermut und Euphorie, erzählten sie vom Leben, von Zweifeln, von diesem diffusen Gefühl, das viele kennen, aber nur wenige so treffend in Musik fassen. Das Josefshaus hörte zu, tanzte, ließ sich fallen – und fing sich gegenseitig wieder auf.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Als ON! schließlich die Bühne betraten, war klar: Jetzt kommt der große gemeinsame Moment. Die Kieler, die nach 24 Jahren als Tequila & the Sunrise Gang ein neues Kapitel aufgeschlagen hatten, präsentierten sich mit neuem Namen, deutschen Texten und unveränderter Leidenschaft. Schon die ersten Töne von „Alles auf Neu“ sorgten für ein kollektives Aufhorchen. Der Sound war vertraut und doch anders, breit, hymnisch, voller Drive. Sieben Musiker, die jede Ecke der Bühne nutzten, sich gegenseitig anfeuerten, lachten, sprangen, spielten, als gäbe es kein Morgen.

Die neuen Songs fügten sich selbstverständlich neben die alten Klassiker, die vom Publikum frenetisch gefeiert wurden. Hände gingen hoch, Refrains wurden lauter gesungen als die Band selbst, der Boden vibrierte. ON! zeigten, wie Veränderung funktionieren kann, ohne Wurzeln zu kappen. Punk, Rock, Indie – alles war da, alles durfte sein. Die Energie übertrug sich wie ein Stromschlag, von der Bühne in den Saal und wieder zurück. Am Ende standen erschöpfte, glückliche Gesichter, verschwitzte Shirts, heisere Stimmen. Als die letzten Akkorde verklungen waren und langsam wieder Licht anging, lag dieses schwer zu beschreibende Gefühl im Raum: Zufriedenheit, Dankbarkeit, ein Rest Adrenalin. Es war laut, es war eng, es war emotional – und es war genau richtig. (cs)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz