Viersen im Wandel: Erinnerungen an die Zeit der „Heldenkaiser“

Die steinerne Säule, die künftige Generationen an den siegreichen Feldzug gegen Frankreich und die Reichsgründung erinnern sollte, wurde Opfer bürokratischer Stadtplanungen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen – Im Postgarten zwischen der Parkstraße und der Freiheitsstraße ragt heute die große, steinerne Säule, das Kaiser-Krieger-Denkmal, als Erinnerung an die Zeit der „Heldenkaiser“ gen Himmel. Längst wissen nur noch wenige von diesem Mosaikstein in der Viersener Stadtgeschichte.

Die Historie schreibt das Jahr 1888, in welchem der erste deutsche Kaiser, Wilhelm I., zu Tode kam. Nur 99 Tage später folgte ihm sein Sohn Friedrich III. Deutschland war in tiefer Trauer und so entstanden zahlreiche Denkmäler, die an die Zeit der „Heldenkaiser“ sowie den siegreichen Feldzug gegen Frankreich mehr als ein Jahrzehnt zuvor erinnern sollten.

Die steinerne Säule, die künftige Generationen an den siegreichen Feldzug gegen Frankreich und die Reichsgründung erinnern sollte, wurde Opfer bürokratischer Stadtplanungen. Foto: Privatarchiv Josten

Auch die Viersener reihten sich ein, weshalb bereits am 26. Juni eine Bürgerversammlung stattfand, auf der der damalige Bürgermeister Stern zum Vorsitzenden des Komitees gewählt wurde. Spenden sollten das Denkmal finanzieren und tatsächlich kamen Spenden nicht nur von wohlhabenden Fabrikanten, ebenfalls Arbeiter gaben ihren Teil hinzu und so kamen schnell 14.500 Mark zusammen – eine stolze Summe zu dieser Zeit.

Die Kosten waren es, weshalb auf ein in Metall gearbeitetes Standbild verzichtet wurde und ein Obelisk oder eine „gotische Säule“ in den Blick genommen wurde. Die Wahl fiel auf eine Säule, die freundlicher im Stadtbild wirken und an das Denkmal auf dem Drachenfels angelehnt werden sollte. Die Abstimmung übernahm ein engerer Ausschuss, der nach Königswinter fuhr um das Drachenfelsdenkmal in Augenschein zu nehmen.

Zur Aufstellung des Denkmals schenkten die Erben des Freiherrn von Diergardt der Stadt einen Platz an der Lindenstraße und so konnte bereits am 27. Januar 1889 die Grundsteinlegung und am 20. Oktober desselben Jahres, auf dem Geburtstag Friedrich III., die Enthüllung erfolgen. Foto: Privatarchiv Josten

Als es zur Auftragsvergabe kam, entschieden sich die Viersener für Joseph Kleesattel, der an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule als Architekturlehrer tätig war und ebenso Hand an die 1889/1891 erbaute St.-Josef-Kirche und 1895/1897 an den Westturm von St. Remigius legte. Zur Aufstellung des Denkmals schenkten die Erben des Freiherrn von Diergardt der Stadt einen Platz an der Lindenstraße und so konnte bereits am 27. Januar 1889 die Grundsteinlegung und am 20. Oktober desselben Jahres, auf dem Geburtstag Friedrich III., die Enthüllung erfolgen.

Das mehr als 14 Meter hohe Denkmal wurde reich verziert, zeigte nicht nur das Brustbild des ersten Kaisers in Bronze, sondern fasste ebenfalls Friedrich III. ein, umrahmt von Lorbeer- und Eichenzweig. Mit verschiedenen Inschriften, darunter „Den in dem Feldzuge 1870-1871 gebliebenen Söhnen dieser Stadt zum Gedächtnis“ oder „Den Deutschen Kaisern Wilhelm I. und Friedrich III. zu Ehren errichtet 1888“ machte das Denkmal in zusammengefasster Form die Geschichte des jungen Reiches anschaulich.

Die Hoffnung, dieses „Denkmal möge einer in Frieden und Eintracht glücklichen Nachwelt unversehrt erhalten bleiben“ wurde im Jahre 1962 jäh zerstört, als die Säule der bürokratischen Stadtplanung zum Opfer fiel und sie einer Straßenerweiterung weichen musste. Heute steht sie zwischen Parkstraße und Freiheitsstraße – allerdings blieb die ursprüngliche Detailverliebtheit auf der Strecke, nachdem die Bronzeplatten verloren gingen. (nb)

Die Hoffnung, dieses „Denkmal möge einer in Frieden und Eintracht glücklichen Nachwelt unversehrt erhalten bleiben“ wurde im Jahre 1962 jäh zerstört, als die Säule der bürokratischen Stadtplanung zum Opfer fiel und sie einer Straßenerweiterung weichen musste. Foto: Privatarchiv Josten