Von uralten Ritualen bis zur modernen Klinikallee: Eine Straße mit Tiefgang.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen-Süchteln – Auf den ersten Blick mag die Johannisstraße in Süchteln eine gewöhnliche L-förmige Wohnstraße sein. Doch ihr Name und Verlauf erzählen eine faszinierende Geschichte, die weit über Asphalt und Hausnummern hinausreicht – eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt und tief verwurzelt ist in der Landschaft und Kultur des Niederrheins.
Die heutige Johannisstraße erhielt ihren Namen offiziell im Jahr 1906 – mit der gleichzeitigen Zusammenführung mehrerer historischer Wegabschnitte. Zuvor trugen diese Teile andere Bezeichnungen: Der west-östlich verlaufende Abschnitt war ab dem 10. Oktober 1868 als Fockelsteinsweg bekannt, eine Bezeichnung, die schon in französischen Karten aus dem Jahr 1812 auftaucht. Er verband die Grefrather Straße im Osten mit dem heutigen Dornbuscher Weg im Westen. Der nord-südliche Teil hieß ab 1885 Windberger Kirchweg und diente als Verbindungsweg zwischen der Windberger Gemeinde und der Kirche in Süchteln.
Im Jahr 1904 wurde erstmals der Straßenname Johannisstraße vergeben – zwei Jahre später, 1906, folgte die endgültige Umbenennung und Zusammenführung der genannten Wege zur heutigen Johannisstraße. Geografisch verläuft die Johannisstraße heute in einer markanten L-Form: Vom südlichen Ende des Stadtgartens (an der Ecke Hochstraße/Grefrather Straße) führt sie zunächst nordwestlich bis zum Siebenweg. Auf Höhe der Ricarda-Huch-Straße knickt sie dann scharf nach Südwesten ab und endet schließlich am Äquatorweg.
Ein besonders geschichtsträchtiger Abschnitt liegt am östlichen Hang der Süchtelner Höhen, der in Karten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts als „Johannes Thal“ bzw. „Johannesthal“ bezeichnet wird. Dort entstand ab 1902 die Provinzial-, Heil- und Pflegeanstalt Johannistal, die heutigen Rheinischen Kliniken des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Der Name der Straße ist somit auch eine Erinnerung an diese bedeutende psychiatrische Einrichtung, die tief mit der Region verwurzelt ist.
Der Straßenname „Johannisstraße“ verweist nicht nur auf die geografischen Gegebenheiten, sondern auch auf jahrhundertealte kulturelle Bräuche. So erinnert er an das Johannisfeuer, das am Vorabend des Johannistages – rund um den 24. Juni – auf den Höhenzügen entzündet wurde. Dieses uralte Fest zur Sommersonnenwende hatte am Niederrhein bis ins späte 18. Jahrhundert Bestand. Die Menschen zogen mit Fackeln den Fackelsteger Weg hinauf, der bereits 1607 urkundlich erwähnt ist. Oben auf den Süchtelner Höhen tanzte man um das lodernde Feuer – ein Ritual des Lichts und der Gemeinschaft. Doch im Jahr 1788 wurde das Brauchtum im Kurfürstentum Köln wegen der Brandgefahr offiziell verboten. Die Erinnerung daran jedoch hat sich in Flurnamen, Straßennamen – und in der lebendigen Tradition der Region erhalten.
Heute mag die Johannisstraße ein ruhiger Ort sein, eingebettet zwischen Stadtgarten und Höhenzügen, aber wer genau hinschaut, entdeckt hier eine der spannendsten Mikrobiografien Süchtelns: von mittelalterlichen Pilgerpfaden und französischen Karten über psychiatrische Reformen des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu uralten Sonnenwendfeiern – all das liegt verborgen unter dem Pflaster dieser Straße. (cs)





