11 Minuten, 11 Sekunden und kein bisschen leise: Das Süchtelner Dreigestirn schälte sich zur Rekordspende

Sonntagmorgen in Soetele, 11:11 Uhr, ein Schälmesser blitzt, der erste Möhrenduft liegt in der Luft – und Süchteln ist schlagartig im Ausnahmezustand. Das Josefshaus pulsierte vor Lebenslust, Musik und karnevalistischer Energie, und das traditionelle Möhrenschälen entpuppte sich einmal mehr als lautstarkes Herzstück des Süchtelner Winterbrauchtums – wild, herzlich und so mitreißend lebendig.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler, Rita Stertz und Martin Häming

Soetele – Krawall, Karacho — und: Möhren! Als die Kirchturmuhr von St. Clemens in Süchteln elf Uhr und elf Minuten schlug, explodierte im Josefshaus ein Sturm aus Trommeln, Tröten und glitzernden Kostümen: Pünktlich begann am gestrigen Sonntagsvormittag das, worauf die Jecken seit Wochen warteten — das große, traditionsreiche Möhrenschälen.

Wer an diesem Tag gedacht hatte, der Karneval würde sich schonen, hatte die Rechnung ohne die Klingen gemacht: Schälmesser blitzten, Stimmen schrillten, und die Luft schmeckte nach purem Frohsinn.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Tür zum Saal war kaum aufgestoßen, da brandete die Musik los: ein Potpourri aus Marschrhythmen und den unvergleichlich lautstarken, jecken Rufen. Müdigkeit von der FKV-Galasitzung in Alt-Viersche am Vorabend? Keine Spur. Die Menge war frisch wie der Tau am Morgen, Aalglatt vor Erwartung — und mit einem Herz, das für den guten Zweck schlug. Denn wie schon zuvor – mittlerweile seit 24 Jahren – verband der Festausschuss Süchtelner Karneval das Spektakel mit einer Spendenaktion: Unterstützt von Helmut Schatten und Nicolai Rattay sammelte die närrische Schar für soziale Einrichtungen in der Region; das Freude war also doppelt groß.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Begrüßung war ein Festakt für sich. Lara Böhmer und Detlef Belk standen vorne, winkten, lachten und nahmen die anrollende Woge aus Tollitäten und Farbtupfern entgegen — Vertreter aus Viersche, Dölke, Bossem und Soetele schoben sich in die vordersten Reihen, flankiert von Gästen aus der ganzen Region. Die Bühne wurde sofort zur bunten Kommandozentrale.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Zunächst stürmte die KG De Brook Müerkes auf die Bühne: das bezaubernde 57. Süchtelner Kinderprinzenpaar — Kinderprinz Jonas II. und Kinderprinzessin Hannah II. — präsentierte sich mit der routinierten Selbstsicherheit junger Regenten. Zwei kleine Monarchen, deren Auftritt wie eine perfekt getimte Serie aus Strahlen, höfischem Winken und gekonnter Choreografie wirkte; die Reihen der Karnevalisten waren ein Meer aus Handys und stolzen Blicken.

Und kaum waren die Kinderapplaus-Feuerwerke etwas leiser geworden, gesellte sich das Süchtelner Dreigestirn dazu: Prinz Nicolai I., Jungfrau Thomas „Thomina“ und Bauer Uwe — eine Einheit, die in Kostüm, Haltung und Schalkhaftigkeit das Publikum sofort in ihren Bann zog. Gemeinsam formten sie das große Bild, das jeder Karnevalsszene die majestätische Würze verleiht.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann: ein Taktwechsel. Die Kapellen-Garde und die Weber-Garde — seit der Gründung in der Session 2015/2016 emporgewachsen — folgten mit einem Feuerwerk an Präzision. Jeder Schritt saß, jede Formation klackte wie am Fließband geölte Uhrwerke. Man spürte, dass hier nicht nur Tanz, sondern ehrgeizige Arbeit hinter dem Glanz steckt: Wettbewerbstitel, vordere Platzierungen, und vor allem: vom Anfangsstadium zu Qualität, Stabilität und Professionalität, das den Festausschuss stolz machen darf. Die Zuschauer honorierten es mit einem Rhythmus aus Pfiffen, Bravo-Rufen und dem typischen Fußgetrampel.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Jüngsten aber stahlen allen die Herzen. Ein Kaleidoskop aus Farben, Figuren und Lieblingsgeschichten entfaltete sich: Dschungelbuch-Helden turnten mit einem Augenzwinkern neben einer kleinen Arielle; Schneewitchen oder Aladdin und ein schelmischer Robin Hood ließ Pfeile der Sympathie regnen. Präzise, frech und mit einer Unbekümmertheit, die jeden Anwesenden zum Lächeln zwang. Die Kapellengarde hatte ein Jahr für diesen Jubiläumstanz geschuftet; das Training zahlte sich aus: sie präsentierten eine Überraschung, die bereits bei der Galasitzung Premiere gefeiert hatte — und heute erneut für Gänsehaut sorgte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Ehrungen gehörten selbstverständlich auch zum Programm. Sina Otten, die am Freitag bei der Galasitzung nicht dabei gewesen war, wurde mit dem Treueorden des Bundes Deutscher Karneval ausgezeichnet — eine Verbeugung vor tänzerischer Leistung und langjährigem Einsatz. Später konnte zudem Wolfgang Christ eine Urkunde empfangen: 25 Jahre Mitgliedschaft im Festausschuss Süchtelner Karneval. Mitten in diesem Reigen trat die KG Süchtelner mit Herz auf. Ihr Auftritt wurde gekrönt mit der Vergabe der Ehrenmitgliedschaft durch den Vorsitzenden Marc Eßer an den Sitzungspräsidenten und Sänger Detlef Belk.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann explodierte der Saal nochmal, als Solomariechen Laura erschien. Wahre Energie wurde in die Luft geworfen: sie wirbelte, sprang, landete — und der Boden vibrierte förmlich unter den Schritten. Laura wurde begleitet von ihrer Heimat, der Süchtelner Prinzengarde — eine Formation, die seit 2004 besteht und in zwei Jahrzehnten aus einer spontanen Idee eine Institution aufgebaut hat. Die Prinzengarde zeigte nicht nur ihr Können als Ensemble, sondern auch die Bande zur Förderung junger Talente: Lauras Auftritt war der lebende Beweis, dass dieser Geist von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Garde-Tanz kam anschließend als Ensemblenummer — die Mitglieder der Süchtelner Prinzengarde wirbelten über die Bretter, und man hatte den Eindruck, als hätte die Zeit kurz stillgestanden. Dann nahte ein weiterer offizieller Auftritt: das Prinzenpaar von Viersen, Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I., geleitet von ihrer Begleitung, betrat die Bühne — ein Auftritt, der würdevoll begann und in der Folge als Prolog zum wohl erwarteten Höhepunkt des Tages diente.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Und dann: die Messer wurden gezückt. Das Möhrenschälen begann in echter Wettkampfatmosphäre — musikalisch untermalt von „Dalli, Dalli“, mit blitzenden Klingen und flotten Sprüchen, die durch den Saal peitschten. Prinz Nicolai I., Jungfrau Thomas „Thomina“ und Bauer Uwe stellten sich dem Test der Fingerfertigkeit: 11 Minuten und 11 Sekunden Möhrenschälen gaben den Takt vor — ein närrisches Zeitfenster, das in sich schon Symbolik und Theater vereinte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Es ging nicht nur um Tempo, sondern um Eleganz im Schälen, um Show, um Gelächter zwischen den Klingen. Als die letzte Schale fiel, lagen 878 geschälte Möhren auf dem Tisch, die eine Spendensumme von 975 Euro ergaben. Durch zusätzliche Gaben wurde der Betrag auf exakt 2.222,22 Euro aufgestockt — ein Zahlenspaß, wie ihn nur der Karneval lieben kann. Zudem brachte die Versteigerung eines Borussia Mönchengladbach-Fußballs 333,33 Euro ein; die Summe ist für eine Einrichtung für den inklusiven Sportverein „Special Fly“ in Süchteln-Vorst bestimmt. Übrigens in den vergangenen Jahren wurden mit dem Möhrenschälen 37.808,20 Euro gesammelt und gespendet.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Während der Jubel noch nachhallte und die letzten Möhrenscheiben vom Tischtuch gefegt wurden, strömten weitere hochkarätige Gäste nach vorn. Aus Dölke kamen Prinz Ralf I. und Prinzessin Sandra I., und ließ die Stimmen erklingen. Auch die Garden der KV De Üüle zogen in Lila-Weiß ein und brachten mit ihrem typischen Savoir-faire noch mal einen Farbtupfer in die Reigenfolge.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Das Programm setzte sich wie ein prächtig bestickter Karnevals-Sakko fort: Die Boisheimer Ki Ka Kai a war mit ihrem ersten Kinderdreigestirn — Prinzessin Lina I., Bäuerin Emma I. und Jungfrau Abelina I. — zu Gast … tänzerisch ergänzt von der Dölker Kinderprinzessin, die, wenn sie nicht gerade die Krone trägt, in der Bossemer Garde tanzt.

Die Karnevalsgesellschaft Hoseria schickte ihre kleine und große Garde auf die Bühne und erntete tosenden Applaus. Die Tanzgarde Alt Viersen 2020 gab ebenfalls einen energievollen Beitrag, und die Crazy Kids aus Dülken — begleitet von ihrem Kinderprinzenpaar Marie I. und Nico I. — hatten die Reise über den Berg gern in Kauf genommen: ihre Präsenz wurde mit jubelndem Willkommen belohnt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Dann: Eine große Reise. Die Süchtelner Tanzgarde setzte den mitreißenden und harmonischen Schlusspunkt. Mit dem Sessions-Motto „Central Park Zoo — New York“ nahm die Show Fahrt auf: eine imaginäre Überfahrt mit der MS C Süchteln führte das Publikum durch eine Szenenfolge, in der Freiheitsstatue, glitzernde Skylines und Broadway-Reminiszenzen in rasendem Wechsel auftauchten.

Silberne Kostüme reflektierten das Bühnenlicht in tausend Funken; Choreografien schwankten zwischen Broadway-Showtanz und karnevalistischer Präzision — eine Mischung, die den Saal kollektiv an Bord holte. Die Zuschauer fühlten sich wie Passagiere auf einer Miniatur-Weltreise, die vom Niederrhein aus gestartet war.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Zwischen all dem Glanz und den Rufen blieben die Wurzeln nicht vergessen: die Soetelsche Muhre, jene historische gelbe Möhre, die einst als Antwort auf Fütterungsprobleme der Region gezüchtet wurde. Paul Luhnen vom Lemmenhof in Süchteln-Vorst, geboren 1841, begann ab etwa 1870 mit der Züchtung dieser gelben Möhre — einem Futtermittel, das Kuh und Schwein neues Wohlbefinden brachte. Viele Jahre Arbeit, botanisches Wissen und ein bisschen Glück auf sandigem Bruchboden führten zur „Süchtelner Möhrensaat“.

1880 hatten die Tiere des Lemmenhofs keine Verdauungsprobleme mehr; die Nachricht von diesem Erfolg verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und bald kamen Bauern aus dem Rheinland, um Luhnen um Rat zu fragen. Die Nachfrage wuchs, die Felder wuchsen mit, und die Saat wurde berühmt. Paul Luhnen starb am 11. August 1926 im Alter von 85 Jahren — doch sein Erbe lebt weiter: heute ist die Sorte als „Lobbericher-Gelbe Futtermöhre“ erhalten geblieben.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Dass die gelbe Möhre nicht nur dem Vieh schmeckte, zeigte sich bald in den Küchen: das „Muhrepruchel“, heute meist als Muhrejubbel bekannt, wurde zum kulinarischen Markenzeichen des Niederrheins. Und auch der karnevalistische Geist ließ die Möhre nicht los: 1962 organisierte der Süchtelner Karnevalsverein Hagenbroich den ersten Karnevalsumzug unter Prinz Heinrich I. (Körfers) zum Motto „Soetelsche Muhresoat“. Die Tradition blieb lebendig, und wer einmal den Süchtelner Karneval erlebt hat, trägt das mitreißende, rundgesungene Hoch auf die Möhre im Ohr.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Der Saal summte noch von der letzten Melodie, als sich die Stimmen zu einem Chor formten und der vertraute Ruf erklang: „Sötelsche Muhre…Soat…Muhre…Soat…Muhre…Soat“ — ein dreifaches Hoch, das wie eine Fahne durch die Reihen flatterte. Und wer wollte, konnte sich erheben und die Süchtelner Karnevals-Hymne anstimmen — zur Melodie der britischen Nationalhymne — ein Schlussbild, das so vertraut und so ausgelassen war wie die Stadt selbst …

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

„Sö-tel-sche Muuh-re-soat, Sö-tel-sche Muuh-re-soat, Sö-tel-sche Soat.
Söö-tel-sche Muuuuh-re-soat, Söö-tel-sche Muuuuh-re-soat,
Söhö-tehel-schehe Muuh-re-soat, Söhö-tel-sche Soat.“ (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz