Als sich am Donnerstagabend die Türen des Boisheimer DORV-Zentrums öffneten, lag eine spürbare Wärme in der Luft – eine Mischung aus Dankbarkeit, Stolz und lebendiger Erinnerung. Zehn Jahre BoDo – das bedeutet ein Jahrzehnt voller Begegnungen, Gespräche, gemeinsamer Arbeit und vieler kleiner wie großer Geschichten, die aus einem alten Feuerwehrhaus einen Ort des Miteinanders gemacht haben.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Viersen-Boisheim – Es war im Herbst 2015, als Diakon Karl Aymanns und Pfarrer Mischa Czarnecki dem neuen Dorfzentrum den kirchlichen Segen gaben. „BoDo“, kurz für Boisheimer Dorfzentrum, war damals mehr als nur ein neuer Laden – es war die Antwort auf eine Frage, die viele umtrieb: Wie bleibt ein Dorf lebendig, wenn Bäckerei, Metzger und Lebensmittelgeschäfte verschwinden? Die Antwort steht heute fest in Backstein und Herzblut am Pütterhofer Weg. Angefangen hatte alles mit einer Idee, die fast utopisch klang: Nahversorgung und Gemeinschaft unter einem Dach. Ein Treffpunkt, wo Menschen jeden Alters sich begegnen können – beim Einkauf, bei einer Tasse Kaffee oder bei einem der vielen Feste, die das Jahr in Boisheim strukturieren. Der Mut einiger Engagierter verwandelte die Vision in ein Projekt, das längst weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung findet.

Eine zentrale Rolle spielten von Beginn an Brigitte Jansen und Michael Wolter. Sie gehören zu den Gesichtern, die BoDo geprägt haben – mit Organisationstalent, unermüdlichem Einsatz und vor allem mit Herz. Beide sind seit der Gründung Motoren des Projekts, Brigitte Jansen als Mitinitiatorin, Michael Wolter als ehrenamtlicher Geschäftsführer. Wenn andere sonntags Pause machen, backen sie Kuchen für das Café, organisieren Feste oder packen mit an, wenn nach einer Geldautomatensprengung wieder aufgebaut werden muss.
Für dieses außergewöhnliche Engagement erhielten sie nun eine der höchsten Ehrungen, die die Stadt Viersen zu vergeben hat: die Stadtplakette in Bronze. Als eine ihrer letzten Amtshandlungen überreiche Bürgermeisterin Anemüller sie im Namen des Rates, der sich – parteiübergreifend – einstimmig für die Auszeichnung ausgesprochen hatte. In ihrer Rede würdigte sie das „unermüdliche Tun im und rund um den Dorftreff“ und zitierte aus dem Antrag: „Das ehemalige Feuerwehrgebäude wurde durch viel Eigenleistung umgebaut. Der BoDo und die umliegenden Freiflächen haben sich zu Boisheims Mittelpunkt entwickelt.“

Doch die Feier war mehr als eine Ehrung – sie war ein lebendiges Zeugnis dessen, was aus gemeinsamer Überzeugung entstehen kann. Zwischen frisch gebackenen Kuchen, herzlichem Lachen und dem Duft von Kaffee erzählten alte und neue Weggefährten ihre Geschichten. Moderator Marko Dillikrath zog in seiner Festrede einen ungewöhnlichen Vergleich: „BoDo ist wie ein Kind, das geboren wurde, genährt werden musste, laufen lernte und heute Fahrrad fährt – und das dank seiner vielen Eltern, Paten und Freunde stetig wächst.“ Vier Bilder zeichnete er den Gästen vor Augen: Die älteren Damen mit ihren Rollatoren, die im Dorfladen selbstbestimmt einkaufen; das „Late Night Shopping“ am dritten Donnerstag im Monat, wo man sich einfach trifft, um zu plaudern oder Ideen zu spinnen; den Sonntagnachmittag auf der Sonnenterrasse bei Kaffee und Kuchen; und schließlich den kleinen, liebevoll gestalteten Weihnachtsmarkt im Dezember – „vielleicht der anheimelndste in ganz Nordrhein-Westfalen“.
Der Rückblick auf die Anfänge zeigt, wie weit Boisheim gekommen ist. 2014, bei einer Bürgerversammlung im „Conny’s Come In“, war der Gedanke eines Dorfladens noch ein Wagnis. Freiwillige machten sich damals auf den Weg, um von Haustür zu Haustür zu gehen, Fragebögen auszufüllen und herauszufinden, was die Menschen sich wünschten. Das Ergebnis war eindeutig: Die Mehrheit wollte Nahversorgung, Begegnung und ein Stück Heimat im Alltag zurück. Das alte Feuerwehrgerätehaus wurde zum Symbol dieser Idee. Für einen symbolischen Mietpreis stellte die Stadt Viersen es zur Verfügung – und bald darauf begannen die Umbauten in Eigenleistung. Zahlreiche Boisheimer zeichneten Anteilscheine, um die Finanzierung zu sichern, ohne Aussicht auf Profit, aber mit dem Ziel, etwas Bleibendes zu schaffen. Aus der Gemeinschaft entstand eine GbR, später eine gGmbH – und ein Zentrum, das inzwischen nicht nur Dorfladen, sondern Treffpunkt, Veranstaltungsort und Ort gelebter Nachbarschaft ist.

Schon früh erregte das Projekt überregionale Aufmerksamkeit. 2016 war BoDo für den „Preis Soziale Stadt“ nominiert – und zählte bundesweit zu den drei besten Initiativen in der Kategorie Wirtschaft, Arbeit und Beschäftigung. In Berlin nahm eine Delegation stolz die Auszeichnung entgegen. Auch wenn der Hauptpreis an ein Berliner Großprojekt ging, wurde Boisheim als beispielhaftes Modell für bürgerschaftliches Engagement hervorgehoben.
Heute ist BoDo längst mehr als ein Nahversorger. Es ist ein Ort der Begegnung, ein Forum für Ideen, eine Plattform für Gemeinschaft. Wer hier einkauft, bekommt nicht nur Brot, Milch und Käse – sondern auch Nähe, ein Lächeln, ein Gespräch. BoDo ist so etwas wie WhatsApp in analoger Form, lächelte Marko Dillikrath – nur mit allen Sinnen: sehen, erleben, austauschen, gemeinsam planen. (sk)





