Jeck, janz normaal und mittendrin – Karneval, wie er Menschen verbindet

Schon am frühen Nachmittag lag am gestrigen Sonntag ein ganz besonderer Zauber über dem Evangelischen Gemeindehaus. Kaum war die Nacht nach der Cheriff-Ehrung verklungen, kaum hatte man richtig ausgeschlafen, da rief schon wieder das närrische Trömmelche.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming

Viersche – Zum dritten Mal hatte die KG Hamm wer net zur inklusiven Karnevalssitzung „Jeck und janz normaal“ eingeladen – und längst war daraus mehr geworden als nur ein weiterer Termin im Sitzungskalender. Was sich hier entfaltete, war niederrheinische Karnevalstradition mit Herz, Lautstärke, Nähe und einem offenen Blick für alle Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Die Zusammenarbeit mit dem LVR-Verbund war dabei keine Randnotiz, sondern spürbar gelebter Alltag: Hier war niemand Gast zweiter Klasse, hier wurde Karneval auf Augenhöhe gelebt, mitten im Getümmel, mitten im Leben.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit dem Einmarsch der KG Hamm wer net 1950 e. V. zog augenblicklich Bewegung in den Saal. Bunte Kostüme, Uniformen blitzten und Präsident Michael Berghausen begrüßte das Publikum mit sichtbarer Freude. Seine Worte gingen nicht unter im Trubel, sondern setzten den Ton für einen Nachmittag, der von Nähe, Offenheit und echtem Miteinander geprägt war. Danach übernahm die Musik – laut, lebendig und kompromisslos.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Das Duo „Vierscher Krachmacher“, welches schon im vergangenen Jahr die Bühne erobert hatte, brachte den Saal früh auf Betriebstemperatur. Hände gingen nach oben, Füße wippten, und der Applaus setzte ein, noch bevor der letzte Ton verklungen war. Nahtlos schloss sich der Auftritt der närrischen Regenten an. Prinz Wolfgang III. der Narrenherrlichkeit Viersen betrat die Bühne, an diesem Sonntag ohne seine Prinzessin Estefania I., begleitet vom Viersener Kinderprinzenpaar mit Prinz Moritz I. und Prinzessin Caro I. sowie der Viersener Prinzengarde.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Funkelnde Insignien, strahlende Gesichter und eine spürbare Verbundenheit mit dem Publikum verliehen dem Moment festlichen Glanz. Mit Humor, Musik, Gesang und persönlichen Worten wandten sich die Tollitäten an die Jecken im Saal und brachten ihre Liebe zum Karneval und zur Stadt Viersen zum Ausdruck.

Auch die Prinzengarde setzte tänzerische Akzente. Besonders viel Applaus erhielt zudem Regimentstochter Anna-Lena, die seit der Session 2023/2024 Teil der Garde ist. Jede ihrer Bewegungen verriet Disziplin, Training und Leidenschaft. Der Auftritt verband Tradition und jugendliche Energie und fügte sich nahtlos in das Gesamtbild dieses Nachmittags ein.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Bühne gehörte danach erneut einem Publikumsliebling: Der Hammer Show Express verwandelte das Evangelische Gemeindehaus in eine brodelnde Arena. Was diese Gruppe auszeichnete, war nicht nur Choreografie und Timing, sondern die sichtbare Begeisterung der Tänzerinnen und Tänzer. Jeder Schritt, jedes Lächeln wirkte ehrlich und ansteckend. Der Funke sprang über, der Saal reagierte mit Jubel, Klatschen und rhythmischem Mitgehen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Es folgten weitere heimische Akteure, die das karnevalistische Bild abrundeten. Die Tanzgarde Alt Viersen 2020 e.V. zeigte, warum sie sich in den vergangenen Jahren einen festen Platz im Karnevalsgeschehen der Region erarbeitet hat. Ob bei Straßenumzügen oder auf den Bühnen am Niederrhein – ihre Tänzerinnen und Tänzer überzeugten mit einem eigens für die Session einstudierten Tanz, Präzision und spürbarem Teamgeist. Man sah die intensive Probenarbeit, aber auch den Spaß, den die Gruppe miteinander teilt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit frischem Wind aus Süchteln zog anschließend das Dreigestirn ein. Prinz Nicolai, Jungfrau Thomas „Thomina“ und Bauer Uwe präsentierten sich als eingespieltes Team, das den Karneval nicht nur verwaltet, sondern lebt. Sie brachten das Solomariechen Laura von der Süchtelner Prinzengarde mit, die mit schwungvollen Schritten und sicherer Technik den Saal eroberte und dafür reichlich Applaus erhielt.

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Prächtige Uniformen und traditionelle Klänge kündigten den Auftritt der Funkengarden der KG Hoseria 1950 e. V. an. Sowohl die große als auch die kleine Garde füllten die Bühne mit Leben und erinnerten zugleich an die lange Geschichte des Vereins, der in der Nachkriegszeit gegründet wurde, um den Menschen Hoffnung und Freude zu schenken. Diese Idee war auch Jahrzehnte später noch spürbar.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Einen besonders starken lokalen Akzent setzten die LES Hammphries der KG Hamm wer net. Mit viel Herzblut, augenzwinkerndem Humor und sichtbarer Freude zeigten sie, wie fest der Karneval im Stadtteil Hamm verwurzelt ist. Die „Jungs“, wie sie liebevoll genannt werden, sind längst mehr als ein Programmpunkt – sie gehören zum festen Inventar solcher Nachmittage und wurden entsprechend gefeiert.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als die Happy Dance Kids und die Happy Dance Crew der Tanzschule Happy Dance aus Brüggen-Bracht die Bühne betraten, änderte sich die Stimmung erneut. Leuchtende Augen, bunte Kostüme und eine ansteckende Fröhlichkeit ließen den Saal strahlen. Die Kinder zeigten, wie viel Gemeinschaft und Disziplin in einem solchen Auftritt stecken. Koordination, Motorik und Teamarbeit wurden sichtbar, ohne dass der Spaß zu kurz kam. Trainiert von Leonie, erhielten die Kids viel Applaus für ihren Zusammenhalt. Die anschließende Happy Dance Crew brachte mit dem „Time Warp“ einen weiteren Höhepunkt auf die Bühne und ließ den Saal mitswingen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Zum Abschluss gehörte die Bühne der KG Ruet-Wiss-Okerke aus Mönchengladbach-Odenkirchen. Ihre inklusive Tanzgarde zeigte, wie selbstverständlich Vielfalt im Karneval gelebt werden kann. Kinder und Jugendliche zwischen drei und 29 Jahren, mit und ohne Einschränkungen, stehen gemeinsam im Rampenlicht. Downsyndrom, Autismus, ADHS sowie geistige, emotionale oder körperliche Einschränkungen spielten hier keine trennende Rolle. Trainerin und Vorstand Stephanie Wintzen, unterstützt von pädagogischer und pflegerischer Fachkraft, hatte eine Struktur geschaffen, in der jeder das zeigen konnte, was möglich war. Wenn Florian einmal den nächsten Schritt vergaß, half Lenya weiter. Solomariechen Anna überzeugte mit Mut und Ausdruck, auch bei anspruchsvollen Hebefiguren. Geschimpft wurde nicht, Leistung stand nicht im Vordergrund, sondern Freude und gegenseitige Unterstützung.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Nachmittag im Evangelischen Gemeindehaus klang noch lange nach. Musik schwebte durch den Saal, irgendwo wurde weitergelacht, Kostüme raschelten, Schuhe klopften im Takt, und zwischen all dem mischten sich Gespräche, Umarmungen und fröhliche Zurufe. Der Karneval hatte hier viele Gesichter: schillernd und leise, kraftvoll und zart, festlich und verspielt. Tradition traf auf frische Ideen, Gardetanz auf freie Bewegung, laute Alt Hamm-Rufe auf stille Glücksmomente. Es war ein buntes Miteinander aus Trommelwirbel, Applaus, glänzenden Augen und ehrlicher Freude – ein närrischer Nachmittag, der mit seiner dritten Auflage nun gute niederrheinische Tradition ist und hoffentlich noch viele Jahre die Vierscher Jecken begeistern wird. (sk)